Friedensmarsch ins Taliban-Gebiet Protest in Pink

Pakistans Regierung ist entsetzt: Aktivistinnen der US-Friedensgruppe Code Pink wollen aus Protest gegen die US-Drohnenangriffe in die Krisenregion Waziristan reisen, sie sind schon in Islamabad eingetroffen. Wie werden die Taliban auf die Frauen aus Amerika reagieren?

USAF

Von , Islamabad


Es sind aufregende Tage für Medea Benjamin, 60, und ihre Mitstreiter. Mehrere Pressekonferenzen, Auftritte in Talkshows, Treffen mit pakistanischen Militärs und Geheimdienstleuten, ein Termin in der US-Botschaft. Insgesamt 35 Friedensaktivisten, überwiegend Frauen ab 50, sind in Islamabad eingetroffen: Sie wollen gegen den US-Drohnenkrieg protestieren. Die meisten gehören zur pazifistischen Bürgerrechtsbewegung Code Pink, die Benjamin vor zehn Jahren mitgegründet hat - aus Wut über George W. Bushs Irakkrieg.

In Pakistans Hauptstadt kämpfen sie nun gegen den Drohnenkrieg, den Bush im Jahr 2004 begann und den sein Nachfolger Barack Obama massiv ausgeweitet hat. Die Aktivisten haben eine Petition mitgebracht, unterschrieben von mehr als 3000 US-Bürgern, die sie der US-Botschaft überreichen.

Ihr Protest ist abgestimmt mit Imran Khan, dem legendären Kapitän der Cricket-Nationalmannschaft in den neunziger Jahren, der Pakistan damals zum bisher einzigen Weltmeistertitel führte. Einen Großteil seines Vermögens, das er als Sportstar verdiente, steckte er in ein Krebskrankenhaus, das er zu Ehren seiner an Krebs gestorbenen Mutter gründete. Mit seiner Partei Pakistan Tehrik-e-Insaf (PTI), der "Bewegung für Gerechtigkeit", hat er sich zu einem der schärfsten Kritiker der Drohnenangriffe entwickelt.

Wie weit kommt der rosa Marsch?

Khan, der sich Hoffnung auf ein politisches Amt bei den Wahlen im kommenden Jahr macht, hat einen "Friedensmarsch nach Waziristan" geplant: einen Protestzug von vielen Tausenden von Menschen von Islamabad in die Krisenregion in den halbautonomen Stammesgebieten im Westen des Landes. Dort haben Stammesälteste und in vielen Teilen Extremisten das Sagen. Die Region gilt als Aufenthaltsgebiet von führenden Taliban-Kommandeuren. Das pakistanische Militär hat die Region weitgehend abgeriegelt und sich innerhalb des Gebiets in hoch gesicherten Festungen verschanzt. Für Ausländer ist die Region nicht zugänglich.

Am Samstagmorgen wollen die Friedensaktivisten aus den USA es trotzdem wagen, im Pulk mit den Anhängern von Imran Khan. Bis zum Abend soll der Autokorso bis in die Stadt Dera Ismail Khan fahren, an der Grenze zu Süd-Waziristan. Am Sonntag soll der Protestzug dann nach Süd-Waziristan hineinfahren, bis ins Dorf Kotkai, wo eine Kundgebung geplant ist.

"Wir sind auf jeden Fall dabei", sagt Medea Benjamin und lächelt. Sie trägt einen pinkfarbenen Button mit der Aufschrift "Frauen für Frieden". Eine andere Aktivistin mit rosa Halstuch pflichtet ihr bei. "Wir wollen die Aufmerksamkeit der Welt auf diesen schrecklichen, verbrecherischen Krieg richten, den die USA hier führen."

Benjamin, Ökonomin, hat Erfahrung mit Protesten. Sie hat Kampagnen gegen den Irakkrieg und gegen den Einsatz in Afghanistan organisiert, in Lateinamerika und Afrika und mehrere Jahre in Kuba gelebt und linke Politiker wie Hugo Chavez und Fidel Castro unterstützt. Im Frühjahr unterbrach sie Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan während einer Rede und warf der US-Regierung die Ermordung unschuldiger Zivilisten durch Drohnenangriffe in Pakistan, Jemen und Somalia vor.

