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US-chinesische Rivalität: Schickt Obama und Xi gemeinsam in den Urlaub!

Ein Essay von Timothy Garton Ash

Wenn USA und China aufeinandertreffen, geht es um Machtfragen. Um künftig Konflikte zu vermeiden, müssen die Rivalen aber bald einen offenen strategischen Dialog beginnen. Der Amtsantritt des designierten chinesischen Präsidenten Xi böte Gelegenheit, damit zu beginnen. 

Chinas Vizepräsident Xi, US-Präsident Obama: Rivalen um die Weltmacht Zur Großansicht
REUTERS

Chinas Vizepräsident Xi, US-Präsident Obama: Rivalen um die Weltmacht

Geschichte wird von Menschen gemacht. Wäre der letzte Staatspräsident der Sowjetunion nicht ein Mann namens Michail Gorbatschow gewesen, sähe die Welt heute anders aus. Aus diesem Grund ist es so wichtig, sich über den Charakter und die Ansichten des künftigen chinesischen Führers Xi Jinping zu informieren, der gerade die USA besucht hat.

Nachdem der Westen jahrelang vergeblich versucht hat, sich ein aussagekräftiges Bild von Präsident Hu Jintao zu machen, muss unsere Aufmerksamkeit nun dem Mann gelten, der ihn, wenn Nichts dazwischen kommt, nachfolgen wird.

Die beste Skizze seines Charakters habe ich in dem demnächst erscheinenden Buch "Tigerkopf und Schlangenkörper" des China-Experten Jonathan Fenby gefunden. Erwartungsgemäß sind die gesicherten Fakten ein wenig spärlich, sein Bild deshalb nicht völlig schlüssig. Dass Xi während der Kulturrevolution auch persönlich gelitten hat ("Ich musste mehr Bitternis schlucken als die meisten Menschen"), dass sein einflussreicher Vater deutliche Sympathien für einen Reformkommunismus erkennen ließ, dass eine Schwester von ihm in Kanada und ein Bruder in Hongkong lebt, eine Tochter unter einem Pseudonym in Harvard studiert, all das legt eine Person nahe, die möglicherweise grundsätzliche politische Reformen in China vorantreiben könnte und über ein besseres Verständnis für den Westen verfügt.

Gegen diese Annahme spricht, dass er an die Spitze der Partei aufsteigen konnte, weil er sich mit allen wichtigen Gruppierungen anfreundete, ferner seine engen Verbindungen zur Volksbefreiungsarmee und sein bemerkenswerter Ausbruch 2009 in Mexiko, bei dem er über "einige gelangweilte Ausländer mit wohlgefüllten Bäuchen" herfiel, die nichts Besseres zu tun hätten, "als mit dem Finger auf uns zu zeigen", - all das könnten auch Indizien dafür sein, dass künftig ein kälterer Wind aus dem Osten herüberwehen wird.

Groß-Reformer oder hartleibiger Real-Politiker?

Auf seiner USA-Reise wurde deshalb jeder Satz, jede kleine Geste in einem Anfall von Neo-Kremlinologischem Eifer analysiert, um ihn entweder als Groß-Reformer oder hartleibigen Real-Politiker zu identifizieren.

Wahrscheinlich ist jedoch, dass er zunächst weiterhin als "rätselhaft" beschrieben wird. Wie schon bei Gorbatschow werden die Politiker im Westen einige Züge seiner Persönlichkeit bereits heute erkennen können. Was ihn aber wirklich ausmacht, werden wir nicht eher wissen, als bis er fest im Sattel sitzt, also 2013, frühestens.

Geschichte wird von Menschen gemacht, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken. Auch wenn er im Frühjahr nächsten Jahres Staatspräsident wird, wird sich Xi vielfachem Druck ausgesetzt sehen. In China scheint sich heute in der Tat ein kollektives Führungsteam etabliert zu haben, das es so in der Sowjetunion nie wirklich gegeben hat. Das Land erlebt riesige wirtschaftliche und soziale Spannungen, welche die Führung in den Griff bekommen muss. Dazu gehören die Binnen-Verschuldung, die krassen sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land, die Schwierigkeiten, ein Wirtschaftsmodell zu entwickeln, das nicht ausschließlich von Export abhängig ist. Außerdem gibt es noch die ungelösten Nationalitätenprobleme etwa mit den Uiguren in Xinjiang oder in Tibet, und den weitgehend von Tibetanern besiedelten Gebieten, wo sich gerade eine 18-jährige Nonne in einem verzweifelten Protest verbrannt hat.

Zudem ist auch in China die Stimme der Öffentlichkeit immer deutlicher zu vernehmen. Sie äußert sich in Straßenprotesten, aber auch in Mikroblogs wie Sina Weibo. Häufig kritisiert diese Stimme Korruption und Missmanagement auf das heftigste, zuweilen kann sie sich aber auch sehr nationalistisch artikulieren.

