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US-Folter in Abu Ghureib: Lynndie England spricht von Einschüchterungstaktik

Die wegen ihrer obszönen Posen auf Fotos mit nackten Gefangenen bekannt gewordene US-Soldatin Lynndie England hat die Misshandlungen in Abu Ghureib als taktische Maßnahme bezeichnet. Unterdessen berichtet die "New York Times", dass die US-Truppen in dem Gefängnis einen Prostituiertenring unterhalten haben.

Lynndie England mit Gefangem in Abu Ghureib: Gefängnis im Chaos
AFP/ THE WASHINGTON POST

Lynndie England mit Gefangem in Abu Ghureib: Gefängnis im Chaos

Washington - Dieses Bild ging um die Welt: Die US-Soldatin Lynndie England führt einen irakischen Häftling an einer Hundeleine durch einen Zellentrakt im Foltergefängnis Abu Ghureib. Vor Gericht bezeichnete die im siebten Monat schwangere Frau dieses Verhalten als ein "Instrument zur Einschüchterung". Der Gefangene habe in eine andere Zelle gebracht werden sollen, zitierten US-Medien heute aus der Anhörung der 21-Jährigen vor einer Militärkommission in Fort Bragg im US-Bundesstaat North Carolina.

Die Kommission muss nun am Ende der Anhörung entscheiden, ob ein Verfahren gegen England eröffnet wird. Im Fall einer Verurteilung drohen ihr bis zu 38 Jahre Haft.

Nach Angaben der Tageszeitung "New York Times" haben die bisherigen Zeugen in der Anhörung von einem "Gefängnis im Chaos" berichtet, in dem US-Militärpolizisten unter anderem auch einen Ring von Prostituierten betrieben und illegal Alkohol verkauft hätten. Kein Zeuge habe aber ausgesagt, dass es einen direkten Befehl gegeben habe, die Häftlinge - wie auf den rund 280 Misshandlungsbildern festgehalten - zu behandeln.

Einzeltäter-Theorie fraglich

In anderen Aussagen sei die Behauptung der US-Regierung in Frage gestellt worden, bei den Misshandlungen von Abu Ghuraib handele es sich um die Einzeltaten von sieben "Schurkensoldaten", schreibt das renommierte Blatt. Einige Zeugen hätten beteuert, dass hochrangige Offiziere einschließlich des höchsten Geheimdienstoffiziers in dem Gefängnis, von der missbräuchlichen Benutzung von Hunden, einigen Misshandlungen und dem Tod eines Irakers gewusst hätten.

Die Verteidigung Englands hatte bislang argumentiert, dass die Soldaten auf höheren Befehl gehandelt hätten und jetzt als Dienstrangniedrigste zu Sündenböcken für den Skandal gemacht werden sollen. Die Verteidigung will auch mehrere ranghohe US-Generäle vorladen. Als Zeugen sollen unter anderem der frühere US-Kommandeur im Irak, Generalleutnant Ricardo Sanchez, sowie die Ex-Leiterin des Gefängnisses Abu Ghoreib, Brigadegeneral Janis Karpinski, aussagen.

Der US-Soldat, durch dessen Meldung der Gefängnisskandal ins Rollen gekommen war, erklärte unterdessen, dass er sich lange mit der Frage gequält hatte, ob er seine Mitsoldaten anschwärzen solle oder nicht. Schließlich habe er sich jedoch dafür entschieden, damit die Misshandlungen nicht weitergingen. Der Soldat Joseph Darby machte seine Aussage telefonisch von einem geheim gehaltenen Ort aus im Rahmen der Anhörung im Fall Lynndie England. Unter anderem zitierte Darby den ebenfalls der Misshandlung von Gefangenen Beschuldigten Charles Graner mit den Worten: "der Christ ist in mir weiß, dass dies falsch ist. Aber der Gefängniswärter in mir kann nichts dagegen tun, dass es ihm Spaß macht, einen erwachsenen Mann dazu zu bringen, Angst zu haben."