Sie sei weder für noch gegen Obama, betont Benjamin, auch nicht für oder gegen seinen Herausforderer Mitt Romney. "Der Drohnenkrieg ist ein Übel, das beide gleichermaßen befürworten." Sie sei sich sehr wohl bewusst, dass eine Mehrheit der US-Öffentlichkeit nichts gegen die Drohnenangriffe in Pakistan habe. "Aber die meisten wissen nicht, dass dabei Zivilisten getötet werden."

Das ist eine Behauptung, die zwar untermauert wird durch mehrere Studien. Der amtierende US-Botschafter in Pakistan, Richard E. Hoagland, jedoch widerspricht den Aktivisten vehement. "Ich darf Ihnen die Zahl der zivilen Opfer nicht nennen, sie ist geheim", sagt er. "Ich kann Ihnen aber versichern, dass sie im zweistelligen Bereich liegt." Das Bureau of Investigative Journalism in London dagegen geht von weit mehr als 800 zivilen Todesopfern aus.

Unabhängig überprüfen lässt sich keine der Angaben. Waziristan wird vom pakistanischen Militär abgeriegelt, und Extremisten drohen Journalisten, die die Region betreten, sie zu töten. Ausländer benötigen eine Sondergenehmigung vom Militär für Reisen nach Waziristan - die so gut wie nie erteilt wird.

Offensichtlich hat auch die Armee kein Interesse daran, dass zu viel über die Lage in Waziristan und über den Drohnenkrieg bekannt wird. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Regierung den Einsatz stillschweigend akzeptiert, zumal bei mehreren Angriffen ranghohe Extremisten getötet wurden und das Militär sich dabei nicht die Hände schmutzig macht.

Von den Taliban kommen unterschiedliche Signale

Es sind pakistanische Informanten, die dem US-Geheimdienst CIA die Koordinaten von Aufenthaltsorten von Extremisten in Waziristan liefern. Kürzlich berichtete das "Wall Street Journal", dass die CIA den pakistanischen Geheimdienst ISI über bevorstehende Angriffe per Fax informiere. Der ISI antworte dann nicht, was als Zustimmung gelte. Öffentlich dementieren Militär und Geheimdienst, die Drohnenstrategie zu tolerieren. Auch der "Wall Street Journal"-Artikel wurde sofort als falsch zurückgewiesen.

"Unsere Botschaft geht nicht an die pakistanische Regierung, unser Protest richtet sich gegen die US-Regierung", sagt Mary Ann Wright, 65. Wright war Offizierin der US-Armee, Dienstgrad Oberst, dann Diplomatin, unter anderem stellvertretende Botschafterin in Afghanistan. Einen Tag vor dem Einmarsch der USA in Irak im März 2003 kündigte sie öffentlichkeitswirksam ihren Job im US-Außenministerium, aus Protest gegen Bushs Außenpolitik.

Wright gehört der Gruppe der Aktivisten an, die jetzt in Islamabad protestieren. "Die Drohnen sind das persönliche Hinrichtungsinstrument von Obama", sagt sie. "Wir fordern die US-Regierung auf, nicht mit ihren Drohnen auf uns zu feuern." Sie selbst wird an dem Demonstrationszug nach Waziristan nicht teilnehmen, sie ist - planmäßig, wie andere Code-Pink-Aktivistinnen betonen - am Donnerstagmorgen zurück in die USA gereist.

Ob der "Friedensmarsch" tatsächlich stattfinden wird, ist ungewiss. Anhänger von Imran Khan sagen, Armeechef Ashfaq Pervez Kayani habe Zustimmung signalisiert und gesagt, den Demonstranten werden nichts passieren. Auf Nachfrage sagen einige Offiziere aber, Imran Khan habe "nicht mehr alle Tassen im Schrank", in eine solch gefährliche Gegend zu fahren und dann auch noch "einen Haufen Amerikaner" mitzunehmen.

Gefährlicher ist aber die Uneinigkeit bei den Taliban. Ein Sprecher wiederholte mehrmals, sie würden Khan angreifen, da er "ein Liberaler" sei. Andere Radikalislamisten sagen, Khan sei seit Jahren gegen die Drohnenangriffe und deshalb "ein Bruder im Geiste". Daher werde man für seine Sicherheit garantieren. Ob das auch für die mitreisenden Amerikaner gilt, verspricht niemand. Das pakistanische Innenministerium will von neun Selbstmordattentätern wissen, die angeblich auf der Strecke auf ihren Einsatz warten.

