US-Erbschaftsteuer Warum der Tod vergoldet wird

Eigentlich soll eine Erbschaftsteuer auf Riesenvermögen in den USA für soziale Gerechtigkeit sorgen. Doch der Kongress hat es verpasst, sie dieses Jahr neu festzulegen. Die Erben eines texanischen Milliardärs, der pünktlich 2010 starb, freuen sich über ein Mega-Steuergeschenk.

US-Kapitol, Sitz des Kongresses: Null Prozent Erbschaftsteuer in 2010
dpa

US-Kapitol, Sitz des Kongresses: Null Prozent Erbschaftsteuer in 2010

Von , Washington


Dan Duncan hat sein Leben lang erfolgreich Geld gescheffelt. Er fing an mit 10.000 Dollar und ein paar Lastwagen. Er verkaufte Erdgas, immer besser liefen die Geschäfte. Schließlich hatte er ein Riesenunternehmen beisammen. Rund neun Milliarden Dollar schwer soll er am Ende gewesen sein, schätzt die "New York Times". Duncan war der reichste Mann in Houston, Nummer 74 in der Welt.

Der Geschäftsmann liebte seine Familie, seine vier Kinder, die vier Enkel, er wollte für sie sorgen - und das hat er getan. Durch seinen Tod, der zum perfekten Zeitpunkt kam.

Denn Duncan verschied im März 2010, mit 77 Jahren, an einem Gehirnleiden. Das Datum war gut gewählt. Wäre er drei Monate früher gestorben, hätten seine Erben 45 Prozent Erbschaftsteuer zahlen müssen. Hätte er sich noch neun Monate länger des Lebens erfreut, wären nach jetziger Gesetzesplanung sogar 55 Prozent angefallen.

Dazwischen aber: null Prozent.

"Das Vermächtnis eines Milliardärs: Tod, aber keine Steuern", schreibt die "Times", die den Fall ausführlich dokumentiert hat. Duncan sei der erste amerikanische Milliardär, resümiert die Zeitung, der sein Vermögen so gut wie steuerfrei weiterreichen könne.

Ein Erbe der Bush-Ära

Denn die US-Regierung hat es für dieses Jahr schlicht nicht geschafft, die Erbschaftsteuer auf große Vermögen - mit einem Wert von mehr als 3,5 Millionen Dollar - neu festzuschreiben. Die betrifft zwar nur ein paar Tausend Familien, doch sie spült kräftig Geld in die Staatskasse: 25 Milliarden Dollar im Jahr 2008.

Das Steuerschlupfloch ist Resultat eines ideologischen Zweikampfs zwischen den Republikanern und den Demokraten - und ein Erbe der Bush-Ära. Frisch im Amt, wollte George W. sein Versprechen massiver Steuersenkungen durchsetzen, auch bei der Erbschaftsteuer. Für das Jahr 2010 war eine komplette Aussetzung der Steuer vorgesehen.

Die Demokraten, im Kongress zurück an der Macht, wollten sie wieder einführen, aber sie konnten sich nicht schnell genug einigen. Erst ab 2011 soll sie nun zurückkehren - doch in welcher Form, steht immer noch nicht fest. Ein Entwurf sieht besagte Erhöhung auf 55 Prozent vor. Doch eine Entscheidung vor Jahresende ist weiter ungewiss.

Das Planungschaos hat eine makabere Note. Schließlich winkt Erben reicher Leute ein Riesengeschäft. Sie könnten durchaus Interesse daran haben, ihre Verwandten dieses Jahr sterben zu sehen. Lebensverlängernde Maßnahmen? Vielleicht nicht mehr so attraktiv.

Doch die Kontroverse berührt größere Fragen in Amerika: Was ist ein gerechtes Steuersystem in einem Land, das derzeit mit hoher Arbeitslosigkeit, riesigem Haushaltsdefizit und weiterwachsender sozialer Ungerechtigkeit kämpft?

Die USA haben ihre hohe Erbschaftsteuer lange als Instrument der Umverteilung gesehen, als Garantie für ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit. Wer aufstieg, sollte belohnt werden - aber nicht unbedingt alles den Erben in den Schoss legen dürfen.

Erbschaftsteuer hat gewichtige Fans unter den Reichen der USA

Als die Steuer Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde, warb selbst Stahlbaron Andrew Carnegie, auch ein legendärer Philanthrop, für sie. Er verstand sie auch als politische Maßnahme: Zu viel Geld in den Händen einer kleinen Oberschicht, fand er, bedrohe die Demokratie.

Aktuelle US-Milliardäre wie Warren Buffett argumentieren ähnlich. Ohne eine solche Steuer, warnte der Anlage-König 2007 den US-Kongress, könne Amerika eine "dynastische Plutokratie" werden. Bill Gates Senior, Vater von Software-Mogul Bill Gates, sekundiert: "Eine Person, die in diesem Land reich wird, schafft das nicht alleine. Sie schafft es meistens aufgrund von Ressourcen, die von Steuern finanziert wurden - deswegen hat die Gesellschaft auch einen Anspruch auf einen Anteil ihres Vermögens in Form der Erbschaftsteuer."

Doch längst nicht alle US-Reichen sehen das so. Weite Teile der Republikanischen Partei kämpfen erbittert gegen die Erbschaftsteuer, sie nennen sie gerne "death tax", Todessteuer - was suggerieren soll, dass der Staat selbst vor einer Strafsteuer auf den Tod nicht zurückschrecke.

