US-Folterskandal Drei Jahre Haft für Lynndie England

Die US-Soldatin Lynndie England ist wegen des Folterskandals im Gefängnis Abu Ghureib von einem Militärgericht zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Zudem wird die 22-Jährige unehrenhaft aus der Armee entlassen.


Lynndie England (r.): Drei Jahre Haft
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Lynndie England (r.): Drei Jahre Haft

Fort Hood - Bereits am Montag war sie in sechs von sieben Anklagepunkten der Misshandlung irakischer Gefangener schuldig gesprochen worden. Das Foto von England, wie sie im Abu-Ghureib-Gefängnis bei Bagdad einen nackten und am Boden liegenden Häftling wie einen Hund an der Leine hielt, war um die Welt gegangen. Sie war zum bekanntesten Gesicht des Folterskandals geworden.

Bei der Urteilsverkündung brach England in Tränen aus. Ihre Mutter nahm sie in den Arm; die Militärpolizisten ließen ihr noch einige Minuten mit ihrer Familie, bevor sie abgeführt wurde. England drohten bis zu neun Jahre Haft. Kurz vor dem Urteil hatte England darum gebeten, ihr elf Monate altes Baby bei ihr zu lassen. Ob der Wunsch auf irgendeine Weise genehmigt wird, blieb laut den vorliegenden Berichten unklar. Der Sohn stammt aus der Verbindung zu ihrem ehemaligen Geliebten und Vorgesetzten im Abu-Ghureib-Gefängnis, Charles Graner. Ihre Anwälte hatten vergeblich argumentiert, dass sie von ihrem Charakterbild her zur Folgsamkeit neige und emotional instabil sei, weshalb sie dem Einfluss ihrer Umgebung in Abu Ghureib erlegen sei. Den Befehlen Graners sei sie blind gefolgt.

Das Militärgericht unter Vorsitz von Richter James Pohl befand sie in vier Anklagepunkten der grausamen Misshandlung von Häftlingen für schuldig. So wurde England unter anderem schuldig gesprochen, weil sie auf einem Foto auf die Genitalien eines nackten Gefangenen zeigte oder weil sie auf einem Bild zu sehen ist, auf dem nackte irakische Häftlinge zu einer Pyramide gestapelt wurden. Verurteilt wurde sie auch wegen unzüchtigen Verhaltens und der Verabredung zu einer Straftat.

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Das erste Verfahren gegen England war geplatzt, weil der vorsitzende Richter ein von der Soldatin abgelegtes Schuldbekenntnis für unglaubwürdig hielt und für ungültig erklärt hatte. Von dem Bekenntnis hatte sich die Soldatin eine mildere Strafe erhofft.

Der Folterskandal von Abu Ghureib war im Frühjahr 2004 durch die Veröffentlichung der Misshandlungsfotos bekannt geworden und hatte weltweit Empörung ausgelöst.

Von den nunmehr wegen des Abu-Ghureib-Skandals verurteilten neun Soldaten erhielt Graner als Rädelsführer mit zehn Jahren die härteste Strafe. Die meisten anderen bekamen zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Gegen Mitglieder der oberen Militärführung gab es wegen des Skandals dagegen keine Anklagen. Im April sprach ein Untersuchungsausschuss des Pentagon den früheren Oberbefehlshaber im Irak, Ricardo Sanchez, und drei weitere hohe Offiziere von jeder Verantwortung frei.

US-Generalstabschef Richard Myers sagte zum Schuldspruch für England, die Misshandlungen hätten die gesamten Streitkräfte belastet, obwohl es sich um die Fehltritte einzelner handele. Das Urteil gegen England sei ein weiteres Beispiel dafür, "dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden".

Die Gefangenen-Hilfsorganisation amnesty international (ai) kritisierte dagegen das Urteil als zu milde. Die Haftstrafe von drei Jahren sei zu niedrig, sagte die Generalsekretärin der deutschen ai-Sektion, Barbara Lochbihler, heute im Inforadio vom rbb. Zwar sei es gut, dass es überhaupt zum Prozess gekommen sei. Es gehe aber nicht an, dass das Militär sich selber untersuche, kritisierte Lochbihler. "Wir fordern eine unabhängige und umfassende Untersuchung, dass eben nicht nur einfache Soldaten angeklagt werden, dass die ganze Befehlskette und deren Verantwortlichkeit deutlich gemacht wird." US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der mehrfach Folterpraktiken als Verhörmethoden genehmigt habe, sei nach wie vor im Amt.



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