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US-Gefangenenlager: Erstes Video von Guantanamo-Befragung veröffentlicht

In Kanada sind zum ersten Mal Aufnahmen einer Befragung im US-Gefangenenlager Guantanamo aufgetaucht. Die Anwälte des Häftlings Omar Khadr veröffentlichten die Bilder, auf denen er über Tage von Geheimdienstbeamten befragt wird - damals war Khadr 16 Jahre alt.

Toronto - Der kanadische Staatsbürger Omar Khadr wurde 2002 im Alter von 15 Jahren gefangen genommen. Seitdem sitzt der heute 21-Jährige im US-Gefangenenlager Guantanamo ein. Ihm wird vorgeworfen, nach einem Gefecht in Afghanistan eine Granate auf US-Truppen geschleudert und dabei einen Soldaten getötet zu haben.

Jetzt sind Aufnahmen mit einem Zusammenschnitt seiner Befragungen aufgetaucht. Es ist die bislang erste Videoaufzeichnung, die von der Befragung eines Guantanamo-Häftlings an die Öffentlichkeit gelangte. Das sieben Stunden lange Video wurde über vier Tage hinweg aufgenommen und ursprünglich als geheim eingestuft.

Die insgesamt fünf DVDs sollen zeigen, wie Khadr von Beamten des kanadischen Geheimdienstes befragt und teilweise massiv unter Druck gesetzt wird. Der Internet-Seite des kanadischen Staatsfernsehens CBC zufolge bricht Khadr auf dem Video mehrfach in Tränen aus. Schluchzend soll er die Beamten anflehen: "Ihr interessiert euch doch gar nicht für das, was ich sage." Kanadische Zeitungen berichteten in ihren Online-Ausgaben, Khadr habe während der Befragung geschrien und verzweifelt an seinen Haaren gezerrt.

Der junge Kanadier wird von den Agenten zu seinem islamischen Glauben befragt und dazu, was er über das Terrornetzwerk al-Qaida wisse. Während der Befragung berichtet Khadr, er sei im US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan gefoltert worden. An einer Stelle schiebt Khadr CBC zufolge sein Hemd hoch, um den Beamten seine Verletzungen zu zeigen. Als Khadr nicht aufhört zu weinen, erlaubt der Beamte eine Pause. Immer wieder soll Khadr "Helft mir, helft mir!" rufen.

Die Nachrichtenseite zeigt auch Ausschnitte aus dem Video: Zu sehen ist eine zusammengekauerte Person - augenscheinlich Khadr - in einem orangefarbenen Hemd. Die Bilder werden unterbrochen von gitterähnlichen Stäben - die Aufnahmen wurden offenbar heimlich durch die Klappe eines Lüftungsschachts gemacht, mutmaßt CBC.

Das Video soll sechs Monate nach Khadrs Festnahme entstanden sein. Einer von Khadrs Anwälten, Nathan Whitling, sagte, das Video wurde von US-Regierungsbeamten gedreht. Mit Hilfe eines von ihnen angestrengten Gerichtsbeschlusses hätten die Anwälte nun die Aufnahmen veröffentlichen dürfen.

Neue Beweise für Schlafentzugmethode

Unterdessen belegen Guantanamo-Akten einen weiteren Fall von Schlafentzug. Verhörprotokolle im Verfahren gegen den als mutmaßlichen Terroristen jahrelang in Guantanamo inhaftierten Fahrer Osama Bin Ladens zeigen, dass diesem 50 Tage lang der Schlaf entzogen wurde. Das teilte der vom US-Verteidigungsministerium ernannte Verteidiger Salim Ahmed Hamdans, Korvettenkapitän Brian Mizer, am Montag mit.

Mizer forderte, dass im Prozess gegen Hamdan Anklagepunkte gestrichen werden, die auf Aussagen in Verhören der "Operation Sandman" beruhten. Mizer sagte, Samdan sei in dem Gefangenenlager Guantanamo ab dem 11. Juni 2003 der Schlaf entzogen worden. Während der "Operation Sandman" habe er auch Besuch von "Alfred Hitchcock" erhalten, wobei aus den Protokollen nicht hervorgehe, was sich hinter diesem Codenamen verbirgt.

Der nun etwa 37-jährige Hamdan wurde im November an einer Straßensperre in Afghanistan verhaftet. In seinem Auto wurden zwei Boden-Luft-Raketen gefunden. Bei einer Verurteilung wegen Verschwörung und Unterstützung von Terrorismus droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Schlafentzug wird oft als unmenschliche Behandlung von Gefangenen kritisiert. US-Staatsanwälte in Kriegsverbrecherverfahren gegen die Guantanamo-Häftlinge Mohammed Dschawad und Omar Khadr haben dagegen erklärt, Schlafentzug sei keine Folter. Dschawad und Khadr haben sich über Schlafentzug in den vergangenen Monaten beschwert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung war von einem Verhör Khadrs die Rede. Es handelte sich aber um eine einfache Befragung durch Beamte des kanadischen Geheimdienstes.

amz/AP/AFP

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