Ihr Argument: Schließlich habe man doch schon im Leben jede Menge Steuern gezahlt, warum also noch einmal eine Abgabe? Selbst das Schlupfloch für die Erben von Milliardär Duncan finden sie richtig.

"Sie sollten gar nichts zahlen müssen", findet Dick Patten vom American Family Business Institute, das für eine komplette Abschaffung der Erbschaftsteuer wirbt. "Leute wie Duncan haben ja ihr Leben lang schon Steuern gezahlt." Außerdem müssten die Erben ohnehin Steuern entrichten, sobald sie das Erbe versilbern wollen. Allerdings liegt der Satz dann weit niedriger.

Jetzt überlegen die Demokraten, die Steuer rückwirkend gelten zu lassen

Gegner der Steuer machen zudem geltend, diese könne gar nicht wie gewünscht für mehr Gleichheit in der Gesellschaft sorgen. "Individuelle Fähigkeiten und Entscheidungen sind viel wichtiger für die Vermögensbildung als Erbschaften", sagt Jagadeesh Gokhale vom konservativen Cato Institute. Er rechnet vor: "Selbst wenn wir jeden einzelnen Dollar wegbesteuern würden, der vererbt wird, verringerte dies das Vermögen des reichsten Prozents der US-Gesellschaft nur um vier Prozent."

Vornehm zurück hält sich in der Debatte eine kleine, aber vermutlich sehr glückliche Gruppe: die Erben von Milliardär Duncan. Doch schon bald könnte von ihnen zu hören sein. Oder zumindest von ihren Anwälten. Derzeit versuchen Demokraten nämlich, die Erbschaftsteuer für 2010 zumindest teilweise wieder rückwirkend einzusetzen - was Duncans Familie viel Geld kosten könnte.

Allerdings dürfte noch einige Zeit ins Land gehen, bis das Finanzamt auch nur einen Dollar sehe, meint die "New York Times": "Viele Anwälte sagen, dass Mr. Duncans Erben die Mittel und Motivation haben, um jede rückwirkende Besteuerung zu bekämpfen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rafkuß 22.06.2010
1. Ein Gestank der Verwesung
Zitat von sysopEigentlich soll eine Erbschaftsteuer auf Riesenvermögen in den USA für soziale Gerechtigkeit sorgen. Doch der Kongress hat es verpasst, sie dieses Jahr neu festzulegen. Die Erben eines texanischen Milliardärs, der pünktlich 2010 starb, freuen sich über ein Mega-Steuergeschenk. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,701790,00.html
...den ein Republikaner um sich verbreiten müsste. Denn auch die verendeten Fische des Golfes verfaulen im und vom Kopfe her. Wobei wir schon wieder bei Tod und Vererbung wären...
hhasenbein123 22.06.2010
2. Steuergeschenk
Das Wort SteuerGESCHENK ist ein falsches Wort. Eine Steuer ist immer ein Nehmen, ein Geschenk immer ein Geben ohne erwartete Gegenleistung.
Haio Forler 22.06.2010
3. ..
Zitat von sysopEigentlich soll eine Erbschaftsteuer auf Riesenvermögen in den USA für soziale Gerechtigkeit sorgen. Doch der Kongress hat es verpasst, sie dieses Jahr neu festzulegen. Die Erben eines texanischen Milliardärs, der pünktlich 2010 starb, freuen sich über ein Mega-Steuergeschenk. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,701790,00.html
Glück gehabt, ist dem Mann doch zu wünschen. Ich würde mich als Erbe scheckig lachen, mir stundenlang auf die Schenkel klopfen und meinen schönen neuen Porsche genießen, und aus weiter Ferne die Diskussionen um eine ach so ungerechte Gesellschaft verfolgen. Freut mich für ihn. So Leute, haut rein, Hartz4-Forum ist eröffnet, die Kolchosenwirte können nun hier loslegen.
hepdepaddel, 22.06.2010
4. Was...
... es gibt Erbschaftssteuer in den USA? Ich dachte, das wäre so eine böse Erfindung der deutschen Linken? Eine, die Unternehmer in Scharen ins Ausland treibt...?
Dr. Sorglos 22.06.2010
5. Soziale Gerechtigkeit
Was das Mutterland des Kapitalismus kann, dass sollte wohl auch die "soziale Marktwirtschaft" Deutschlands hinbekommen. Das deutsche Erbschaftsrecht ist asozial, da es die Chancengleichheit für nachfolgende Generationen enorm verschiebt. Während die Einen nämlich für ihren Lebensunterhalt und ihren Beitrag an der Gemeinschaft arbeiten müssen, beziehen Andere ihr leistungsloses Einkommen über Zinsen von genau diesem Teil der Bevölkerung und belasten damit die produktiven Menschen des Landes doppelt. Die enormen Freibeträge, sowie Erbschaftssteuern für direkte Erben in Höhe von 7 - 30% (für Vermögen über 26 Mill. Euro (!)) sind im Vergleich zu den 55% der USA natürlich ein Scherz. Noch direkter kann ein Staat nicht von unten nach oben Umverteilen. Vielleicht nehmen wir uns, wie sonst ja ebenfalls üblich, ein - ausnahmsweise gutes - Beispiel an den USA?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.