US-Experte Hoffman "Terror wird Obamas Präsidentschaft prägen"

Er wollte sich auf die Wirtschaftskrise konzentrieren, auf die Gesundheitsreform und den Klimaschutz - jetzt muss sich US-Präsident Obama um die Terrorgefahr kümmern. Die Bedrohung ist sogar noch schlimmer als in den Bush-Jahren, erklärt US-Experte Bruce Hoffman im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

US-Präsident Barack Obama: "Sein Regierungsstil wird sich verändern"
REUTERS

US-Präsident Barack Obama: "Sein Regierungsstil wird sich verändern"


SPIEGEL ONLINE: Hat das fehlgeschlagene Detroit-Attentat die Fortschritte im Kampf gegen den Terror zunichte gemacht?

Bruce Hoffman: Wir erleben gerade wirklich eine Trendwende. Im vergangenen Jahr hat es in den USA ein Dutzend Terrorismusattacken gegeben, eine pro Monat. Das ist noch nie da gewesen. Einige wurden direkt von al-Qaida organisiert, wie der Beinahe-Anschlag auf den Northwest-Airlines-Flug an Heiligabend. In anderen Fällen handelten Einzeltäter, die sich von der Ideologie des Netzwerks inspirieren ließen, wie der Massenmord durch Nidal Malik Hasan auf der Militärbasis in Fort Hood im November.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch der heimische Terrorismus scheint zuzunehmen.

Hoffman: Amerikanische Bürger tarnen sich als "Schläfer" und schlagen irgendwann zu - wie der Fall eines in Afghanistan geborenen US-Bürgers zeigt, der von al-Qaida in Pakistan trainiert wurde, um Selbstmordattentate in Manhattan auszuführen. Außerdem gibt es noch Einzeltäter, die ganz auf eigene Faust handeln - so wie eine Gruppe von Radikalen, die im Mai festgenommen wurde. Sie wollten zwei Synagogen in der Bronx in die Luft sprengen und Militärflugzeuge bei New York abschießen.

SPIEGEL ONLINE: Die Terrorbedrohung ist also noch vielfältiger geworden.

Hoffman: Genau. Wir sehen jetzt eine brandgefährliche Allianz aus motivierten Rekruten, geschulten Qaida-Terroristen und unauffälligen Einzelgängern, die wie Hasan irgendwann zuschlagen. Es macht mir große Sorge, dass die Attacken nun aus so vielen verschiedenen Richtungen kommen. Das setzt unsere Geheimdienste weiter unter Druck. Dabei sind sie ohnehin schon überlastet.

SPIEGEL ONLINE: Doch heißt das nicht auch, dass al-Qaida schwächer geworden ist? Statt spektakulärer Großattacken muss das Netzwerk nun auf viele kleine Anschläge und Einzeltäter vertrauen.

Hoffman: Ganz im Gegenteil. Wäre die Bewegung schwächer geworden, könnte sie ja nicht so viele verschiedene Bedrohungsszenarien aufbieten. Ich glaube vielmehr, dass es sich um eine neue Strategie von al-Qaida handelt. Sie wollen so viele Einzeltäter wie möglich, um die Geheimdienste abzulenken - damit sie in Ruhe aufwendigere Attacken vorbereiten können. Das Detroit-Attentat zeigt ja, dass diese nach wie vor geplant werden.

SPIEGEL ONLINE: Verglichen mit den Anschlägen im Jahr 2001 war auch das aber noch relativ klein angelegt.

Hoffman: Der 11. September 2001 ist historisch einmalig. Aber der Detroit-Bomber hätte 300 Menschen mit einem Schlag töten können. Erinnern Sie sich nur einmal daran, was für ein politisches Erdbeben Bombenattacken mit noch weniger Todesopfern - wie 2004 in Madrid - ausgelöst haben. Oder die Attacke in London im Jahr darauf.

SPIEGEL ONLINE: Was gilt es jetzt zu tun?

Hoffman: Wir müssen die Terrorbedrohung endlich ernst nehmen. Wir müssen einfach die Risiken präziser einkreisen können.

SPIEGEL ONLINE: Schließt das auch das "profiling" von Passagieren ein, also etwa schärfere Kontrollen für Reisende aus bestimmten Ländern? Die US-Behörden sind davor bislang weitgehend zurückgeschreckt.

