US-Demokraten Clinton siegt beim Chaos-Caucus in Nevada - Obama will weitermachen

Sprechchöre, Gezerre, lange Schlangen: Bei den schrill-lauten Vorwahlen der US-Demokraten in Nevada hat Hillary Clinton ihren Erzrivalen Barack Obama klar geschlagen. Sicher ist nun: Das Duell wird bis zum "Tsunami Tuesday" in unverminderter Härte weitergehen.

Aus Las Vegas berichtet


Las Vegas - Manchmal können die Grenzen zwischen Demokratie und Anarchie schon etwas verwischen. Zumindest im "Tower"-Ballsaal des Bellagio, des elegantesten der Mega-Casinos von Las Vegas. "Komm' zu Obama!", brüllt Leroy Manning, ein hünenhafter Kellner. "Obama, sonst setzt's was!" Zur Betonung ballt er spielerisch die Faust. Kollegin Inez Gomez ist unbeeindruckt: "Fuck off", grölt sie. "Ich bleibe bei Hillary."

Dass in Nevada Hillary Clinton vorn liegt, ist hier im Bellagio schon früh zu spüren. Und auch, dass Barack Obama trotzdem nicht aufgeben wird. All das spielt sich auf eine Weise ab, die eher an ein Rugby-Spiel erinnert als an eine Präsidentschaftswahl. Hunderte Casino-Angestellte, darunter viele Latinos, Schwarze und Frauen, haben sich in dem gigantischen Ballsaal versammelt, um ihre Demokraten-Kandidatenpräferenz zu Protokoll zu geben - öffentlich, heißblütig und lautstark.

Barack Obamas Anhänger toben auf der einen Seite, Clintons auf der anderen, dazwischen gähnt eine Kluft aus schwerem Brokatteppich. Als würde die Lautstärke allein entscheiden, reizen sie sich mit ohrenbetäubendem Spott und Sprechchören. "Hil-la-ry! Hil-la-ry!", skandieren die einen. "Sí se puede!", schreien die anderen, die spanische Version des Obama-Schlachtrufs: "Yes, we can!" Das Echo hallt weit, vorbei an der Hochzeitsgesellschaft vor der Tür bis hin zum "Café Gelato", wo die Frühstücksgäste Sechs-Dollar-Lattes schlürfen.

Chaos-Caucus im Casino: Dieses skurrile Novum in der US-Wahlgeschichte passt zu Las Vegas, der Hauptstadt der überdrehten Illusionen. Eigens für die Samstagsschicht haben die Demokraten in neun Hotels am "Strip" Spezial-Wahllokale eingerichtet. Hier darf nun jeder abstimmen, der im Umkreis von vier Kilometern arbeitet und, wie englische und spanische Poster erläutern, einen Ausweis hat. Was zumindest pro forma verhindern soll, dass sich illegale Einwanderer einschleichen.

"Dies ist kein Zirkus"

Dank der Casino-Option erreicht der schläfrige Weststaat historische Wahlbeteiligungsrekorde: Rund 116.000 Demokraten strömen zu den Caucussen (vor vier Jahren waren es nur knapp 9000 gewesen). 51 Prozent stimmen gestern für Clinton, 45 Prozent für Obama. Es ist ein klarer Sieg für die frühere First Lady und der zweite in Folge nach New Hampshire. Vorteil Clinton - doch das Rennen geht weiter.

Im Bellagio, Kinogängern aus "Ocean's Eleven" bekannt, stehen sie stundenlang Schlange: Zimmermädchen in Uniform, Tellerwäscher mit Haarnetz, Pagen, Putzfrauen, Portiers, Kellner, Köche, Barkeeper, Garagen-Boys, langbeinige Hostessen. Auch Eric O'Toole, ein Stahlarbeiter von der benachbarten Baustelle des Luxusresorts CityCenter, ist gekommen, in voller Montur - Schutzhelm, Staubstiefel, Warnweste: "Dies ist die erste richtige Mitsprache-Chance meines Lebens."

Viele tragen T-Shirts der Culinary Union, der mächtigen Gastronomiegewerkschaft, auf deren Druck die Casino-Caucusse zustande kamen. Das fanden alle anfangs in Ordnung - bis sich die Gewerkschaftsspitze auf Obamas Seite schlug. Clintons Camp legte Protest ein: Die Sonderregelung bevorzuge Obama-Wähler. Das Geschrei hilft, das Laufvolk der Gewerkschaft zu verunsichern, und als sich ein Clinton-Sieg abzeichnet, verstummt es schnell.

"Ich habe 150 Dollar an Provision aufgegeben", sagt die Masseuse Julie Beve. Viele haben Stechkarten dabei: Die Ausübung des Wählerwillens wird mit der Pausenzeit verrechnet. Dauert es länger, "wird das auf andere Tage übertragen", beharrt Gordon Absher, Vizepräsident des Bellagio-Mutterkonzerns MGM Mirage. Absher, ein Ex-Kongressgehilfe, überwacht den Gang der Dinge höchstpersönlich, Blackberry in der Hand. Schließlich sorgt er sich auch ums Image: "Dies ist kein Zirkus. Dies ist ernst."

"Ich komme mir vor wie in Mexiko"

Leicht gesagt an einem Tag, an dem diese wichtige Vorentscheidung im Präsidentschaftsrennen nicht wie gewohnt in Gemeindesälen oder Turnhallen fällt, sondern im Schatten eines römischen Amphitheaters (Caesars Palace), einer ägyptischen Pyramide (Luxor), eines Eiffelturm-Nachbaus (Paris) und einer Attrappe der Freiheitsstatue (New York, New York).

Im Bellagio spendiert das Management den Caucus-Gängern Lunchboxen: Käse- und Schinkensandwich, Kartoffelsalat, Chips. Die verzehren viele gleich an Ort und Stelle, indem sie sich im Ballsaal zu Grüppchen auf den Boden hocken - der Caucus als arbeitszeiteffizientes Massenpicknick.



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