Washington - Wenn die Eiskönigin einschwebt, zittern die Designer. Anna Wintour, Chefredakteurin des amerikanischen Magazins "Vogue", wird in der Modewelt verehrt und gefürchtet. Seit fast 25 Jahren herrscht sie von ihrem Büro in New York aus. Sie ist einflussreich und bestens vernetzt - bis in die Politik.
Diese Kontakte und ihr Engagement für US-Präsident Barack Obama könnten Wintour, 63, nun zu einem Botschafterposten in Europa verhelfen. Dies berichtet der Nachrichtendienst Bloomberg. Während des Wahlkampfs hat Wintour, die immer perfekt frisiert ist und ihre Augen oft hinter einer dunklen Sonnenbrille verbirgt, eifrig Spenden für ihn gesammelt. Schlappe 40.000 Dollar kostete ein Platz bei einer Party, die Wintour und Hollywood-Schauspielerin Sarah Jessica Parker für Barack und Michelle Obama organisierten. "Es wird ein phantastischer Abend", warb die "Vogue"-Chefin in einem Video, "bitte kommen Sie auch. Aber kommen Sie nicht zu spät."
Zwei Monate später, im August, legte sie mit einer Veranstaltung nach, bei der die Gäste 35.800 Dollar für die Teilnahme bezahlten. Außerdem brachte eine von ihr initiierte Modelinie mit Obama-Logos laut Wahlkampfmanager 40 Millionen Dollar ein. Bereits im Sommer gab es Gerüchte, dass Obama die gebürtige Britin mit einem Botschafterposten belohnt - im Gespräch sind laut Bloomberg nun die Residenzen London oder Paris.
Überraschend wäre das nicht. Denn viele US-Botschafter verdanken den Job nicht ihrer außenpolitischen Expertise, sondern ihrem Fleiß beim Spendeneintreiben. Anders als in Deutschland werden die Posten oft nicht an Karrierediplomaten vergeben, sondern an besonders eifrige Anhänger.
Vom "Staubsauger" zum Botschafter in London
Phil Murphy, US-Botschafter in Berlin, konnte vor seiner Ernennung 2009 keine diplomatische Erfahrung vorweisen. Dafür hatte der Ex-Banker in zahlreichen Wahlkämpfen Millionen Dollar für die Demokratische Partei gesammelt.
Der bisherige Botschafter in London, Louis Susman, war einst Vize der Citigroup und später vielbeschäftigter Spendensammler. Weil er die Dollarscheine richtiggehend aufsaugte, bezeichnete ihn die "Chicago Tribune" als "Vacuum Cleaner", als Staubsauger. "Keiner liebt das Geldeinsammeln, aber es scheint, als habe ich ein glückliches Händchen dafür", lobte Susman sich selbst.
Auch Wintour bringt keine Erfahrung als Diplomatin mit. Dass sie in politischen Fragen nicht immer ein gutes Urteilsvermögen bewiesen hat, zeigt eine "Vogue"-Geschichte über die Frau des syrischen Diktator Baschar al-Assad.
Asma al-Assad wird in dem Artikel als "Rose in der Wüste" gepriesen, als eine "schlanke, langbeinige Schönheit mit einem geschliffenen, analytischen Verstand". Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ermordeten Truppen des Machthabers bereits Teile der eigenen Bevölkerung. Der Text verschwand von der Website der Zeitschrift und wurde aus dem Archiv gelöscht. Man habe gehofft, dass sich das Assad-Regime "einer progressiveren Gesellschaft öffnen" würde, wand sich Wintour damals. Aber Assads Werte hätten "völlig im Gegensatz zu denen der 'Vogue'" gestanden. Neben der "Vogue" veröffentlichte damals auch die "Huffington Post" glamouröse Bilder von Asma al-Assad.
Kritik an unerfahrenen Diplomaten
Die aus London stammende Wintour begann mit 21 Jahren, im Modejournalismus zu arbeiten und profilierte sich schnell als Modekritikerin. 1988 nahm sie auf dem Chefsessel der amerikanischen "Vogue" Platz und verwandelte das Modemagazin in eine Lifestyle-Zeitschrift. Gleichzeitig wurde sie mit ihrem scharfen Urteil und ihrer Unnahbarkeit selbst zum Mythos. So war sie das Vorbild für die exzentrische Chefredakteurin in dem Film "Der Teufel trägt Prada". Seit Jahren gibt es aber auch Gerüchte um ihre Ablösung, und auch jetzt dementierte eine Sprecherin bei Bloomberg, Wintour habe kein Interesse an anderen Posten. "Sie ist sehr glücklich in ihrem Job."
Wintour gilt zudem nicht als einzige Kandidatin für die hohen diplomatischen Ämter in Europa. Laut "Bloomberg" ist auch Matthew Barzun im Gespräch, der die Finanzen der Obama-Kampagne gemanagt hat und zuvor zwei Jahre Botschafter in Schweden war. Für Paris käme demnach der reiche Investor Marc Lasry in Frage.
Das Postengeschacher gefällt allerdings nicht jedem. Die Präsidentin der American Foreign Service Association bemängelte, Obama habe 2008 versprochen, mehr außenpolitische Experten zu ernennen. Diese Hoffnungen seien jedoch nicht erfüllt worden. Wintour etwa sei eine "intelligente, fähige" Person, aber "Erfahrungen auf dem Feld der Diplomatie und internationalen Beziehungen sind wirklich von Vorteil", so Susan Johnson bei Bloomberg.
Neu ist die Debatte nicht. Bereits 1983 kritisierte die Association, von 119 von Ronald Reagan ernannten Botschaftern hätten 41 Prozent keine Erfahrung im Auswärtigen Dienst. Viele Schützlinge des Präsidenten erwiesen sich auf ihrem neuen Posten als inkompetent. Die einzige Qualifikation des damaligen US-Repräsentanten in London sei "die Tatsache, dass er Englisch spricht", raunte ein Ex-Diplomat.
kgp
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