US-Debakel im Irak Zittern vor den nächsten Folterbildern

Die Flut scheußlicher Bilder von folternden US-Soldaten im Irak reißt nicht ab. Die neuesten Aufnahmen sollen so brutal sein, dass sie Senatsmitglieder nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit sehen dürfen. Gleichzeitig werden im Fernsehen Videos aus den Lagern ausgestrahlt. US-Präsident Bush gerät zunehmend in Bedrängnis.


Gerät immer weiter in den Strudel der Folteraffäre: US-Präsident Bush
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Gerät immer weiter in den Strudel der Folteraffäre: US-Präsident Bush

Washington - Kaum einer wird dem US-Präsidenten da widersprechen: Die Enthauptung eines US-Bürgers im Irak sei durch nichts zu rechtfertigen, sagte George W. Bush heute. Die Täter gehörten "zu den wenigen, die den Vormarsch der Freiheit im Irak aufhalten wollen". "Ihre Absicht ist, unsere Entschlossenheit zu erschüttern. Ihre Absicht ist, unsere festen Überzeugungen zu schwächen. Ihre Taten erinnern uns aber daran, wie dringend bestimmte Teile der Welt auf freie und friedliche Gesellschaften angewiesen sind. Wir werden unsere Aufgabe erfüllen, wir werden unser Ziel erreichen."

Das im Internet verbreitete Video der widerwärtigen Hinrichtung eines gefesselten Amerikanes erschütterte die USA. Doch die Tat kann kaum von der Bilderflut ablenken, die derzeit die USA überrollt. Täglich werden neue Bilder von den Folterungen veröffentlicht, täglich neue Einzelheiten bekannt über die Zustände, die in dem von US-Soldaten geführten Gefängnis, aber auch andernorts im Irak, herrschten.

Einige neue Bilder und Videos konnetn sich Mitglieder des US-Senats heute unter Ausschluss der Öffentlichkeit ansehen. Das Bildmaterial wurde den Abgeordneten für drei Stunden vom Verteidigungsministerium bereitgestellt. Die Bilder und Videos blieben rechtlich in der Verfügungsgewalt des Pentagons. Kopien durften nicht gemacht werden. "Was wir gesehen haben, ist erschreckend!, sagte der republikanische Mehrheitsführer im US-Senat Bill Frist am Mittwochabend in einer ersten Stellungnahme. Einige Fotos zeigten schlimmere Misshandlungen als die bereits bekannten Bilder.

Vorläufiger Höhepunkt einer Misere

Die Angst, der Öffentlichkeit die neuesten Bilder zu zeigen, scheint groß zu sein. Zudem befürchtet die US-Regierung nach der "Hinrichtung" von des US-Bürgers Nick Berg durch Islamisten, dass eine Veröffentlichung neuer Bilder von Misshandlungen weitere Übergriffe auf Amerikaner zur Folge haben könnte. Der US-Senders CNN berichtete unter Berufung auf Regierungsquellen, das Pentagon halte noch 200 bis 300 weitere Fotos und Videoclips unter Verschluss.

Aber das Pentagon kann nicht jede Veröffentlichung verhindern: So will der US-Fernsehsender CBS am Abend (Ortszeit) von US-Soldaten aufgenommene Videoaufnahmen aus Gefangenenlagern im Irak zeigen. Das Video belege chaotische Zustände im Gefängnis von Abu Ghoreib und in Camp Bucca im Südirak, hieß es. Die Soldaten seien mit den Tausenden von Gefangenen völlig überfordert gewesen. Ständig habe es Ausbruchsversuche und Aufstände gegeben, doch die höheren Befehlshaber hätten die Zustände nach Angaben der Soldaten ignoriert.

Je länger die Bilder das Tagesthema bleiben, desto weiter rutscht die Regierung, allen voran Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Bush selbst, in den Strudel der Folteraffäre. Der Politikwissenschaftler Thomas Mann von der Brookings Institution sagt zwar, noch mache die amerikanische Öffentlichkeit sie nicht direkt für den Gefängnisskandal im Irak verantwortlich. Die Bilderflut sei aber der vorläufige Höhepunkt einer immer größer werdenden Misere.

So sei der April nach der Ausweitung des schiitischen Aufstands der Monat mit höchsten Verlusten für die US-Soldaten im Irak gewesen. Dieser Fakt sei durch das Buch früheren Antiterrorberaters Richard Clarke, "Against All Enemies", das sich inzwischen zum Bestseller entwickelt hat, noch verstärkt worden. Clarke warf der Regierung Bush vor, nicht genug getan zu haben, um das Land vor Terroranschlägen zu schützen. Er war Antiterrorberater der letzten drei US-Präsidenten.

Ein weites Anzeichen des Debakels: Nur noch 44 Prozent der Amerikaner befürworteten den Einsatz in Irak. Immer mehr greife das Gefühl um sich, der Irak-Krieg habe sich nicht gelohnt.

Perfekte Medienkontrolle wirkte nur zeitweise

Ursprünglich hatten sich die USA weitgehend erfolgreich bemüht, die Medienberichte vom Kampfgeschehen in Irak zu kontrollieren. Dazu wurden Journalisten erstmals in ein Kontrollsystem der Streitkräfte "eingebettet", wie es hieß. Diese Kontrolle ging aber schlagartig verloren, als US-Soldaten mit ihren eigenen Digitalkameras ihr Tun dokumentierten und als diese Bilder in großem Umfang an die Öffentlichkeit gelangten. Das Überraschende war, dass es sich dabei weder um feindliche Propagandabilder noch um Bilder von Enthüllungsjournalisten handelte. Im Gegenteil, die US-Soldaten brannten ihre Fotos und Videos offenbar arglos auf DVDs und reichten sie herum.

"Die Bilder sagen über Amerika aus, dass Amerikaner fehlbar wie alle Menschen sind", sagt der Präsident des Atlantikrats der Vereinigten Staaten, Christopher Makins. Seine Programmdirektorin Frances Burwell erklärte, die US-Streitkräfte seien ausschließlich für den Kampf ausgebildet worden. Von den Pflichten nach dem Ende der Kämpfe verstünden sie nichts. Für den Übergang vom Krieg zum Erreichen des Friedens fehle es an Ausbildung.

Das neueste Video, das bekannt wurde, zeigt Aufseher, die wie Schergen einen nackten irakischen Gefangene mit dem Gesicht auf den heißen Motorblock eines Lastwagens drücken. Andere wurden nackt auf den heißen Motor gesetzt. Noch nicht absehbar ist dabei die Wirkung von "Gegenbildern" wie des Enthauptungsvideos.

Makins warnt die US-Regierung davor, dass sich eine Antistimmung wie in den siebziger Jahren während des Vietnamkriegs breit mache. Dessen Ausgang war unter anderem durch die Wirkung der Fernsehbilder von Krieg und Protest bestimmt worden. Akute Anzeichen dafür gebe es allerdings noch nicht.

Frieder Reimold, AP

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