"Anämischer" Wahlkampf Chefin der US-Demokraten erwog, Clinton gegen Biden auszutauschen

"Dumme" Äußerungen und ein blutarmer Wahlkampf: Die ehemalige Chefin der US-Demokraten hat offenbar darüber nachgedacht, die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton durch Vizepräsident Joe Biden zu ersetzen.

Ex-Kandidatin Hillary Clinton
AFP

Ex-Kandidatin Hillary Clinton


Selten hat ein politisches Buch schon vor seiner Veröffentlichung für so viel Furore in Washington gesorgt. Erst am kommenden Dienstag erscheint "Hacks: The Inside Story of the Break-ins and Breakdowns That Put Donald Trump in the White House", eine Aufarbeitung des vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampfs, verfasst von einer Insiderin, der ehemaligen Interims-Vorsitzenden der Demokraten, Donna Brazile.

Wie die "Washington Post" am Wochenende berichtet, beschreibt Brazile in dem brisanten Buch auch, wie sie im Herbst 2016, auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs, "ernsthaft" überlegt habe, die Spitzenkandidatin Hillary Clinton gegen Barack Obamas damaligen Vizepräsidenten Joe Biden auszutauschen. Anlass sei einerseits Clintons physischer Zusammenbruch bei den Gedenkfeierlichkeiten zum 11. September in New York gewesen, der innerhalb der Partei zu Unsicherheit über Clintons gesundheitliche Verfassung geführt habe. Andererseits habe sie den Wahlkampf Clintons zu jener Zeit als "anämisch" empfunden. Die Kampagne, so Brazile, habe den "Geruch des Versagens" verströmt.

Als Interims-Parteichefin hätte Brazile sich nicht eigenmächtig über das Ergebnis der Vorwahlen, der sogenannten Primaries, hinwegsetzen können, durch das Clinton als Spitzenkandidatin nominiert wurde. Aber sie hätte durchaus die Macht gehabt, Prozeduren in Gang zu setzen, um Clinton und deren Vize-Kandidaten Tim Kaine durch das Duo Biden und Senator Cory Booker zu ersetzen.

"Steife" und "dumme" Botschaften

Brazile beschreibt Clinton als historisch wichtige Kandidatin mit guten Absichten, aber einem miserabel gemanagten Wahlkampf. Wählerstimmen, vor allem die von ethnischen Minderheiten und Frauen, seien von Clintons Team als selbstverständlich betrachtet worden, schreibt die afroamerikanische Politikerin laut "Washington Post" in ihrem Buch. Die Kandidatin habe zudem "steife" und "dumme" Botschaften verbreitet. Ihr Wahlkampf sei so leidenschaftslos gewesen, dass das New Yorker Hauptquartier einem sterilen Krankenhaustrakt geähnelt habe, "in dem jemand gestorben ist". Obwohl sich Clinton und ihr Team nach außen als Vorkämpfer für Integration und Inklusion von Minderheiten stilisiert hätten, habe sie sich von Clinton-Mitarbeitern zum Teil wie eine Sklavin behandelt gefühlt.

Dann jedoch, so Brazile, "dachte ich an Hillary und all die Frauen im Land, die so stolz auf sie waren (...). Ich konnte es ihnen nicht antun".

Braziles Enthüllungen sind dennoch explosiv genug, die Demokraten ein Jahr nach der Wahl in Aufruhr zu versetzen. In einem offenen Brief wiesen inzwischen mehr als 100 frühere Angehörige der Clinton-Kampagne Braziles Schilderungen in zahlreichen Details entschieden zurück und warfen der früheren Parteichefin vor, aus ihren Erinnerungen ein Drama zu konstruieren, um mehr Bücher zu verkaufen. Es sei empörend, dass Brazile offenbar erwogen habe, sich über den Willen der Demokratischen Wähler in den Vorwahlen hinwegzusetzen. Beunruhigend sei es zudem, dass Brazile sich anfällig für die damals von russischer und republikanischer Seite lancierte Propaganda über Clintons Gesundheitszustand zeigt.