Machtrivalität zwischen den USA und China

Das alles geschieht vor dem Hintergrund deutlich erkennbarer Anzeichen für eine Machtrivalität zwischen den USA und China, wie sie vor allem an der militärischen Aufrüstung in der Pazifik-Region zu sehen ist. Selbstverständlich wiederholt sich die Geschichte niemals einfach, aber die Rivalität zwischen Großbritannien und Deutschland um die Vorherrschaft zur See vor 100 Jahren sollte als Lektion dafür dienen, was es zu vermeiden gilt.

Wie also sollten der Westen und China miteinander umgehen? Anfang des Monats konnte ich zwei Beispiele beobachten, wie man es besser nicht macht und eines, das durchaus empfehlenswert war. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz schwadronierte der stellvertretende chinesische Außenminister Zhang Zhijun ziemlich hölzern darüber, wie "das Volk Asiens" einen anderen Weg gewählt hätte, als den des Westens, und wie der Westen China seinen eigenen Weg gehen lassen sollte. Im Übrigen gebe es auch gar keine Probleme mit den Nachbarn im südchinesischen Meer, wo die Schifffahrtswege für alle frei seien.

Daraufhin ging der neben ihm sitzende US-Senator John McCain zum Angriff über. Es sei doch wahrlich ein Grund zur Besorgnis, wenn ein vietnamesisches Schiff von einem chinesischen attackiert werde. Schließlich erinnerten sich die Vietnamesen an 2000 Jahre chinesischer Bevormundung. McCain wies auf die Demonstranten hin, die sich in Tibet selbst verbrennen. Der Arabische Frühling verkörpere universelle Ideen, und "der Arabische Frühling werde auch nach China" kommen. Einerseits machte sich McCains Vorstellung großartig, sie hatte etwas von John Wayne in dem Film "Der Marschall", wenn der Held es allein mit vier bewaffneten Banditen aufnimmt, die Zügel seines Pferdes zwischen die Zähne geklemmt. Aber genau wie Waynes berühmte Attacke war auch die von McCain offensichtlich für die Kameras gedacht und für die Zuschauer zu Hause.

Es hat allerdings auch das seltene Beispiel einer klugen Reaktion gegeben. Der australische Außenminister Kevin Rudd, der des Chinesischen mächtig ist, sprach kurz und eindrücklich. Die Menschen in Europa hätten noch nicht richtig begriffen, was auf der anderen Seite der Welt geschehe. Noch in diesem Jahrzehnt werde China zur größten Wirtschaftsmacht der Erde aufsteigen, und zum ersten Mal seit 200 Jahren werde die größte Wirtschaftsmacht der Erde keine Demokratie sein, zum ersten Mal seit 500 Jahren auch kein westliches Land.

Eine Pax Pacifica als größte strategische Aufgabe

Nach einer, wie Rudd sich ausdrückte, "glaubwürdigen Analyse", würden Chinas Militärausgaben ungefähr im Jahr 2025 die der USA übertreffen. Und Asien sei eine Region, die durch verschiedene strategische Herausforderungen gekennzeichnet sei: durch die geteilte koreanische Halbinsel etwa, den Streit um Taiwan, die Konfrontation der Atommächte Indien und Pakistan. Im Gegensatz zur letzten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts könne man sich heute nicht mehr darauf verlassen, dass die Hegemonie der Vereinigten Staaten den Frieden sichert. Eine neue Pax Pacifica zu erreichen, sei deshalb die größte strategische Aufgabe unserer Zeit. Als ein "westliches Land in Asien" werde Australien nach Kräften dazu beitragen.

Als Antwort auf die Kontroverse zwischen Zhang und McCain skizzierte Rudd in nüchternen Worten den gewaltigen Zuwachs sowohl an persönlicher Freiheit als auch an Wohlstand, den China in den vergangenen 30 Jahren erreicht hat. Er beschrieb aber auch den weiten Weg, den das Land noch zurücklegen muss, bevor es als gut regierter Rechtsstaat bezeichnet werden kann. Es war eine unausgesprochene Abfuhr für die Standpunkte von McCain und Zhang, als er sagte: "Wir müssen gemeinsam weltweit gültige Werte mitgestalten."

Das erscheint mir die richtige Haltung. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch China müssen bereit sein zu einem Dialog über die Strukturen einer internationalen Ordnung für das 21. Jahrhundert. Jedes Land muss seinen eigenen Werten treu bleiben, aber auch darauf achten, wo es einen gemeinsamen Nenner gibt, wo Anpassung, Kompromiss oder schlicht das Eingeständnis, sich nicht einigen zu können, ihren Platz haben.

Ein solcher Dialog könnte scheitern, aber es wäre Dummheit, ihn nicht zu beginnen. Vizepräsident Xi und Präsident Obama sollten deshalb Pläne für ein Sommer-Camp an der australischen Küste machen, mit Rudd als Gastgeber und einem Schnorchel-Ausflug ans Great Barrier Reef inklusive.

