US-Drohnenkrieg in Pakistan Fotos zeigen die wahren Opfer der leisen Killer

Von , Islamabad

Noor Behram

2. Teil: Wie die Drohnenangriffe zur Radikalisierung beitragen


Viele Menschen aus Waziristan berichten unabhängig voneinander: Die Drohnenangriffe der USA, von der pakistanischen Regierung offiziell verurteilt, insgeheim aber genehmigt, wie aus den von WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsberichten hervorgeht, radikalisieren die Menschen. "Wenn ein Haus zerstört wird und Zivilisten sterben, kann man davon ausgehen, dass die Angehörigen, Nachbarn und Freunde Amerika hassen", sagt Behram. Gewalt und wirtschaftliche Not führten zwangsläufig zur Radikalisierung, die Menschen hätten keine Wahl. "Sie sind zu arm, um woanders nach einer neuen Perspektive zu suchen."

Er habe Verständnis dafür, dass die USA die Taliban bekämpften. "Die USA und die Taliban sind Kriegsparteien, das nehmen wir zur Kenntnis. Aber was haben Tausende von Menschen, die in Westpakistan leben, damit zu tun? Warum werden sie umgebracht?" Er wolle zeigen, dass Unrecht geschieht. Dass der Drohnenkrieg, der 2004 begann, den US-Präsident George W. Bush ab Juli 2008 verschärfte und den Nachfolger Barack Obama noch forcierte, keinen Sinn ergebe.

Er selbst versuche, neutral zu bleiben. Grinsend erzählt er dann, dass seine Frau, die eine Mädchenschule betreibt, ihren ersten Sohn, der vor fünf Jahren geboren wurde, Osama genannt hat. "Es gibt sehr viele Osamas in diesem Alter in Waziristan", sagt er und fährt sich mit der Hand durch den dichten, schwarzen Vollbart. "Es ist ein Protest der Leute gegen diese Drohnenangriffe." Er lacht, als wüsste er ganz genau, dass es ein hilfloser, ein unsinniger Protest ist. Dann verstummt sein Lachen plötzlich. "Osama hat Leukämie", sagt er.

In London werden 85 Bilder von Behram gezeigt

Seine Kampagne gegen die Drohnenangriffe ist wohl auch ein Versuch, sich abzulenken. Im März glaubt er, genügend Bilder beisammen zu haben. Behram lässt sie auf Plakatgröße abziehen, lädt auf eigene Rechnung 15 Journalisten in einen Bus und fährt mit ihnen nach Islamabad, um dort einen Stand aufzubauen und die Bilder auf der Straße zu zeigen. "Die Journalisten nahm ich vor allem zu meinem eigenen Schutz mit", sagt er. Die pakistanische Regierung hat kein Interesse daran, dass das Leid der Menschen, das sie ja selbst zulässt, bekannt wird - und mit Kritikern geht sie nicht gerade zimperlich um.

Dort, in der Hauptstadt, kommt er zufällig mit dem Rechtsanwalt Shahzad Akbar zusammen, der mehrere Drohnenopfer vertritt und gerade eine Klage gegen die USA vorbereitet. Er bringt Behram mit der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve zusammen, und nun beginnt an diesem Dienstag eine Ausstellung in London. 85 Bilder werden dort gezeigt, auch all diejenigen, die für eine Veröffentlichung in den Medien nicht geeignet sind. "In einer Ausstellung haben sie eine andere Wirkung", sagt Behram. Unsicher sei er nur bei dem Foto eines blutverschmierten Korans. Er wolle keine Gewalt provozieren, Gewalt als Reaktion auf Gewalt bringe ja nichts.

Vielleicht werde er demnächst ein Buch veröffentlichen, sagt er. In den vergangenen vier Jahren hat er akribisch Tagebuch geführt, seine Erlebnisse und Beobachtungen aufgeschrieben. Seine Geschichte soll ein Gegenentwurf sein zu den offiziellen Verlautbarungen aus einer Kriegsregion.

Jetzt, da er bekannt und in die Öffentlichkeit getreten sei, könne ihm ja nichts mehr passieren.

