US-Folterskandal Neue Vorwürfe vom Muckraker

Erneut bringt der US-Reporter Seymour Hersh, der den Folterskandal von Abu Ghureib lostrat, seine Regierung in Bedrängnis: mit neuen Fotos und Vorwürfen. Der Mann ist das gewöhnt, mit einem Enthüllungsbericht über das Vietnam-Massaker von My Lai hatte seine Karriere 1969 begonnen. Damals wie heute attackiert ihn das Weiße Haus als Lügner.

Von , New York


Ein irakischer Gefangener wird von US-Soldaten erniedrigt: Neues Foto aus dem "New Yorker"
AFP / The New Yorker

Ein irakischer Gefangener wird von US-Soldaten erniedrigt: Neues Foto aus dem "New Yorker"

New York - Es ist Seymour Hersh nicht anzumerken, dass er eine harte Woche hinter sich hat. Gut gebräunt sitzt er im Studio, ein älterer Herr in grauem Anzug, blauem Hemd und blauer Krawatte, Hände im Schoß, Augen hellwach hinter randloser Brille. Seine Sätze sind spitz, sein Ton ist scharf: "Das ist eine bekannte Szene aus dem, wissen Sie, aus dem Dritten Reich", sagt der Journalist über den Folterskandal von Abu Ghureib, den er selbst mit enthüllt hat. Nur einmal erlaubt er sich ein Zeichen der Schwäche, als ihn CNN-Anchor Wolf Blitzer fragt, was er als nächstes vorhabe. Hershs Antwort, kurz und prägnant: "Ich werde erst mal eine Weile schlafen." Ja, zum Schlafen kommt Hersh kaum mehr. Sein investigativer Bericht über Abu Ghureib, vorige Woche im US-Magazin "New Yorker" abgedruckt, wird bis heute weltweit zitiert, hat das Weiße Haus tief in die Krise gestürzt und markiert für viele die politische Wende im Irak-Krieg. Es folgten endlose TV-Interviews, ein Journalistenpreis (für frühere Storys), neue Informationen, neue Fotos, ein neuer Text im heutigen "New Yorker", neuer Wirbel, neue Interviews. Kein Wunder, dass ihn "Newsweek" das "journalistische Äquivalent zu Viagra" nennt.

Ein Reporter mit Stehvermögen: Dem 67-Jährigen dürfte das alles als höchst ironisches Déjà-vu vorkommen. Dreieinhalb Jahrzehnte ist es nun her, da Hersh, als unbekannter Freelance-Reporter, einen anderen Skandal in einem anderen Krieg ans Licht zerrte. Seine Beschreibung des Massakers von My Lai, bei dem 1968 eine US-Einheit Hunderte vietnamesische Frauen, Kinder und Greise niedermetzelte, verschaffte ihm den Pulitzerpreis, machte ihn berühmt - und markierte den Anfang vom Ende des amerikanischen Engagements in Vietnam.

"Keine Ahnung von sozialem Benehmen"

Nun hat es also ausgerechnet wieder Hersh geschafft, ein neues, entscheidendes Kapitel auch im Irak-Krieg aufzuschlagen - ein Krieg, in dem Kritiker längst "Echos von Vietnam" vernehmen, wie es der dienstälteste US-Senator Robert Byrd sagt. Eine späte Genugtuung für einen, dessen Karriere vor nicht langer Zeit in Kontroverse und Kritik zu versanden drohte und den der neokonservative Vordenker Richard Perle kürzlich als eine Art journalistischen "Terroristen" beschimpft hat.

Dass der sich jetzt einen zweiten Frühling erschreibt, überrascht die, die ihn kennen, kaum. "Er ist der beste investigative Reporter", sagt Leslie Gelb, Ex-Präsident des Council on Foreign Relations und selbst ein Pulitzerpreisträger. Journalismus-Eminenz Richard Reeves nennt Hersh "den großen Reporter seiner Generation", der Storys ausgrabe, an die sonst keiner rankomme: "Er ist eine Legende - und verdient das auch."

