Von Andreas Lorenz
Pjöngjang - Auch unter dem neuen Machthaber Kim Jong Un bleibt Nordkorea unberechenbar. Auf den jüngsten Beschluss des Uno-Sicherheitsrats, die Sanktionen gegen das abgeschottete Land auszuweiten, reagierte Pjöngjang mit der Ankündigung, eine Atombombe zu zünden. Es wäre der dritte Test in dem abgeschotteten und ausgehungerten Land.
Und es drohte dem südkoreanischen Nachbarn mit "physischen Gegenmaßnahmen", sollte das "Marionettenregime" die Strafen unterstützen. Anlass für die neue Runde von Kriegsrhetorik und Drohgebärden war der Abschuss einer Langstreckenrakete Ende vorigen Jahres, die einen Satelliten ins All transportierte. Sogar der engste Verbündete Nordkoreas, China, hatte sich dieses Mal für Sanktionen ausgesprochen.
Allerdings zetert die Welt schon seit Jahren über das Regime in Pjöngjang, droht und zeigt mit dem Finger. Die Nordkoreaner jedoch denken gar nicht daran, sich beeindrucken zu lassen. Warum sollten sie auch? Die jüngsten Strafmaßnahmen sind eigentlich keine, sie sind mehr Ausdruck von Hilflosigkeit. Schärfere Aktionen hätten die Chinesen nicht mitgetragen: Nun dürfen mehrere ranghohe Mitarbeiter der an dem Start beteiligten nordkoreanischen Unternehmen ab sofort nicht mehr ins Ausland reisen. Zudem werden ihre Auslandskonten und die ihrer Betriebe eingefroren.
Das dürfte Herrscher nicht daran hindern, weiter an einer Atombombe zu basteln und zu versuchen, eine zuverlässige Interkontinentalrakete zu entwickeln, die, mit einem Atomsprengkörper bestückt, eines Tages die USA treffen könnte. In den Augen der Nordkoreaner ist das nur rational: Der Besitz dieser Waffen ist, so glauben sie, der einzige Schutz vor dem Versuch ausländischer Mächte wie den USA, das Regime in Pjöngjang zu stürzen. Hätten der Iraker Saddam Hussein oder der Libyer Gaddafi Atomwaffen besessen, dann wären sie nicht am Strang beziehungsweise in einem Abflussrohr geendet. Das weiß der junge Kim sehr genau.
Was also kann die Welt tun, um ihn zur Räson zu bringen und Nordasien stabiler zu machen? Die sogenannten Sechser-Gespräche in Peking, an denen sich Südkoreaner, Russen, Japaner und die USA beteiligten, um eine koreanische Halbinsel ohne Atomwaffen zu schaffen, sind längst im Mülleimer der Diplomatie gelandet - auch wenn es bislang niemand offiziell sagen will.
Kim und seine Generäle und Marschälle haben bislang selbst gutgemeinte Vorstöße bei Seite gewischt. Als US-Präsident Barack Obama im vorigen Jahr anbot, 240.000 Tonnen Getreide zu liefern, feuerten die Pjöngjanger Militärs prompt eine Unha-3-Rakete ins All - obwohl sie vorher versprochen hatten, ihr Nuklearprogramm, konkret die Anreicherung von Uran, vorerst zu stoppen und keine Langstreckenraketen abzuschießen.
Strategien gegen Nordkorea
Im Ausland existierten bisher vor allem zwei Strategien gegenüber Nordkorea:
Beide Ansätze waren bislang erfolglos. Wie aber aus dem Teufelskreis aus Drohungen, Säbelrasseln, Sanktionen und Tests herauskommen? Der bekannte liberale US-Wissenschaftler und Außenpolitik-Experte Morton Halperin hat im vorigen Jahr eine Strategie entwickelt, die mittlerweile Amerikaner und Chinesen heftig diskutieren.
Neue diplomatische Offensive
Sein Vorschlag lautet: Washington muss seine bisherige Strategie über Bord werfen und einen "strategischen Dialog" mit Pjöngjang beginnen. Am Ende sollte ein "Sicherheitsvertrag" für die ganze Region stehen.
Bevor sich Amerikaner und Nordkoreaner an einen Tisch setzen, sollten sich die USA mit ihren Alliierten wie Südkorea und Japan über die Marschroute einigen, fordert Halperin. Dann wären China und Russland an der Reihe, später Europa. Gibt es erst eine gemeinsame Marschroute, hat Pjöngjang keine Chance, die Verhandlungspartner gegeneinander auszuspielen, was es in der Vergangenheit immer wieder erfolgreich getan hat.
Solange es keine Unterschrift unter einem Vertrag gäbe, müssten die Amerikaner in Nordasien weiter militärisch stark auftreten, sagt Halperin.
Am Ende sollte es eine "Atomwaffenfreie Zone Nordostasien" geben. Südkorea, Japan und Nordkorea (und andere Staaten wie die Mongolei und Kanada) verpflichten sich, keine Atomwaffen zu produzieren, zu testen oder auf ihrem Territorium zu stationieren.
Vor einem solchen Vertrag sollten Süd- und Nordkoreaner ihren Krieg auch formell beenden, der 1953 nur mit einem Waffenstillstand aufgehört hatte. Als Gegenleistung sichert die Welt den Energiebedarf Nordkoreas und gibt die Sanktionen auf.
Der Vorschlag Halperins mag viele Schwächen haben, doch er besticht in einem Punkt: Ein neuer Ansatz muss her, um Asien friedlicher zu machen. Nötig ist eine große diplomatische Offensive, ähnlich der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) in den siebziger Jahren in Europa.
Große Würfe in der Diplomatie sind in der Vergangenheit immer wieder gelungen. Allerdings muss der politische Wille da sein - und einer, der die Initiative ergreift. US-Präsident Barack Obama könnte es tun - und sich seinen Friedensnobelpreis verdienen.
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