US-Geheimdienstbericht zu Putin Codewort "Hohe Sicherheit"

Die US-Geheimdienste erheben in ihrem Hacking-Bericht schwere Vorwürfe gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Ihre Beweise veröffentlichen sie nicht. Doch die Analyse ist auch so hochinteressant - selbst Donald Trump reagierte.

Wladimir Putin
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Wladimir Putin

Von , Washington


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Donald Trump hatte am Freitagnachmittag einen besonderen Termin. Erstmals sprach der Milliardär, der die US-Geheimdienste zuletzt so gerne schlecht machte, persönlich mit den Direktoren von CIA, NSA und Co. Hauptthema war die angebliche russische Einmischung in die Wahlen. Die Behördenchefs überbrachten ihm ihren streng vertraulichen Bericht über die Cyberaktivitäten Moskaus. Wenig später streuten die Dienste eine öffentliche Version (lesen Sie hier die Originalfassung).

Sie ist - das liegt in der Natur der Sache - weit weniger detailliert als der Originalbericht. Die Analyse verzichtet auf konkrete Beweise und dürfte Zweifler deshalb auf den ersten Blick enttäuschen. Die enthaltenen Vorwürfe sind längst nicht alle neu. Im Kern versuchen die Autoren des 25-seitigen Papiers darzulegen, auf welche Weise Moskau sich in die Wahlen einmischte, wie die Störkampagne organisiert war und wie manipulativ russische Staatsmedien vorgehen. So weit, so bekannt.

Neu und spektakulär ist die Behauptung, Russlands Präsident Wladimir Putin habe seine Beamten persönlich dazu angewiesen, das Vertrauen in den demokratischen Prozess zu erschüttern und die Siegchancen Hillary Clintons zu schmälern.

Erstmals geben die US-Geheimdienste zudem öffentlich zu erkennen, dass sie die Hintermänner des digitalen Angriffs im russischen Militärgeheimdienst GRU verorten. Interessant ist auch die These der Dienste, Putin habe die Operation als Racheakt für die Veröffentlichung der für ihn und sein Umfeld unangenehmen Panama Papers befohlen, hinter der er die USA vermutet.

Es sind verstörende Vorwürfe - wenn sie denn stimmen. Dass sich das nach diesem Bericht noch immer nicht mit Sicherheit sagen lässt, ist natürlich eine Schwäche. Aber zu glauben, bei den Thesen der US-Dienste handele es sich allenfalls um Vermutungen, wäre nach Lektüre des Berichts auch nicht richtig. Die drei wichtigsten und häufig in Konkurrenz miteinander stehenden Sicherheitsbehörden des Landes unterschreiben zusammen einen Bericht, der für den künftigen Präsidenten eine enorme Peinlichkeit ist - allein das ist ein Indiz dafür, wie unwahrscheinlich es ist, dass die Spur nach Moskau mal eben so erfunden wurde.

Vom Aufbau her ist das Papier ein durchaus faszinierendes und sauberes Dokument. Penibel unterscheiden die Autoren bei ihren Vorwürfen zwischen Vermutungen, plausiblen Annäherungen, Schlussfolgerungen und klaren Erkenntnissen. Zwischen den Zeilen finden sich an vielen Stellen Andeutungen, die darauf schließen lassen, dass die Erkenntnisse auf wertvollen Zuträgern fußen.

Bei den härtesten Vorwürfen legen die Behörden offen, wie sicher sie sich sind.

  • Putins direkter Befehl? Alle drei Dienste gehen mit "hoher Sicherheit" davon aus, betonen die Autoren.
  • Der russische Militärgeheimdienst GRU nutzte die Hacker-Identität Guccifer 2.0 sowie die Website DCleaks.com, um die geklauten Daten zu veröffentlichen? Ebenso "hohe Sicherheit".
  • Moskau wollte Trump gezielt zum Sieg verhelfen? Kein einheitliches Bild. CIA und FBI seien sich sicher, die NSA nicht ganz.

Wie die Kategorien zu verstehen sind, schildern die Autoren im Anhang des Papiers: Die sprachlichen Formulierungen, so die Autoren, richteten sich unter anderem nach der Zuverlässigkeit der Quellen. Eine "hohe Sicherheit" in die eigene Analyse fuße stets auf "qualitativ wertvollen Informationen mehrerer Quellen". Eine "moderate Sicherheit" hingegen nur auf glaubwürdigen und plausiblen Informationen.

Namen von Hintermännern, eigenen Zuträgern oder möglichen Kontaktpersonen in der russischen Regierung publizieren die Behörden nicht. Auffallend ist jedoch, wie häufig die Autoren auf den Bericht verweisen, in den bislang nur Trump, der scheidende Präsident Barack Obama und ein paar andere ausgewählte Personen blicken durften. Die öffentliche Version sei lediglich ein Ausschnitt einer "streng vertraulichen" Analyse, in der sämtliche Zusatzinformationen, Quellen und Methoden enthalten seien. Darunter dürften auch die Details jener abgehörten Gespräche von Mitgliedern der russischen Regierung sein, über die die "Washington Post" berichtete.