Doch wie bei allen Legenden scheiden sich auch an Hersh die Geister. Der Mann, den alle nur Sy nennen und von dem sein Kollege Harrison Salisbury einst vermutete, er sei "mit einem Telefonhörer im Ohr geboren", ist berüchtigt für seine unkonventionellen Methoden. Abe Rosenthal, sein Chefredakteur bei der "New York Times", warf ihm einst "Erpressung" von Informanten vor. Selbst bei Bekannten gilt er als schwierig, schludrig, schlampig, arrogant und rüde. "Er hat keine Ahnung von sozialem Benehmen", seufzt seine Freundin Gloria Emerson, die lange mit ihm zusammenarbeitete. Kollegen, die ihn um Auskunft bitten, brüllt Hersh gerne an: "Lass mich in Ruhe!" Und das Erste, das Scott Sherman auffiel, der ihn für das Branchenblatt "Columbia Journalism Review" interviewte, war: "Seine Schnürsenkel waren offen."

Über Bier zum Reden gebracht

Knorrig, knatschig, kriegerisch: Hersh ist das Relikt einer untergegangenen Ära des US-Journalismus - der Ära der "Muckrakers", die die Mächtigen entblößen. Diese Ära fand in Watergate ihren Höhepunkt und verkam Ende der neunziger Jahre mit dem Lewinsky-Skandal weitgehend zu Sensationshascherei. Doch während Hershs Zeitgenossen - etwa der Watergate-Enthüller Bob Woodward - heute selbst in den elitären Polit-Salons Washingtons verkehren und als Mainstream-Buchautoren und Vortragsredner Millionen kassieren, spielt Hersh weiter den unbequemen Underdog.

Es ist eine Rolle, die er von Anfang an gespielt hat, schon bei seinem ersten Job in Washington, als Pentagon-Korrespondent der Nachrichtenagentur AP. Dort fiel er auf, indem er die unergiebigen Pressekonferenzen vorzeitig verließ und sich seine Informationen stattdessen in der Offiziers-Cafeteria holte.

Bald machte sich Hersh selbständig. Im Herbst 1969 bekam er einen Tipp: Ein Soldat, frisch aus dem Vietnamkrieg heimgekehrt, stehe wegen der Tötung von Zivilisten vor einem Militärgericht. Hersh reiste nach Georgia, wo der Angeklagte stationiert war, und brachte den Mann, einen jungen Zugführer namens William Calley, über viel Bier zum Reden.

Wenn Befreier zu Schlächtern werden

Calleys Geschichte war grausig: Im Morgengrauen des 16. März 1968 griff die Charlie-Kompanie der 11. Infanterie-Brigade das südvietnamesische Dorf My Lai an, wo sie Vietcong-Kämpfer vermuteten. Obwohl sie nur auf unbewaffnete Frauen, Kinder und Alte trafen, schlachteten die Amerikaner zwischen 250 und 500 Zivilisten ab, mit einer eiskalten Brutalität, die Francis Ford Coppola später im Antikriegsfilm "Apocalypse Now" verewigte.

Alle Redaktionen lehnten Hershs Text zunächst ab. Erst ein linksgerichteter Nachrichtendienst übernahm ihn - woraufhin ihn prompt drei Dutzend US-Zeitungen nachdruckten. My Lai wurde zum internationalen Tagesgespräch, und der Vietnamkrieg hatte seinen ersten Skandal.

Seine Kritiker - auch die im Weißen Haus - attackierten ihn als Lügner, doch Hersh veröffentlichte weitere Details 1970 in dem Buch "My Lai 4". Nüchtern beschrieb er darin nicht nur das Massaker selbst, sondern auch die Gräuel eines Konflikts, in dem die Befreier einer Nation selbst zu Übeltätern wurden - ein Motiv, das sich heute in Hersh Berichten über den Irak-Krieg auf makabre Weise wiederholt.

Reputation zerstört

1972 heuerte ihn die "New York Times" an, um ihre Watergate-Berichterstattung, die der "Washington Post" hinterherhinkte, in Schwung zu bringen. Doch Hersh kam nie an Woodward und dessen Kollegen Carl Bernstein heran. Er selbst registrierte das mit Bitterkeit: "Ich hätte nichts dagegen", sagte er einmal, "mit einem Buch eine Million Dollar zu verdienen."

