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US-Depeschen zu Nigeria: Ölrausch im dreckigen Delta

Von Horand Knaup

Ölkonzerne beuten die reichen Quellen im Nigerdelta aus - und bekommen es mit Piraten, Rebellen und korrupten Politikern zu tun. US-Depeschen zufolge ist es unter einheimischen Studenten sogar üblich, sich in Semesterferien als Kidnapper zu verdingen. Szenen aus einer mafiösen Schattenwelt.

Machtkampf im Niger-Delta: Gangster gegen Öl-Multis Fotos
DPA

Bomben gegen Zivilisten, Millionenbeträge für korrupte Beamte und eine Entführungsindustrie, die Studenten in den Semesterferien als Zeitarbeiter beschäftigt: Die US-Berichte aus den nigerianischen Metropolen Abuja und Lagos zeichnen ein Bild der Verhältnisse im ölreichen Niger-Delta, wie man es in dieser Düsternis bisher selten gesehen hat. Kaum einer der internationalen Ölkonzerne, die im Delta tätig sind, legt seine Förder- und Ausfallmengen offen, Überfälle, Entführungen und Geiselnahmen sind alltäglich, die Zivilbevölkerung leidet - nicht zuletzt dann, wenn sie von Spezialkommandos der nigerianischen Armee beschossen wird.

Jahrzehntelang hat die Zentralregierung in Abuja das Delta vernachlässigt. Sie hat weder Schulen noch Krankenhäuser noch Straßen gebaut und auch die gravierenden Umweltprobleme schlicht ignoriert. Hauptsache, die Ölförderung lief und warf auch für die politische Elite ein ordentliches Handgeld ab. "In den letzten zehn Jahren", so heißt es unter Berufung auf einen hochrangigen Politiker in einem Bericht des US-Konsulats in Lagos vom Februar 2009, "hat die Bundesregierung nicht eine einzige Straße in den Schlüsselstaaten des Deltas gebaut."

Derart im Stich gelassen hat sich im Delta über die Jahre eine mafiöse Struktur herausgebildet:

  • Kidnapper, die mit den Behörden unter einer Decke stecken;
  • militärische Sondereinheiten, die manchmal die Rebellen im Delta bekämpfen, häufig aber ebenfalls am Ölgeschäft teilhaben;
  • Rebellen, die vordergründig die Ölmultis attackieren, deren Netzwerke in Wahrheit aber Öl verkaufen und Polizeischutz genießen;
  • eine politische Elite, die gut von den Verhältnissen lebt.

"Es war für Studenten üblich, während der Semesterferien für drei Monate in die Camps zu gehen, um Geld zu verdienen", heißt es in einer Analyse des Konsulats in Lagos. Camps, das sind die Lager von Piraten und Ganoven: Die Studenten attackierten Bohrinseln, handelten mit Öl und entführten und bewachten Geiseln. "Dort würden sie nach dem gegenwärtigen Kurs für einen Drei-Monats-Zeitraum 1071 US-Dollar verdienen. Jetzt, wo die Joint Task Force (Sondereinheit der Armee) ihnen zusetzt, ist der Job jedoch nicht mehr länger attraktiv, sondern gefährlich."

Es ist eine hochnervöse Gesellschaft, die in Nigeria nach Öl bohrt. Kaum eine Information ist gesichert, und umso lebhafter zirkulieren die Gerüchte. Haben die Rebellen, die sich gegen die Förderung der Multis wehren, Flugabwehrraketen, um damit Helikopter der Konzerne abzuschießen, wie es in einer Mitteilung heißt? Steigt der russische Riese Gazprom ins Gasgeschäft ein? Und welche Investoren könnten sich an einer Gas-Pipeline durch die Sahara nach Algerien beteiligen?

