US-Besuch Netanjahu fährt als Verlierer heim

Tausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipac bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz.

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

DPA

Keinen Auftritt liebt Benjamin Netanjahu mehr als diesen: Wenn 13.000 jüdische US-Amerikaner vor ihm sitzen, eingetragene Fans Israels, bei diesem Hochamt der israelisch-amerikanischen Freundschaft, genannt Aipac (American Israel Public Affairs Committee). Der Premierminister des jüdischen Staates kann sich hier ein wenig fühlen wie der Schattenpräsident der USA.

Er schraubt dann gerne seine Stimme eine Tonlage tiefer und schlägt seinen besten Ostküstenakzent an. So tat Netanjahu es auch am späten Montagabend, als er auf die Aipac-Bühne trat und wieder einmal nur über ein Thema redete: Iran.

Kurz zuvor hatte Barack Obama noch lächelnd in die Kameras gesagt, dass er und Netanjahu eine diplomatische Lösung bevorzugten. Dabei hat Netanjahu das nie gesagt, es war ein hinterhältiger Satz, aus seiner Sicht. Deswegen nutzte er den Auftritt vor dem Aipac um zwei Fehleinschätzungen, aus seiner Sicht, zu widerlegen: Dass Diplomatie Iran in die Knie zwingen kann und dass ein nukleares Iran nicht die größte Gefahr für die Menschheit ist. "Wir haben darauf gewartet, dass Diplomatie wirkt. Wir haben darauf gewartet, dass Sanktionen wirken. Aber wir können es uns nicht leisten, noch länger zu warten", sagte er auf dem Höhepunkt seiner Rede. "Als Premierminister von Israel werde ich nicht zulassen, dass mein Volk unter dem Schatten der Auslöschung leben muss."

Um das zu bekräftigen, zitierte Netanjahu aus Briefen zwischen dem Jüdischen Weltkongress und der US-Regierung von 1944, die auf seinem Schreibtisch in Jerusalem liegen, als eine ständige Mahnung. Darin flehte der Weltkongress Amerika an, Auschwitz zu bombardieren. Die Antwort kam fünf Tage später, Amerika lehnte ab. Netanjahu, begleitet von Standing Ovations, deklamierte die Antwort der USA: "Solch ein Bemühen könnte ein noch rachsüchtigeres Handeln der Deutschen provozieren." Er machte eine Pause, schaute in die Menge: "Stellen Sie sich das vor: 'ein noch rachsüchtigeres Handeln' als der Holocaust." Für ihn ist das die Parallele: Dass Iran Deutschland ist, der Holocaust droht - und Amerika nicht handelt, aus Angst vor den Folgen. Es ist ein sehr harter Vorwurf.

Der Holocaust ist immer da, wenn Netanjahu über Iran spricht. Er ist seine Begründung dafür, dass Israel sich selbst verteidigen muss, jederzeit, um jeden Preis. Das macht jede Verhandlung schwierig.

Passend kommt für Netanjahu auch, dass am Mittwoch das jüdische Purim-Fest beginnt. Purim erinnert daran, wie Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, vor 2500 Jahren geplant haben soll, alle Juden an einem Tag zu ermorden. Verhindert wurde das von der jüdischen Königin Esther, durch Beten und Fasten. Auch jetzt ist da wieder ein "persischer Antisemit", so sieht es Netanjahu, der auch sonst gerne 3000 Jahre zurückgreift, etwa wenn es um den Anspruch Israels auf das Westjordanland geht. "In jeder Generation gibt es jene, die das jüdische Volk auslöschen wollen." Daran wollte Netanjahu auch Barack Obama erinnern, deswegen hatte er ihm kurz zuvor eine Ausgabe des Buchs Esther überreicht.

Die Aipac-Delegierten klatschten während Netanjahus Rede im Minutentakt, und Netanjahu genoss die Standing Ovations sichtlich. Nur, seine Freunde im Saal muss er nicht mehr überzeugen. Deswegen kann der Applaus kaum überdecken, dass Netanjahu als Verlierer nach Jerusalem zurückfährt.

Der Handschlag für die Fotografen war sehr kurz

Zwar ist geheim, worüber die beiden Staatschefs in ihrem fast zwei Stunden langen Treffen gesprochen haben, bei dem sie zuletzt sogar ihre Sicherheitsberater aus dem Raum schickten. Aber es sieht nicht so aus, als habe Barack Obama die von dem Israeli erhofften Zugeständnisse gemacht.

