US-Außenministerium Aids-Zar stürzt über Sexskandal

Ein enger Vertrauter von US-Außenministerin Condoleezza Rice ist zurückgetreten. Als Entwicklungshelfer predigte er Keuschheit. Nun räumte er ein, Kunde eines Escort-Services gewesen zu sein. Die Chefin des Sex-Unternehmens droht, weitere Promis aus Washington als Freier zu outen.


Randall L. Tobias, einst unverzichtbar geglaubte Stütze von Außenministerin Condoleezza Rice, hat sein Amt niedergelegt. Der vom Präsdenten persönlich hochgelobte "Aids-Zar", oberster Bekämpfer der Immunschwächekrankheit in der Dritten Welt im Auftrag der US-Regierung, wird Privatier - und zwar wegen erwiesener Konakte zu einem Escort-Service.

Randall L. Tobias: "Kein Sex", nur Massagen?
Getty Images

Randall L. Tobias: "Kein Sex", nur Massagen?

Peinlich, gerade für einen, der stets Enthaltsamkeit und Keuschheit als probatestes Mittel zum Schutz vor Aids pries. Es ist ein richtig saftiger Skandal, der sich da gerade Bahn bricht in Washington. Und Tobias könne nur der erste sein, der über ihn stürzt.

10.000 bis 15.000 Telefonnummern sollen auf der Kundenliste von Deborah Jeane Palfrey stehen, die derzeit als "DC Madame" Schlagzeilen macht. Sie organisierte für ihre Kunden laut der "Washington Post", Frauen "mit College-Ausbildung", die von zahlungskräftigen Männern für 90-minütige "legale, sexuelle Spiele" im Hotel oder beim Kunden zu Hause jeweils 275 Dollar bekamen.

Palfrey steht derzeit vor Gericht – ihr wird Geldwäsche und das Betreiben eines Prostituiertenringes vorgeworfen. Doch die "DC Madame" will sich nicht so einfach geschlagen geben: Sie droht schon seit Woche damit, hochkarätige Kunden aus ihrer Kartei in den Zeugenstand zu laden, um zu belegen, dass sie ein ganz legales Geschäft betrieben habe.

"Kein Sex"?

Tobias könnte das erste Opfer in einer ganzen Reihe sein, wenn Palfrey ihre Drohungen wahr macht. Offenbar hatte ihn ein Team von ABC News mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Telefonnummer auf Palfreys Kundenliste stand. Tobias bestätigte dem Sender, dass er mehrere Male bei "Pamela Martin and Associates" angerufen habe, damit "Mädels rüber in meine Wohung kamen, um mich zu massieren". Er betonte laut ABC jedoch, es habe "keinen Sex" gegeben. Auch die Dienste einer zweiten Agentur, die ihm "Zentralamerikanerinnen" vermittelt habe, hat Tobias demzufolge in Anspruch genommen – wiederum nur für "Massagen".

Deborah Palfrey: 15.000 Telefonnummern von Kunden
AP

Deborah Palfrey: 15.000 Telefonnummern von Kunden

ABC wird in der Sendung "20/20" kommende Woche ein Interview ausstrahlen, in dem Palfry dem Sender zufolge ankündigt, sie werde Tobias und eine Reihe anderer hochrangiger Kunden aus Washington in den Zeugenstand zitieren. Sie habe niemals illegale Dienste angeboten, falls von ihr angestellte Frauen tatsächlich mit ihren Kunden geschlafen hätten, stelle das eine Vertragsverletzung dar und sei hinter ihrem Rücken geschehen. Die prominenten Zeugen sollen nun bestätigen, dass bei "Pamela Martin" immer alles sauber zuging.

Gestern informierte Tobias seine Vorgesetzte Condoleezza Rice darüber, dass er seine Ämter mit sofortiger Wirkung niederlege. Er war Direktor der Behörde für Entwicklungshilfe und auch Chef der Behörde für Internationale Entwicklung. Tobias kehre nun "aus persönlichen Gründen ins Privatleben zurück".

Der ehemalige Topmanager hatte zuvor schon den Pharmakonzern Eli Lilly & Co. geleitet und davor in leitender Position für den Telekommunikationsgiganten AT&T gearbeitet. Der "Washington Post" zufolge hatte sich der 65-Jährige schon vor sechs Monaten von seinen Aufgaben als Rices Mann für Afrika zurückziehen wollen, Rice hatte ihn jedoch nicht gehen lassen, weil sie ihn für unverzichtbar hielt. Zahlreiche Ehrendoktorwürden und andere Auszeichnungen sind dem Star-Manager im Laufe seiner Karriere verliehen worden.

Vor drei Tagen erst lobte George W. Bush ihn für seine Erfolge bei der Führung "Amerikas monumentaler Anstrengungen, die HIV/Aids-Epidemie in Afrika anzugehen". Dabei vertrat Tobias genau die Linie seines obersten Dienstherren: Dass nämlich Kondome nicht das einzige Mittel gegen die Ausbreitung von Aids sein könnten, dass nur Enthaltsamkeit ein wirklich probates Mittel sei, der Krankheit zu begegnen.

Dass er nun über einen Escort-Skandal stürzt, ist für die US-Regierung höchst peinlich. USAID, die staatliche Hilfsorganisation, der Tobias als Teil seiner Aufgaben ebenfalls vorstand, entfernte schon Minuten nach der offiziellen Bekanntgabe seines Rücktritts seine offizielle Biografie aus dem Netz. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte, der Präsident sei "traurig und enttäuscht" und wünsche "Dr. Tobias und seiner Familie alles Gute".

"Das könnte manche Leute in Sorge versetzen"

Der Fall dürfte aber auch einige andere prominente Einwohner Washingtons ins Schwitzen bringen, die ihre Telefonnummern ebenfalls auf den Listen von Deborah Palfrey vermuten müssen. Palfreys Rechtsbeistand Montgomery Blair Sibley sagte der "Washington Post", er sei schon von fünf Anwälten angesprochen worden, die wissen wollten, ob die Nummern ihrer Klienten auf der Liste stünden. Manche hätten auch gefragt, ob man sich nicht irgendwie darüber einigen könne, ihre Klienten nicht öffentlich zu identifizieren. Sibley sagte seinen Angaben zufolge, er könne das nicht versprechen.

Er vermute, die ABC-Kamerateams, die nun unterwegs seien, hätten den einen oder anderen nervös gemacht, so Sibley: "Das könnte manche Leute in Sorge versetzen." Er selbst und seine Klientin hätten in vielen Fällen nicht die Möglichkeit, von der Telefonnummer auf die Identität eines Kunden zu schließen, ABC jedoch habe die notwendigen Ressourcen.

Tobias ist nicht der erste hochrangige Bewohner der US-Hauptstadt, der durch Palfreys Dienste in Schwierigkeiten gerät. Vor einigen Wochen hatte sie Harlan K. Ullman als "einen der regelmäßigen Kunden" von "Pamela Martin and Associates" benannt. Ullman ist einer der Theoretiker, die die "Shock and Awe"-Strategie des US-Militärs für den Einmarsch in den Irak entwickelt haben. Der frühere Marineoffizier reagierte kühl auf Palfreys Erwähnung seines Namens. "Diese Behauptungen sind keiner Erwiderung würdig", sagte er CNN.

Palfrey muss am Montag vor Gericht erscheinen, um sich einen neuen Strafverteidiger zuweisen zu lassen. Im Augenblick wird sie offiziell von einem Pflichtverteidiger vertreten.

cis



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.