Mindestens zehn Milliarden Euro würde die mehr als 4000 Kilometer lange Röhre an die Mittelmeerküste wohl kosten. Die Multis Total und Gazprom, so heißt es in einem Bericht, seien an dem Projekt interessiert. Der Chef von ExxonMobil in Nigeria wiederum verwarf das Pipeline-Projekt als "Phantasterei", die niemals Realität werde, weil die Pipeline zu teuer sei und politisch zu riskant. Vor allem würde sie Nigeria letztlich keinen Nutzen bringen.

"Feuer, Sabotage, miserables Management, Korruption"

Die Klagen der westlichen Öl-Fachleute sind bitter. Bei einem Treffen des US-Afrika-Beauftragten Johnnie Carson in Lagos im vergangenen Februar klagt ein Öl-Manager über die "Amateurtechnokraten", die das Öl- und Gasgeschäft auf nigerianischer Seite betrieben. Nigerianische Politiker glaubten, mit Tiefsee-Bohrungen lasse sich kein Geld verdienen. Partner von Banken und aus der Geschäftswelt verstünden das Geschäft nicht. Die Regierung in Abuja habe in den vergangenen zwei Jahren 2,5 Milliarden Dollar kassiert - und nichts investiert.

Bei einem anderen Treffen berichtet ein Manager von ExxonMobil, dass man beim Öl-Transport via Überland-Pipelines im Land einen Verlust von rund 40 Prozent einkalkulieren müsse, derart effizient arbeiteten die Öldiebe. Es sei effizienter, raffiniertes Öl aus Europa zu importieren, als es in Nigeria selbst verarbeiten zu lassen. Die Polizei, die eigentlich die Pipelines schützen solle, sei vor allem damit beschäftigt, das illegale Abzapfen zu koordinieren und potentielle Diebe wissen zu lassen, wo sie das Öl entwenden könnten.

In einer Depesche an Washington heißt es: "Nigerias vier staatliche Raffinerien haben eine Kapazität von 445.000 Barrel pro Tag. Ihre Geschichte ist eine von Feuer, Sabotage, miserablem Management, fehlender Wartung und Korruption. Diese Faktoren haben die Raffinerieleistung auf 40 Prozent und weniger reduziert."

Milliardenkredite deutlich unter den üblichen Zinsen?

Im Januar 2009 beklagt sich eine Öl-Managerin, dass sich die ohnehin schlechte Lage weiter verschlimmere. Die zahlreichen Angriffe von Piraten hätten dazu geführt, dass Tankerreedereien nur noch unter bestimmten Bedingungen Aufträge annähmen. Die lapidare Reaktion nigerianischer Regierungsbeamter: "Stellt mehr Sicherheitsleute ein."

Eine Ölfirma klagte, dass sich ranghohe Nigerianer mit Millionenbeträgen für Tankerladungen schmieren ließen. Außerdem habe ein nigerianischer Top-Staatsanwalt einen Besucher wissen lassen, "dass er ein Schriftstück nur unterzeichnen werde, wenn der Besucher zwei Millionen Dollar sofort und 18 weitere Millionen Dollar am nächsten Tag zahle".

Überhaupt lassen sich die Multis in Nigeria auf Geschäfte ein, die weltweit wohl einzigartig sind. In einem Bericht vom März 2009 heißt es: "Shell und Total haben unlängst preisgegeben, dass sie gezwungen sind, ihren nigerianischen Partnern Milliardenkredite deutlich unter Marktzinsen zu gewähren, um laufende Joint Ventures zu erhalten."

Alarm um 2.30 Uhr - Hilfe kommt um 19.30 Uhr

Die US-Diplomaten referieren zudem die Klage eines Öl-Multis über die nigerianische Marine, die völlig unfähig sei, die Ölfirmen im Delta zu schützen. Als Rebellen eine Ölplattform im Golf von Guinea mit insgesamt sechs Schnellbooten angriffen, habe die Shell-Belegschaft um 2.30 Uhr Alarm geschlagen. Um 19.30 Uhr, als die Täter längst über alle Berge waren, sei ein Schiff der Marine eingetroffen - hauptsächlich aber, um sich von der Plattform mit Sprit und Verpflegung versorgen zu lassen.