Ein Hinweis darauf, welche Möglichkeiten die Dienste in der Aufarbeitung der Affäre nutzen, findet sich aber auch in der Haushaltsversion des Russland-Berichts. Generell stütze man eigene Analysen auf menschliche Quellen, technische Möglichkeiten, öffentliche Informationen, spezielle Analyseprogramme und Erkenntnisse aus der Vergangenheit, heißt es. Kurzum: Auch ohne sehr konkret zu werden, was die Beweislage in Sachen Russland angeht, legen CIA, FBI und NSA recht viel offen.

Ungewöhnlich auch: Gleich zu Anfang des Textes geben die Behörden zu erkennen, wie sehr sie sich der Skepsis bewusst sind, die ihnen spätestens seit den eklatanten Fehldeutungen vor dem Irak-Krieg entgegenschlägt. Die Arbeitsstandards hätten sich in den vergangenen zehn Jahren verändert, betonen die Autoren in einer Vorbemerkung. Man habe etwa die Bewertungskriterien von Quellen überarbeitet. Skepsis gegenüber den eigenen Erkenntnissen werde mittlerweile "klar ausgesprochen". Und man denke stärker an alternative Erklärungen. Die Sätze lesen sich wie eine stille Botschaft an die Welt: Wir machen keinen Quatsch mehr.

Besser wär's. Eins scheint der Bericht jedenfalls schon erreicht zu haben: Auch Donald Trump erkennt inzwischen, dass Cyberspionage ein Problem ist. Der Milliardär kündigte nach dem Treffen mit den Geheimdienstchefs an, er wolle rasch einen Plan zur digitalen Verteidigung erarbeiten lassen. "Wir müssen Cyberangriffe aggressiv bekämpfen", sagte Trump.

Zusammengefasst: Die US-Geheimdienste haben einen Bericht vorgelegt, der nachzeichnet, wie sich Russland angeblich auf Geheiß von Präsident Putin persönlich in den US-Wahlkampf einmischte, um das Vertrauen in den demokratischen Prozess zu erschüttern und die Siegchancen Hillary Clintons zu schmälern. Namen von Hintermännern, eigenen Zuträgern oder möglichen Kontaktpersonen in der russischen Regierung publizieren die Behörden zwar nicht, Einblick in das Original erhalten nur wenige Personen, darunter der designierte US-Präsident Trump. Dennoch überzeugt der 25-seitige Bericht durch stimmige Indizien und eine selbstkritische Haltung.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
creme 07.01.2017
1. nicht Präsidenten, Direktoren
mit den Präsidenten von CIA, NSA und Co. mit den Direktoren von CIA, NSA und Co. - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
Tom H. 07.01.2017
2. Postfaktisch
Die Kernaussage des Beitrags: keine Beweise, aber irgendwas muss ja dran sein. Und das bei einer "Behörde", die in der Vergangenheit viel Vertrauen verspielt hat.
medienhoppel 07.01.2017
3. Sicher?
Die Geheimdienste der USA, allen voran der CIA, haben die eigene Regierung Bush angelogen und den Aussenminister Powell vor der UN dadurch lügen lassen, der Irak und Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen oder gar waffenfähiges Plutonium. Folge: ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg der "Koalition der Willigen" mit einer halben Million Toten und als Spätfolge den IS und Terror bis nach Europa hinein. Die "Zuträger" haben später zugegeben, aus politischen Motiven heraus die "Informationen" frei erfunden zu haben. Wer bitte glaubt denn solchen Geheimdiensten noch?
Freidenker10 07.01.2017
4.
Da hat der Spiegel wohl das erstemal Vertrauen in einen Geheimdienstbericht der sich gegen Russland richtet! Die US-Geheimdienste machen doch viel üblere Dinge in der Welt! Selbst die Massenvernichtungswaffen die Bush gefordert hat, haben die Dienste dann auch brav im Irak vermutet, freilich nur mit gefälschten Beweisen. Ich jedenfalls bin echt froh, das Trump die Auseinandersetzung mit Russland beenden will und hoffe die gekränkten Kleinkinder Obama und Clinton zetteln nicht noch einen Krieg an bevor sie die Macht entgültig verlieren. Die Truppenverlegung nach Osteuropa lässt da böses erahnen! Ich kann beim besten willen nicht verstehen wieso unsere linken Medien den Konfrontationskurs mit Russland so toll finden...?
hanfiey 07.01.2017
5. Ziel erreicht
Es werden weitere Milliarden fließen für "Gegenmaßnahmen". Die Chefs können weiter wichtig spielen anstatt die gesamte Strategie zu überdenken.
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