In einem Gespräch mit israelischen Journalisten sagte Benjamin Netanjahu danach, der US-Präsident habe Verständnis für die israelische Haltung gegenüber Iran und erkenne Israels Recht auf Selbstverteidigung an. Das ist jedoch nicht neu, Obama hat das alles schon vorher gesagt. Und dann sagte Netanjahu zum ersten Mal öffentlich, dass Israel die Entscheidung über einen Angriff auf Iran noch nicht getroffen habe - und widersprach damit gegenteiligen Berichten israelischer Medien. War das ein Zugeständnis an Obama? Der hatte zuvor das Kriegsgerede der Israelis kritisiert, weil es die Ölpreise steigen lasse und den Effekt der Sanktionen unterminiere.

"Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Amerika und Israel sind unverändert geblieben", urteilte danach die israelische Zeitung "Maariv". Man sei sich einig, dass Iran keine Nuklearwaffen haben sollte und Israel sich selbst verteidigen dürfe. "Dahinter beginnt das graue Niemandsland der Uneinigkeit und des gegenseitigen Misstrauens." Weder habe sich Obama festgelegt, ob und ab wann die USA selbst militärisch eingreifen würden, noch habe Netanjahu versprochen, auf einen Angriff auf jeden Fall zu verzichten. Man versprach sich lediglich, so schreibt es die Zeitung "Haaretz", die Koordination zu verbessern. Und das, obwohl Netanjahu laut "Maariv" neue Geheimdienstdokumente vorgelegt hat, die beweisen sollen, dass das iranische Nuklearprogramm weiter fortgeschritten ist als bekannt, dass Iran jederzeit den Hebel umlegen könne, um Atomwaffen herzustellen. "In diesem Fall ist es zu spät für einen Angriff", soll Netanjahu zu Obama gesagt haben.

Vor allem interpretierten die mitreisenden israelischen Journalisten die Körperhaltung der beiden Staatschefs. In Israel ist das inzwischen zu einem Sport geworden. Als Netanjahu vor etwa einem Jahr Obama eine Lektion in jüdischer Geschichte hielt, da verkrampfte sich die Hand des US-Präsidenten auf der Sessellehne merklich. Diesmal, so wurde genau beobachtet, lag ein Arm auf der Lehne, der andere auf dem rechten Bein. Der Handschlag für die Fotografen war sehr kurz. Dann lehnte sich Obama im Sessel zurück. Im Weißen Haus weiß man, was das bedeutet: Dass der Präsident seine Distanz wahrt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
keppler 06.03.2012
1. Hoffentlich
Zitat von sysopDPATausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipec bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819601,00.html
stimmt das, dass Obama auf Distanz ist u. auch bleibt. Die israelische Kriegstreiberei u. Rechthaberei ist unerträglich.
ip- 06.03.2012
2. Nr. 2
Zitat von sysopDPATausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipec bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819601,00.html
Zweiter einseitiger Propaganda-Artikel in zwei Tagen, von der selben Autorin. Danke Spiegel, fuer die Meinungsmache!
gaga007 06.03.2012
3.
Zitat von sysopDPATausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipec bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819601,00.html
So ist das mit "Freunden" ... Israel wird nicht zusehen (können), wie seine Nachbarn seine Vernichtung planen.
delponte 06.03.2012
4. und weshalb
Zitat von sysopDPATausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipec bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819601,00.html
Fährt Netanjahu als Verlierer heim? Die Antwort bleibt man schuldig, oder ist hier mal wieder der Wunsch Vater der These? Was für ein hat der SPIEGEL mit Israel?
peterhausdoerfer 06.03.2012
5. Ntanjahu geht es nicht um iranische Nuklearwaffen
Zitat von sysopDPATausende Anhänger der pro-israelischen Lobbygruppe Aipec bejubelten die Rede von Benjamin Netanjahu, der Premier warnte vor einem von Iran geplanten zweiten Holocaust. Die Reise nach Washington war für ihn dennoch ein Misserfolg: US-Präsident Obama blieb auf Distanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819601,00.html
sondern darum die USA in einen Krieg mit dem Iran zu verwickeln um die Industrie und die Infrastruktur des Landes zu zerstören, kurz den Staat Iran. Der Mann ist ein Brandstifter. Er vergleicht gerne Hr. Ahmadinejad mit Hitler.
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