Komplette australische Bier-Seligkeit zwischen Amerikanern und Chinesen ist zwar kaum zu erwarten, aber ein offener und freimütiger strategischer Austausch über globale Werte und die Grundlagen des internationalen Ordnungsgefüges ist notwendig für beide Seiten.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Die Chinesen folgen Konfuzius,
derandersdenkende 19.02.2012
Zitat von sysopREUTERSWenn USA und China aufeinandertreffen, geht es um Machtfragen. Um künftig Konflikte zu vermeiden, müssen die Rivalen aber bald einen offenen strategischen Dialog beginnen. Der Amtsantritt des designierten chinesischen Präsidenten Xi böte Gelegenheit, damit zu beginnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815930,00.html
"Es gibt ein Wort, das jedem als praktische Lebensregel dienen könnte: Gegenseitigkeit." Ich kann da eher ein "leben und leben lassen" herauslesen. Den Amerikanern geht es ausschließlich um Macht, um die Beherrschung anderer. Wenn man dann Konfuzius zu Rate zieht, könnte man zum Schluß kommen, die Amerikaner erwarten von den Chinesen Machtspielchen, weil sie sie selbst mal in ausgefeilter mal in plumper Form demonstrieren. Ich sehe bei den Chinesen lediglich die Erkenntnis, das es notwendig ist, sich selbst zu verteidigen und den ungehemmt nach Macht strebenden, Grenzen setzen zu müssen. Ich kann nichts Falsches daran finden.
2. China macht es intelligenter
caty24 19.02.2012
Primitiv ist die Welt mit Bomben geostrategisch zu erobern. China macht es intelligenter,sie bauen weltweit Straßen Brücken,Fussballstadien,und erobern so die Herzen der Menchen. Eine Bombe explodiert in 2 Sekunden,am Fussballstadion freuen sich die Menschen noch jahrelang. Und welche die bessere Stratergie ist, das werde ich hier nicht ausplaudern.
3. Grosses Lob an den Autoren,
flieder2 19.02.2012
Dank an Herrn Ash. Er hat kurz, knapp, praezise ein grosses Problem auf den Punkt gebracht, das uns noch Jahre beschaeftigen wird. Ich denke aber nicht, dass die KP Chinas eine so homogene "Truppe" ist. Ich denke, da ist innerhalb der Partei ein grosser Druck. Natuerlich ist es wichtig Xi einzuordnen, ich kenne China aber auch zu gut um zu behaupten, dass ein Xi sich notfalls seinen Parteigenossen beugt. Des weiteren: Ich kann die zunehmende Militaerpraesenz der Amerikaner in Asien verstehen. Und ich weiss, das andere asiatische Staaten das unterstuetzen aus Angst, von China "ueberrannt" zu werden. Kevin Rudd: Die Australier sitzen wahrhaft zwischen 2 Stuehlen, westliche Kultur und wirtschaftlich sind sie mehr und mehr auf China angewiesen. Sie sind geografisch von Europa und den USA zu weit entfernt, sie muessen sich daher schon mit China arrangieren. Kein Wunder, dass Herr Rudd interveniert bevor sich die US- chinesische Rivalitaet zuspitzt.
4. Kranke Denke
nachdenklich1 19.02.2012
Zitat von sysopREUTERSWenn USA und China aufeinandertreffen, geht es um Machtfragen. Um künftig Konflikte zu vermeiden, müssen die Rivalen aber bald einen offenen strategischen Dialog beginnen. Der Amtsantritt des designierten chinesischen Präsidenten Xi böte Gelegenheit, damit zu beginnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815930,00.html
Es scheint mir eine kranke Denke des Westens zu sein, dass jeder Staat mit Waffengewalt die Weltmachtposition Nr. 1 erreichen will und der, der sie innehat diese nun mit mit allen Mitteln verdeitigen muss, indem er nicht kooperierende Staaten mit Waffengewalt, Medienrummel, Sanktionen, Cyperware, UNO, Drohnen, Stützpunkte, Fflottenpräsentation etc. auszuschalten versucht. Bisher scheint mir, dass China mittels Menschenmasse und kluger Wirtschaftspolitik die Nr. 1 werden kann ohne diese Madwerkzeuge nutzen zu müssen. Was ist daran schlimm?
5.
oswaldspengler 19.02.2012
Ich lach mich schlapp...McCain sorgt sich um die Vietnamesen , wie lieb von ihm.Vielleicht hätte er diese Liebe entdecken sollen bevor er am Massenmord aus der Luft an den Vietnamesen teilgenommen hat. Die Chinesen wissen dass es keinen Dialog mit dem Westen gibt.Die Oligarchen im Westen wollen die Macht nicht teilen.Russland und China sollen als Machtzentrum neutralisiert werden.Deswegen umgeht man dies geschickt mit der SCO und der Einbindung des Iran und Pakistans darin.Und bald ist ja Gott sei Dank auch Putin wieder am Ruder.
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Zum Autor
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    Timothy Garton Ash, 56, ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow am Hoover-Institut der Stanford Universität. Zuletzt erschien von ihm das Buch: "Jahrhundertwende: Weltpolitische Betrachtungen 2000-2010"

Vier Risiken für Chinas Wirtschaft

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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