Hoffman: Wir können nicht alle gleich behandeln, sondern müssen die Personen finden, von denen eine echte Gefahr ausgeht. Wir müssen einfach alle Details und Charakteristika nutzen, die uns bei der Risikoeinschätzung helfen. Dabei sollten wir endlich die verfügbaren Technologien einsetzen, auch Nacktscanner. Viele Politiker und Bürger scheinen entweder das eine oder das andere zu wollen - mehr Technologie oder mehr Ermittlungsarbeit. Dabei brauchen wir beides. Unsere Sicherheitssysteme sind als Antwort auf eine Gefahr entworfen worden, die vor acht Jahren auftauchte. Seither hat sie sich aber ständig weiterentwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Barack Obama hat gesagt, er werde Geheimdienstfehler "nicht tolerieren". Wird er Verantwortliche in Ministerien und Geheimdiensten feuern?

Hoffman: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde auch niemand gefeuert. Darum geht es auch gar nicht. Viel wichtiger ist, die Fehler im System zu finden. Nehmen Sie das Anti-Terror-Zentrum, das neu gegründet wurde. Das sahen viele als Erfolg an - doch nun stellt sich heraus, dass die Analysten dort mit den Warnungen vor den nigerianischen Terroristen nichts anfangen konnten. Man muss untersuchen, wie es dazu kam.

SPIEGEL ONLINE: Wird dies Obamas Regierungsstil verändern? Er versprach einen Bruch mit George W. Bushs "War on Terror". Aber in seiner Rede am Dienstag klang er entschlossen wie nie, keine Kompromisse im Kampf gegen den Terror zu machen.

Hoffman: Ja, er wird sich verändern - spätestens nach dem Selbstmordattentat in Afghanistan, bei dem sieben CIA-Mitarbeiter getötet wurden. Der Kampf gegen den Terror wird auch Obamas Präsidentschaft prägen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

insgesamt 1921 Beiträge
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Sapientia, 27.12.2009
1. Dass die Amis beknackt sind,...
ist ja allgemein bekannt. Die Beknacktesten jedoch empfinden es bereits als Auszeichnung in Uniform die dicke Hose bei der Immigration und dergleichen zu geben. Die werden jetzt wieder eine Hochzeit erleben - insofern liegen Sie auch richtig.
archelys, 27.12.2009
2. es stinkt
Zitat von sysopNach dem gescheiterten Attentat auf Flug 253 stellen sich neue Fragen nach den Sichherheitsrichtlinien im Flugverkehr. Müssen strengere Kontrollen eingeführt werden?
Ich halte auch das für eine inszenierte Geschichte, damit "ahnungslose" Rundfunk-,Fernsehen- und Zeitungsredakteure ihren Hörern und Lesern etwas Neues über die "permanente Terrorgefahr" berichten können.
Andreas58 27.12.2009
3. Flüssigsprengstoff
Nach Abgabe aller Flüssigkeiten, kann man sich dann nach dem einchecken alle Flüssigkeiten der Welt über diverse Läden auf jedem Airport beschaffen. Seit dieser Maßnahme kann ich nur noch über das Gelaber feixen. Es ist alles nur ein Fake, ich glaube "denen" kein Wort, weder Vogelgrippe, Afghanistan oder Umweltmärchen.
maan, 27.12.2009
4. Die spinnen, die Amis ...
Zitat von sysopNach dem gescheiterten Attentat auf Flug 253 stellen sich neue Fragen nach den Sichherheitsrichtlinien im Flugverkehr. Müssen strengere Kontrollen eingeführt werden?
Manchmal scheint es, als hielten die Amis den Rest der Welt für ziemlich bekloppt. Tatsächlich frage ich mich, ob nicht zumindest die amerikanische Administration (nicht jeder Ami!) reichlich autistisch und geistig beschränkt agiert. Wem immer, wann immer, das möglich ist, sollte die USA weiträumig umfliegen. Leider kenne ich nicht den Stellenwert des Tourismus in den USA. Wäre ja zumindest ein deutliches Signal, wenn der spürbar zurückginge! Geschäftliche und wissenschaftliche Kontakte lassen sich sicher auch ohne Treffen in den USA pflegen.
Querkopf_9 27.12.2009
5. Während des Anfluges?
Wird den überhaupt nicht mehr vernünftig recherchiert oder wird einfach alles von der schreibenden Zunft übernommen was ihnen vorgesetzt wird? Ich vermisse das "Hinterfragen"! Wieso in aller Welt hat er die Maschine nicht hoch über den Wolken zur Explosion gebracht? Wieso beim Landeanflug? Macht keinen Sinn! Wenn man mal bedenkt welch Meisterstück die Quaida am 11.9 vollbracht hat und was dannach an Dillentatismus geboten wurde komme ich echt ins Grübeln? Spiegel Redakteure scheinbar nicht!
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