Das Problem, wissen die Friedensaktivisten, sind nicht die Taliban, sondern kleine extremistische Organisationen oder Einzeltäter. "Natürlich ist es möglich, dass irgendjemand auf die Idee kommt, sich in unserer Nähe in die Luft zu sprengen", sagt eine Amerikanerin in Islamabad. Ob sie Angst habe? Sie überlegt, dann sagt sie: "Ich würde lügen, wenn ich nein sage." Es sei jetzt erst einmal abzuwarten, ob die pakistanische Regierung offiziell grünes Licht für den Protestmarsch gebe.

Die Verwaltung der Stammesgebiete teilt mit, sie sei aus Sicherheitsgründen gegen die Demonstration. Und aus der Regierung in Islamabad heißt es, man sei "entsetzt" über das Vorhaben. Es bleibt unklar, ob sich das Entsetzen wirklich aus der Sorge um die Sicherheit der Demonstranten rührt, oder ob es eher politische Gründe sind.

Die Aktivistin Medea Benjamin erklärt, sie werde auf jeden Fall bis nach Waziristan reisen - "auch wenn die pakistanische Regierung das verbietet". Sie überlegt und schwächt dann ab. "Na ja, wir wollen keine pakistanischen Gesetze und Vorschriften brechen." Es sei ja schon ein Erfolg, wenn man bis zur Grenze nach Waziristan komme. "Hauptsache, die Welt schaut auf diese Region und auf das, was die USA hier anrichten."

Die Gruppe denke als Alternative über einen Hungerstreik nach. Vor der US-Botschaft in Islamabad.

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insgesamt 45 Beiträge
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opelforever 05.10.2012
1. mutig !
Wow, sehr mutig, Respekt !
ehf 05.10.2012
2. kein relevanter Faktor
Diese Plakataktion ist lächerlich, denn sie geht davon aus, dass der Hass gegen den Westen ohne den Einsatz der Drohnen, des Militärs oder was auch immer geringer wäre. In diesen Ländern ist er aber praktisch schon Lehrstoff an den Schulen, so es denn überhaupt welche gibt. Oder eben von den Imamen und Religionswächtern propagiert. Daher kann man sich schon vorstellen, welcher Sorte diese US-Bürgerinnen sind. Nämlich, die gleiche Sorte, die auch auf Gazaschiffen mitfahren würde: merkbefreit und naiv.
butternut 05.10.2012
3. Sinn?
Zitat von sysopGetty ImagesPakistans Regierung ist entsetzt: Aktivistinnen der US-Friedensgruppe "Code Pink" wollen aus Protest gegen die US-Drohnenangriffe in die Krisenregion Waziristan reisen, sie sind schon in der Islamabad eingetroffen. Wie werden die Taliban auf die Frauen aus Amerika reagieren? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-drohnen-aktivisten-in-rosa-planen-protestmarsch-nach-waziristan-a-859478.html
Ich denke die Damen können durchaus in Waziristan demonstieren. Zur eigenen Sicherheit müssen sie "nur" folgende Kriterien erfüllen, um nicht vor Ort von Taliban als Geiseln genommen oder direkt getötet zu werden: 1. Zum Islam übertreten. (aber zum richtigen) 2. Dem großen (USA) und kleinen Satan (Israel) und seinen Anhängern (allen Ungläubigen) den Tod wünschen. 3. Burka tragen.
jaein 05.10.2012
4. naive gute frauen
Zitat von opelforeverWow, sehr mutig, Respekt !
ich finde das gelinde gesagt nicht besonders schlau. es ist zu befürchten, dass sie dort ihr leben lassen...
Tom Joad 05.10.2012
5. Naiv auf jeden Fall
Zitat von ehfDiese Plakataktion ist lächerlich, denn sie geht davon aus, dass der Hass gegen den Westen ohne den Einsatz der Drohnen, des Militärs oder was auch immer geringer wäre. In diesen Ländern ist er aber praktisch schon Lehrstoff an den Schulen, so es denn überhaupt welche gibt. Oder eben von den Imamen und Religionswächtern propagiert. Daher kann man sich schon vorstellen, welcher Sorte diese US-Bürgerinnen sind. Nämlich, die gleiche Sorte, die auch auf Gazaschiffen mitfahren würde: merkbefreit und naiv.
Aber auch mutig. Die Frauen wollen ja nicht in Pakistan etwas bewegen, sondern in den USA. Von daher trifft Ihre Kritik nicht ganz.
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