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akrisios 18.07.2011
1. Schwierig
Wahrlich, ich bin weder für die übliche Bigotterie der politic correctness noch behaupte ich (ala Gutmensch) von mir besser zu sein als der Durchschnitt eines Homo Sapiens. Trotzdem finde ich die zivilen Kollateral-Opfer wirklich sehr bedauerlich. Die Schuld gebe ich klar den zu bekämpfenden Terroristen denn die USA bomben nicht aus Spaß & Dollerei. (Auch wenn das vielen US-Hassern gut in den Kram passt). Wenn diese Waffe jedoch solche aufklärerischen Probleme aufweist und zu solchem Leid führt muss man sie überdenken oder deutlich zielsicherer anwenden. Insofern gehe ich mit den Falken-Kritikern konform.
M_arcellus 18.07.2011
2. Gehirnwäsche
Man sollte sich langsam wirklich die Frage stellen, wer die eigentlichen Terroristen sind.
realistano 18.07.2011
3. Terror und Gegenterror
Zitat von sysopFerngesteuerte Drohnen*gelten den USA als Wundermittel im Anti-Terror-Kampf. Seit Jahren setzt Washington*die*Hightech-Waffen*in Westpakistan ein, doch das Leid der Zivilisten bleibt meist verborgen.*Jetzt zeigen Bilder eines*Fotografen das ganze Ausmaß des Grauens. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774975,00.html
Die Spirale des Terrors ist unbarmherzig. Krieg der Cyberwar Experten gegen Steinzeit Denker, und das ohne eigene Verluste. es geschieht immer nach demselben Schema, auf jeder Terrorattacke wird sofort mit Gegenterror beantwortet, die Auswirkung auf unbeteiligte Menschen ist verheerend. Die Zahl der zivilen Opfer steigt dramatisch an.
wuup 18.07.2011
4.
Zitat von akrisiosWahrlich, ich bin weder für die übliche Bigotterie der politic correctness noch behaupte ich (ala Gutmensch) von mir besser zu sein als der Durchschnitt eines Homo Sapiens. Trotzdem finde ich die zivilen Kollateral-Opfer wirklich sehr bedauerlich. Die Schuld gebe ich klar den zu bekämpfenden Terroristen denn die USA bomben nicht aus Spaß & Dollerei. (Auch wenn das vielen US-Hassern gut in den Kram passt). Wenn diese Waffe jedoch solche aufklärerischen Probleme aufweist und zu solchem Leid führt muss man sie überdenken oder deutlich zielsicherer anwenden. Insofern gehe ich mit den Falken-Kritikern konform.
Wenn Sie mich schlagen und ich Sie daraufhin erschieße sind dann also trotzdem Sie an der Eskalation der Gewalt Schuld. Ich erschieße Sie ja schließlich nicht aus Spaß & Dollerei. (Auch wenn das vielen Notwehr-Hassern gut in den Kram passt).
n.holgerson 18.07.2011
5. Das ist halt Krieg
Ich weiß nicht warum man künstlich auf die Tränendrüse drücken muss.. Selbstredend möchte niemand, dass Unbeteiligte verletzt bzw. getötet werden. Aber man sollte mal auf dem Teppich bleiben. Ich weiß, einige hier werden da sich mal wieder ganz weit aus dem Fenster lehnen. Aber ich gebe gerade den jüngeren Leuten hier mal ein Tipp: Schauen sie sich mal Bilder von Kabul an, als die Taliban gegen die Russen gekämpft haben. Oder mal Bilder von Ortschaften aus Tschetschenien (Grosny lässt Grüßen) anschauen. Der "Witz" ist, dass viele einfach kein Verhältnis mehr herstellen können. Nochmals, jedes zivile Opfer ist eines zu viel. Aber wenn man Krieg führt, dann wird es immer zivile Opfer geben (und nein, jetzt braucht man nicht diskutieren Krieg ja oder nein, weil das ist nicht das Thema!). Wenn man schon ein wenig älter ist und schon ein paar Konflikte verfolgt hat, dann wird man erkennen, dass die Drohen eine wirkliche Weiterentwicklung sind. PS: Und der liebe Fotograph der hier so auf die Tränendrüse drückt sollte sich doch mal lieber fragen, was diese Aufständischen in den Orten zu suchen haben. Jeder weiß, dass die Amis diese angreifen. Also, was haben diese Typen dann in der Nähe von der Bevölkerung zu suchen bzw. warum ist die Bevölkerung in der Nähe von diesen Typen? Oder anders gesagt, Kontrollpunkte der USA sind doch immer potentielle Ziele der Taliban. Wenn jetzt eine Familie genau neben so einem Kontrollpunkt ihr "Lager" aufschlägt und der Kontrollpunkt wird angegriffen, was würde man dann wohl über die Familie denken?
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