Trump lenkt von sich ab

Bereits in der vergangenen Woche hatte Brazile in einem Gastbeitrag für das Magazin "Politico" erklärt, in der Vorwahlphase sei es zu Manipulationen zu Clintons Gunsten gekommen, die sich nachteilig für ihren parteiinternen Widersacher Bernie Sanders ausgewirkt haben. Unter anderem geht es um den Vorwurf, durch die Zusammenlegung der Fundraising-Prozesse von Clinton-Kampagne und Partei im Vorwege des Wahlkampfs, habe Clinton ihre Nominierung befördert, da sie den Geldzufluss kontrollieren konnte. Zu jener Zeit war noch Braziles Vorgängerin Debbie Wasserman Schultz als Parteichefin im Amt. Vereinbarungen zwischen den Parteiführung und dem Clinton-Lager habe es bereits seit August 2015 gegeben, lange vor Beginn der Vorwahlen, geht aus einigen geleakten E-Mails hervor.

Der ehemalige Wahlkampfmanager Clintons, Robby Mook, wies diesen Verdacht am Freitag zurück. "Hillary Clinton hat die Vorwahlen mit fast vier Millionen Stimmen gewonnen", sagte Mook zu CNN. Die Idee, dass die Parteispitze die Abstimmung manipuliert haben könnte, sei "lachhaft". Der amtierende Vorsitzende der Demokraten, Tom Perez, versicherte am Sonntag, der Nominierungsprozess für den Wahlkampf 2020 würde "ohne Frage fair und transparent" ablaufen.

Lachender Dritter in dieser Selbstzerfleischung der Demokraten ist - bis auf weiteres - US-Präsident Donald Trump, der vor einem Jahr gegen die Kandidatin Hillary Clinton gewann. Er benutzt Braziles Enthüllungen aktuell, um von den sich zuspitzenden Ermittlungen der Mueller-Kommission über mutmaßliche Kontakte des Trump-Teams zu Russland im Wahlkampf abzulenken. Vor seiner Reise nach Asien sagte Trump am Freitag, es sei eine "Schande", dass sich eine Sonderkommission mit Russland und seiner Kampagne beschäftige, wenn sich die Justizbehörden lieber den Demokraten zuwenden sollten: "You want to look at Hillary Clinton, and you want to look at the new book that was just put out by Donna Brazile, where she basically bought the DNC, and she stole the election from Bernie", so der Präsident.

bor/dpa



insgesamt 16 Beiträge
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bigmitt 05.11.2017
1. Wie Donna Brazile.....
...auf die Idee kommt Vize Biden für Clinton zu nominieren würde mich interessieren. Ich bin mir durchaus bewusst das Sanders Independant ist, doch wäre Er als Runner Up nicht die logische Konsequenz gewesen? Brazile Tenor bestätigt was Leute aus Clintons Umfeld schon öfter bestätigen. Es herrsche oft ein toxisches Klima. So soll Brazile von Clinton als "brain Dead water Buffalo " bezeichnet worden sein nachdem Matt Lauer von NBC ihr eine nicht vorher abgesprochene Frage zu ihrem privaten e-mail Server gestellt hatte.( Siehe Bill Still Report 1271)
Wolfgang Heubach 05.11.2017
2. Unglaubliche Zustände
Da ging und geht es ja zu wie in einem Krimi. Und das alles entspringt eben keinem Drehbuch "der Russen".
eugler 05.11.2017
3. das ist der Beweis
Man wollte ganz offensichtlich Trump im Weißen Haus. Sie hatten Sanders, der Clinton und Trump zusammen weggefegt hätte und denken über Biden nach? Die wollten Trump!
Atheist_Crusader 05.11.2017
4.
Zitat von Wolfgang HeubachDa ging und geht es ja zu wie in einem Krimi. Und das alles entspringt eben keinem Drehbuch "der Russen".
Sehr seltsame Argumentation. "Weil Seite X da rumgepfuscht hat, kann Seite Y nicht rumgepfuscht haben!"?
batmanmk 05.11.2017
5. Es gab andere
Schlauer wäre es gewesen Bernie Sanders nicht abzusägen. Aber da er keinen expansionistischen Kurs vertrat und auch nicht weiblich war, hatte er nunmal keine Chance gegen das Washingtoner Establishment.
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