US-Diplomat Holbrooke "Deutschland darf der Welt nicht den Rücken zukehren"

2. Teil: Richard Holbrooke Über die Verantwortung der Deutschen als "großer Nation" und die zukünftige Außenpolitik der USA


SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Lage in Afghanistan ein?

Holbrooke: Ich unterstütze die Intervention dort sehr, aber sie läuft derzeit nicht wirklich gut. Wir müssen das besser hinkriegen. Das Drogenprogramm zum Beispiel war ein Fehler, eine kolossale Verschwendung von Geld. Die Karzai-Regierung wird nicht so stark unterstützt, wie es eigentlich sein sollte. Die Taliban nutzen Pakistan, um sich neu zu formieren. All das muss behandelt werden. Aber keinesfalls können wir Afghanistan verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle messen Sie deutschen Truppen in Afghanistan und anderen Krisenregionen zu?

Holbrooke: Deutschland muss in internationalen Friedenseinsätzen unter Uno-Kommando in Afghanistan, im Libanon und in Darfur eine wesentliche Rolle spielen. Und ich hoffe, die Deutschen akzeptieren dies als Verantwortung einer großen Nation. Der Zweite Weltkrieg liegt mehr als 60 Jahre hinter uns, kein Mitglied der heutigen Staatsführung war in den Krieg verwickelt. Die neue Generation der Deutschen gehört zu den demokratischsten, humansten und fortschrittlichsten Völkern der Welt. Ich hoffe nicht, dass sie dem Rest der Welt den Rücken zukehren werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen können wir Europäer in der US-Außenpolitik erwarten, falls die Demokraten die Präsidentschaftswahlen gewinnen?

Holbrooke: Die Demokraten stehen mehr oder weniger geschlossen hinter dem Disengagement im Irak, sie wollen den Krieg in Afghanistan fortführen und eine diplomatische Politik verfolgen, die die Stärkung der Beziehungen mit unseren Alliierten betont. Amerika hat eine Menge Respekt in vielen Teilen der Welt verloren. Der nächste Präsident muss versuchen, ihn wieder herzustellen. Außerdem sollten die gestörten Beziehungen zur Türkei repariert werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren kürzlich zu Besuch in der Türkei. Sind Sie in Sorge um die türkische Demokratie?

Holbrooke: Die Türkei ist an einem historischen Moment angelangt. Im Juli wird dort gewählt, das Ergebnis und die Reaktion des Militärs darauf werden großen Einfluss nehmen auf das türkische EU-Mitgliedsersuchen. Die Erdogan-Regierung hat in den meisten Bereichen sehr gute Arbeit geleistet: Sie hat die Wirtschaft gestärkt und Verhandlungen mit der EU erreicht. Aber sie hat eine Kontroverse über das Kopftuch ausgelöst. Die Türkei ist wohl das einzige Land, in dem das Hauptthema ein Stück Stoff darstellt, das Frauen auf dem Kopf tragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie möchten die Türkei in der EU sehen?

Holbrooke: Ja, Europa braucht die Türkei und sollte sie nicht wegdrücken hin zu extrem-islamistischen Staaten wie Iran oder vielleicht Irak. Es mag acht oder zehn Jahre dauern, aber die EU-Verhandlungen können die Türkei zu weiteren Reformen veranlassen. Das passiert ja bereits. Ich weiß, dass viele Europäer, insbesondere hier in Deutschland, meinen, sie würden im Falle einer EU-Mitgliedschaft von Millionen von Türken überflutet. Zuerst einmal: Sie haben doch schon Millionen von Türken in Deutschland – und gelitten haben Sie nicht daran. Je mehr die Türken in die deutsche Gesellschaft integriert sind, desto stärker wird Deutschland sein. Außerdem sind die Türken bereit, Immigrationslimits in Richtung EU festzulegen.

Das Interview führte Sebastian Fischer



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