Trotzdem landete Hersh zahlreiche andere "Scoops", die politische Wellen schlugen. Er enthüllte die Bespitzelung von Kriegsgegnern durch die CIA und die CIA-Verwicklung in den chilenischen Staatsstreich 1973, die windigen Geschäfte des Ölkonzerns Mobil in Kasachstan und die israelische Atompolitik.

Seine Informationen bekam er stets auf die gleiche Weise: Er las penibel die internen Hauszeitschriften diverser Ministerien und Behörden wie der CIA und der National Security Agency, um herauszufinden, welche Mitarbeiter pensioniert wurden oder durch freidenkerische Äußerungen auffielen. Die kontaktierte er dann und schuf sich so ein enormes Adressbuch an vertraulichen "Quellen". Dieses System praktiziert er bis heute und hat es offenbar auch auf seine Recherchen zu Abu Ghureib angewendet. "Er beutet seine Informanten sehr methodisch aus", sagt der ehemalige CIA-Vizechef Richard Kerr. "Er spricht eine irre Menge Leute an."

Irrtümer, Schludereien und Fehlschüsse, aber auch Querelen mit seiner Redaktion warfen Hershs Karriere jedoch aus der Bahn. Er verließ die "Times" im Streit, sein guter Ruf war dahin. Es folgten lange Dürrejahre. Ein Comeback-Versuch ging 1997 daneben: seine Kennedy-Biografie "The Dark Side of Camelot". Aufgeplustert, auf fraglichen Dokumenten beruhend und von der Kritik zerrissen, wurde das Buch zum Tiefpunkt seiner journalistischen Arbeit. "Hersh hat seine Reputation zerstört", befand der "New York Times Review of Books".

Jede ideologische Färbung untersagt

Dann kam der 11. September 2001. Hersh, inzwischen Reporter beim "New Yorker", fand in den Terroranschlägen neuen Antrieb für seinen Missionarseifer. Er begann, brisante Geschichten über die Hintergründe der Attentate und des Krieges gegen den Terror zu schreiben: über das Chaos der Geheimdienste, die Connection Washingtons zum saudischen Königshaus, die nuklearen Machenschaften Pakistans, das Versagen des Militärs in Afghanistan, die Kabale der Neokonservativen im Pentagon. Das Weiße Haus tobte: "Seymour Hersh ist ein Lügner", sagte Präsident George W. Bush dem Hersh-Konkurrenten Woodward.

Rückendeckung bekam Hersh von David Remnick, dem Chefredakteur des "New Yorker". Der hatte beschlossen, das legendäre Wochenmagazin nach 9/11 auf neuen Kurs zu bringen: weg von den Hollywood-Hofberichten, zurück zu politisch-literarischen Glanzstücken mit Nachrichtenwert. Die Geschichten wurden kürzer, die Redaktionsschlüsse später.

Remnick übernahm es persönlich, Hershs berüchtigter Unzuverlässigkeit vorzubeugen: "Ich kenne jeden einzelnen Informanten in seinen Texten", sagt er. Auch hat er ihm jegliche links-ideologische Färbung untersagt, wie sie seine früheren Texte durchzog. Hershs Beiträge sind deshalb fast im nachrichtlichen Telegrammstil geschrieben. Hersh seufzt genervt: "David ist nicht immer nett zu mir."

"Riesiges Versagen der Führung"

Und doch quillt seine Meinung aus jedem Satz. "Keine entschuldigenden Aussagen oder politischer Spin", schreibt Hersh heute in seinem jüngsten Bericht über Abu Ghureib, "konnten letzte Woche die Tatsache vertuschen, dass Präsident Bush und seine Chefberater seit den Anschlägen vom 11. September in einen Krieg gegen den Terrorismus verwickelt sind, in dem die alten Regeln nicht mehr gelten." Der Text enthält abermals viel Sprengstoff: Hinweise auf neue Misshandlungen, unter anderem mit Schäferhunden, und mysteriöse Todesfälle. "Dies war ein riesiges Versagen der Führung", zitiert der Autor einen ehemaligen Offizier.

Es ist zu bezweifeln, ob Sy Hersh auch diese Woche viel zum Schlafen kommt.



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