Hunderte Tote in Nadschaf

Schwere Kämpfe in Nadschaf: Annan sieht weiter ein hohes Bedrohungspotenzial für Uno-Mitarbeiter
REUTERS

Schwere Kämpfe in Nadschaf: Annan sieht weiter ein hohes Bedrohungspotenzial für Uno-Mitarbeiter

Im Irak gingen die Gefechte zwischen Auständischen und der US-Armee derweil weiter. Hunderte Anhänger des radikalen schiitischen Predigers Muktada al Sadr wurden dabei in der südirakischen Stadt Nadschaf getötet. Die US-Truppen gingen nach eigenen Angaben am Freitag von 300 getöteten Militanten aus, der Gouverneur von Nadschaf sprach sogar von 400 getöteten Kämpfern al Sadrs sowie 1000 Festnahmen. Dutzende weitere Tote gab es den irakischen Behörden zufolge in anderen schiitischen Städten. Ein Sprecher der irakischen Milizen hingegen bestritt die Zahlen und sagte, das US-Militär habe in verschiedenen Städten seit Donnerstag insgesamt 36 schiitische Kämpfer getötet.

Die Vereinten Nationen werden nach Ansicht von Generalsekretär Kofi Annan noch für längere Zeit ein vorrangiges Angriffsziel für irakische Aufständische bleiben. Deshalb werde das Uno-Personal im Irak in seinem Umfang weiterhin stark begrenzt bleiben. Die Sicherheitslage stelle das schwerste Hindernis für eine effektive Arbeit dar, schrieb Annan in einem Bericht, den sein neuer Irak-Gesandter Ashraf Jehangir Qazi gestern dem Weltsicherheitsrat in New York vorstellte. "Seit Dezember hat sich die Sicherheitslage im Irak nicht verbessert", schrieb Annan. "In absehbarer Zukunft werden die Vereinten Nationen ein herausgehobenes, stark gefährdetes Ziel für Angriffe im Irak bleiben."

Gefälschtes Hinrichtungsvideo aufgetaucht

Am Vormittag tauchte derweil ein Video mit der angeblichen Hinrichtung eines US-Bürgers auf. Es stellte sich jedoch als Fälschung eines 22-jährigen US-Bürgers aus San Francisco heraus. Benjamin Vanderfort erklärte, er habe mit dem Video auf seine Bewerbung um ein politisches Amt aufmerksam machen wollen und zugleich demonstrieren wollen, wie einfach solche Videos zu fälschen seien.

Sarkawis Werbe-CD-Rom: Auf den Bildern sind offenbar die Terroristen Abu Abdullah al-Leebi (oben l. und unten r.), Abdulkareem al-Sori (oben r.), Abo Jehad (unten l.), vor einem Angriff auf US-Soldaten zu sehen
AP

Sarkawis Werbe-CD-Rom: Auf den Bildern sind offenbar die Terroristen Abu Abdullah al-Leebi (oben l. und unten r.), Abdulkareem al-Sori (oben r.), Abo Jehad (unten l.), vor einem Angriff auf US-Soldaten zu sehen

Nachrichtenagenturen hatten das Band zunächst irrtümlich der Terrorgruppe "Al-Tawhid wa al-Dschihad" des Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi zugeschrieben, da es denselben Titel getragen hatte wie ein authentisches Videoband dieser Gruppe aus dem Mai, auf dem die grausame Ermordung des US-Bürgers Nicholas Johnson zu sehen gewesen war. Agenturberichten zufolge veröffentlichte "Al-Tawhid wa al-Dschihad" heute allerdings eine CD-Rom, die insgesamt 45 Minuten Bild- und Tonmaterial enthält. Darauf sei zu sehen, wie Kämpfer der Gruppe in verschiedenen Waffengattungen ausgebildet werden. Außerdem rufe der Anführer al-Sarkawi alle Muslime weltweit dazu auf, die "Kreuzzügler aus dem Westen" zu bekämpfen. Darüber hinaus übernahm die Terrorgruppe die Verantwortung für verschiedene Entführungen und Anschläge im Irak.

Am Mittag strahlte das türkische Fernsehen ein weiteres Video aus, auf dem angeblich ein türkischer Lastwagenfahrer zu sehen ist, der seine Landsleute auffordert, nicht mehr in den Irak zu reisen und dort zu arbeiten. Den Berichten zufolge haben die Terroristen ein 48-Stunden-Ultimatum verhängt. Die Firma, bei der das Opfer arbeitet, hat sich mittlerweile aus dem Irak zurückgezogen.

Aus Sorge, dass solche Videobotschaften die verschiedenen Terrorgruppen im Irak anspornen könnten, hat die irakische Übergangsregierung unterdessen das Bagdader Büro des arabischen Fernsehsenders Al-Jazeera geschlossen. Verschiedene Minister hatten sich in jüngster Zeit beschwert, der Satellitensender berichte einseitig über die Lage im Irak.

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