Von Katja Ridderbusch, Atlanta
Die Geburt von Tochter Janie vor zwei Jahren kam Familie Collins teuer zu stehen. Sechs Wochen Mutterschutz, unbezahlt. "Da wurde es finanziell ziemlich knapp", sagt Mutter Jennifer.
Die Collins sind eine normale Familie in Amerika. Das Ehepaar lebt mit fünf Kindern in der Kleinstadt Dallas im Bundesstaat Georgia, etwa 65 Kilometer nordwestlich von Atlanta. Jennifer, 33, arbeitet als Bürokraft in einer Arztpraxis. Janie war eigentlich nicht geplant. "Aber plötzlich, schwupp, war ich schwanger." Sie hat schon zwei Söhne aus erster Ehe, fünf und acht Jahre alt; ihr Mann Troy brachte ebenfalls zwei Jungs, neun und 14, mit.
Jennifer stammt aus Nashville in Tennessee, dem Mekka der Country-Musik. Sie hat langes hennafarbenes Haar und rauchblau gerahmte Augen. "Kinder sind verdammt teuer", sagt sie. Wie sie das College für alle fünf einmal bezahlen sollen, das wisse Gott, sagt sie und lacht. "Wir versuchen schon jetzt zu sparen." Verzichten möchte sie aber auf keines ihrer Kinder, "never ever".
Nach Erhebungen der Uno liegt die Geburtenziffer in den Vereinigten Staaten bei 2,07 Kindern pro Frau - in Deutschland bei 1,36.
Dabei sind die USA das einzige westliche Industrieland, das keinen bezahlten Mutterschutz per Gesetz garantiert. Der Family and Medical Leave Act aus dem Jahr 1993 verpflichtet größere Arbeitgeber lediglich, zwölf Wochen unbezahlten Mutterschutz zu gewähren. Kinder- und Erziehungsgeld: gibt's nicht. Dafür aber ein breites Angebot an Kinderbetreuung, zum großen Teil privatwirtschaftlich organisiert und teuer.
Kindertagesstätten nehmen Babys ab sechs Wochen auf. Die privaten Krippen kosten mitunter 1500 Dollar pro Monat und mehr. Sie bieten von Fremdsprachen-Früherziehung über Bio-Kinderkost bis zu Baby-Yoga ein Allround-Programm. Öffentliche, meist kommunale Day Care Center sowie kirchliche Kitas kosten rund 400 Dollar im Monat und haben oft Wartelisten. Familien mit geringem Einkommen können Ermäßigung beantragen.
Da bleibt oft nur das Nanny-Sharing, also die Tagesmutter zum Gruppentarif. Oder die Oma wie bei Familie Collins. Jennifers Mutter ist Nanny und Chauffeurin zugleich, betreut Janie und fährt die Söhne zum Kindergarten, zur Schule, zum Fußballtraining. "Ich habe riesiges Glück", sagt Jennifer. Als ihre Mutter einmal mehrere Wochen wegen Krankheit ausfiel, musste Jennifer eine Nanny engagieren - und Troy, der als Elektriker für eine Fast-Food-Kette arbeitet, Überstunden machen, um sie bezahlen zu können.
"Amerikaner sind oft unerschrockener"
Kurz: In den USA bedeuten Kinder häufig große finanzielle Opfer, stärker noch als in Deutschland. Warum werden dort trotzdem mehr Kinder geboren?
Carsten Große Starmann, Demografie-Experte bei der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, sieht den Grund vor allem in kulturellen Unterschieden. "Die Wertigkeit von Kindern und Familie, aber auch die Bewertung von Sicherheit und Risiko sind in den USA ganz anders als in Deutschland."
In Deutschland, sagt er, gebe es ein starkes Sicherheitsdenken und die Tendenz, persönliche Entscheidungen sehr behutsam abzuwägen. Eine "Kultur des Zweifels", wie der Lüneburger Soziologe Günter Burkart schreibt. Tatsächlich sorgen sich die meisten Amerikaner nicht allzu sehr um die potentiellen Hürden und Herausforderungen des Elternseins. "Ich glaube nicht, dass die meisten Frauen eine Rechnung aufmachen, ob und wann sie sich ein Kind leisten können", sagt Jennifer. "Es passiert einfach." Amerikaner, sagt Große Starmann, seien oft unerschrockener in ihrer Lebensplanung, vertrauten auf die Machbarkeit der Dinge.
Zugleich betrachtet man in den USA, wo das soziale Netz wertkonservativer und oftmals religiöser geprägt ist als in Europa, die Kosten von Kindern nicht primär als Wohlstandsverlust, sondern vielmehr als Investition: in die Gesellschaft, in den Mikrokosmos Familie, aber auch in das eigene Sozialprestige. Denn: Kinder zu haben, kann in Amerika durchaus die Karriere voranbringen. Kinder dienen, vor allem in der Mittelklasse und aufwärts, der sozialen Positionierung. So sind unter den Managerinnen großer US-Konzerne einige prominente Mütter: Indra Nooyi von PepsiCo, Irene Rosenfeld von Kraft Foods, Andrea Jung von Avon oder Carol Bartz von Yahoo. Wäre ein kinderloser Präsident in den USA also überhaupt denkbar? "Spontan würde ich sagen: nein", meint Carsten Große Starmann.
"Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, ist mir nie gekommen"
Auch das "Rabenmutter"-Stigma, mit dem in Deutschland noch immer viele arbeitende Mütter zu kämpfen haben, ist in den USA unbekannt. "Hier ist es die Norm, dass Frauen und auch Mütter arbeiten", sagt Brande Stellings von Catalyst, einer Organisation zur Förderung von Frauen in der Berufswelt. Tatsächlich sind in den USA 72 Prozent aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren und 60 Prozent aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren berufstätig. "Die meisten Frauen arbeiten, weil sie es aus wirtschaftlichen Gründen müssen", sagt Stellings, selbst Mutter von zwei Kindern. "Aber viele arbeiten auch, weil sie es wollen."
Adina Alazraki zum Beispiel. Sie ist Radiologin in der Kinderklinik der Emory Universität in Atlanta; ihr Mann Dave ist Manager bei Coca-Cola. Tochter Tahlia ist sieben, Sohn Zachary drei Jahre alt. "Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, ist mir nie gekommen", sagt Adina, eine drahtige Frau Anfang 40 mit einem strengen Zug um den Mund.
Als Tahlia geboren wurde, war Adina noch in der Ausbildung, kam nach sechs Wochen aus dem Mutterschutz zurück. Mit Zachary blieb sie neun Wochen zu Hause. Anschließend kümmerte sich eine Nanny um die Kinder. Mit jeweils 15 Monaten gingen die beiden in ein private Day Care Center. Zachary ist noch immer dort; Tahlia geht mittlerweile zur Schule.
Vom Rabenmutter-Stigma hat Adina noch nie gehört. Das schlechte Gewissen, sagt sie, "mache ich mir eher selbst". Einige von Tahlias Freundinnen haben Mütter, die nicht berufstätig sind. Die lesen in der Schule Märchen vor oder helfen bei Aufführungen. "Tahlia fragt mich manchmal: Mama, warum bist du nie dabei? Und ich muss ihr dann sagen: Sorry, Sweetheart, aber ich arbeite." Adina lacht nervös, nippt an ihrem Kaffee. "Das bedrückt mich dann schon ein bisschen."
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