US-Feldpost Im Namen der Propaganda

Die Heimat soll erfahren, dass es gar nicht so schlimm ist im Irak. Dachten sich Öffentlichkeitsarbeiter der amerikanischen Armee und leiteten hymnische Briefe von Irak-stationierten US-Soldaten an Zeitungen weiter. Kleiner Schönheitsfehler: Die angeblichen Verfasser haben die Briefe nie geschrieben.

Von Ulrike Putz


 Graffitto in Kirkuk: Dank an die Amerikaner
AP

Graffitto in Kirkuk: Dank an die Amerikaner

Berlin - Vater Deaconson aus West Virginia war verwirrt: Da druckt das Lokalblatt einen vor Pathos triefenden Brief seines im Irak stationierten Sohns Nick ab, und als der stolze Vater ihn dazu beglückwünschen will, weiß er nichts von dem Schreiben. "Als ich ihm am Telefon gesagt habe, dass der Brief sehr gut gewesen sei, fragte er nur: ,Welcher Brief'?", sagte Deaconson der Zeitung "USA Today".

Was ist das für ein Brief, unter dem mein Name steht - und woher kommt er? Das fragen sich in diesen Tagen mehrere amerikanische Soldaten im Irak. Die Angehörigen des 503. Airborne Infantry Regiments, das seit Monaten in Kirkuk stationiert ist, firmieren als Verfasser eines immer gleichen Schreibens, das im vergangenen Monat im Posteingang von mindestens elf Zeitungen zwischen Massachusetts und Kalifornien gelandet ist.

Die wortgleichen Briefe mit jeweils anderer Unterschrift preisen in fünf Absätzen die Sinnhaftigkeit des amerikanischen Irak-Einsatzes. Die Phantom-Autoren loben den verbesserten Lebensstandard in der nordirakischen Stadt, die ihnen "eine Heimat fern der Heimat" geworden sei:

Einsatzort Nordirak: Immer neue Angriffe zermürben die Soldaten
AP

Einsatzort Nordirak: Immer neue Angriffe zermürben die Soldaten

"Die Mehrheit der Bevölkerung hat uns mit offenen Armen begrüßt. Obwohl wir schon fünf Monate hier sind, kommen die Leute bei über 40 Grad Hitze aus ihren Häusern gelaufen, wenn wir auf Patrouille vorbeifahren. Kinder laufen lachend auf uns zu, um uns die Hände zu schütteln. Sie rufen uns in gebrochenem Englisch ,Thank You, Mister' zu."

Soweit die frohe Feldpost-Botschaft, die von verschiedenen amerikanischen Zeitungen abgedruckt wurde. Bis sich herausstellte, dass es sich bei dem Schreiben unbekannter Herkunft um einen Formbrief handelt. Nachfragen von amerikanischen Medien ergaben: Einige Soldaten durften das Schreiben, das von einem Offizier in Kirkuk ausgeteilt worden sein soll, immerhin lesen, bevor sie unterschreiben sollten. Andere wurden gar nicht erst gefragt, in mindestens zwei Fällen wurde der Name ohne Wissen der Soldaten auf den Vordruck gesetzt.

Der Offizier soll die Ausbeute nach Texas weitergeleitet haben, berichten amerikanische Medien. Dort sitzt das "Hometown News Release Program". Die armeeigene Propagandastelle kümmert sich darum, dass Lokalzeitungen mit immer neuen Geschichten über Soldaten, die aus der Region stammen, versorgt werden. Nur waren die verbreiteten Neuigkeiten in diesem Fall nicht die authentischen Erlebnisse einzelner. Die Briefe scheinen Teil einer Kampagne, mit der die zunehmenden Sorgen in der Öffentlichkeit über den verlustreichen Irak-Einsatz zerstreut werden soll.

Misstrauisch geworden ob der immer gleich lautenden Befindlichkeits-Beschreibungen waren amerikanische Journalisten im Irak. Sie mochten nicht glauben, dass die Soldaten urplötzlich ein einstimmiges Jubellied auf ihren Job anstimmen. Auch wenn die Menschen in den irakischen Kurdengebieten den Amerikanern durchaus gewogener sind als im dauerkriselnden Süden: Viele GIs sind zermürbt durch Überfälle und das lange Warten auf das immer wieder hinausgezögerte Ende ihres Einsatzes.

Die Armee versucht sich nun in Schadensbegrenzung und gibt an, nicht zu wissen, wer für den Werbefeldzug per Post verantwortlich zeichnet. Die Zentrale habe von all dem nichts gewusst, da habe jemand weiter unten eine ganz dumme Idee gehabt. Wer, bleibt ungeklärt. "Irgendjemand, irgendwo hat es auf sich genommen, die Briefe zu verschicken", wich ein Militärsprecher einer Anfrage der "USA Today" aus. Kein Soldat sei unter Druck gesetzt worden, den Brief zu unterschreiben, beteuert ein anderer Armeesprecher. Dass "Home Town News Release Program" sei missbraucht worden. Doch das Misstrauen ist gesät: Wenn die schon Leserbriefe fälschen, was dann noch alles, fragen sich amerikanische Zeitungen und Fernsehsender.

Die öffentliche Meinung in der Vereinigten Staaten kippt. Die Amerikaner, noch im Frühjahr davon überzeugt, mit ihrer Armee im Irak zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, fragen sich zunehmend, warum sie viel Personal und noch mehr Geld in das ferne Zweistromland schicken sollen. Nach einer Umfrage von "USA Today" glauben nur noch 50 Prozent der Bevölkerung, dass der Krieg gerechtfertigt war. Im April waren es noch 73 Prozent.

Dem amerikanischen Militär ist der Vorfall auch deshalb so hochnotpeinlich, weil er die von der Regierung vergangene Woche angestoßene Medien-Kampagne ins Zwielicht setzt. Mit ihr will Präsident Bush den negativen "Filter" beseitigen, der sich seiner Ansicht nach über die Irak-Berichterstattung gelegt hat. Dazu will er, wie er Montag verkündete, seinem Wahlvolk erzählen, was diesem sonst anscheinend öfter vorenthalten wird: "Die Wahrheit."

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