Hier und da werden auch Verbesserungen gemeldet. Israelische Sicherheitsexperten im Bundesstaat Bayelsa würden jetzt Kidnapper-Banden in Schach halten. Überhaupt seien die Israelis bemerkenswert aktiv im Niger-Delta. Israelische Militärs rüsten die nigerianische Sondereinheit zur Rebellenbekämpfung im Delta aus und trainieren sie. Im Oktober 2007 sei die Einheit ohne einsatzfähige Helikopter, ohne gepanzerte Truppentransporter und mit nur zwei Kanonenbooten ausgestattet gewesen. Inzwischen stünden über 100 Fahrzeuge, etwa zwei Dutzend Boote und zwei Hubschrauber zur Verfügung.

Ein kleines Problem gebe es dabei freilich: Einzelne Mitarbeiter der Einheit seien selbst in dubiose Ölgeschäfte verwickelt.

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1. Schrecklich...
henrik 10.12.2010
... Man sollte meinen, Shell hätte sein Land besser im Griff... http://www.guardian.co.uk/business/2010/dec/08/wikileaks-cables-shell-nigeria-spying Gott sei Dank hilft Pfizer aus... http://www.guardian.co.uk/business/2010/dec/09/wikileaks-cables-pfizer-nigeria Da bekommt man nur noch die Kotzerei...
2. Nach den Berichten
idealist100 10.12.2010
Zitat von sysopÖlkonzerne beuten die reichen Quellen im Nigerdelta aus - und bekommen es mit Piraten, Rebellen und korrupten Politikern zu tun. US-Depeschen*zufolge ist es unter einheimischen Studenten sogar üblich, sich in Semesterferien als Kidnapper zu verdingen. Szenen aus einer mafiösen Schattenwelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,733854,00.html
Nach den Berichten und Fernsehbildern frage ich mich wer wohl hier die Mafia ist. Doch bestimmt nicht die einheimische Bevölkerung.
3. Waffen?
the_flying_horse, 10.12.2010
Wo haben die bloß all die Waffen her?
4. Wer...
intenso1 10.12.2010
Zitat von sysopÖlkonzerne beuten die reichen Quellen im Nigerdelta aus - und bekommen es mit Piraten, Rebellen und korrupten Politikern zu tun. US-Depeschen*zufolge ist es unter einheimischen Studenten sogar üblich, sich in Semesterferien als Kidnapper zu verdingen. Szenen aus einer mafiösen Schattenwelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,733854,00.html
sind die Bösen, die Ölkonzerne, die Piraten, Rebelle oder die korrupten Politiker oder etwa die Regierungen von den Ländern aus denen die Ölkonzerne kommen, weil sie diese Konzerne schalten und walten lassen wie sie wollen ohne sich an Recht und Gesetz zu halten?!
5. ...weiß man doch
eikfier 10.12.2010
Zitat von sysopÖlkonzerne beuten die reichen Quellen im Nigerdelta aus - und bekommen es mit Piraten, Rebellen und korrupten Politikern zu tun. US-Depeschen*zufolge ist es unter einheimischen Studenten sogar üblich, sich in Semesterferien als Kidnapper zu verdingen. Szenen aus einer mafiösen Schattenwelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,733854,00.html
...kein Wunder, finde ich, solange sie noch ihren rassistisch klingenden Fluß- und Staatsnamen nicht geändert haben! Denn:Seitdem wir unser eigentlich ja auch harmloses nachkriegs "Negerkuß"-Konfekt in "Dickmann" umgetauft und unser altes Kinderlied von den "10 kleinen Neg......" verboten haben, geht´s mit uns doch auch bergauf, weiß man....;-)
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