Aus Newark berichtet Marc Pitzke
Es ist sowieso fraglich, ob sich Obamas Glanz aus der Sporthalle bis an die Wahlurnen tragen lässt. Die enormen Probleme New Jerseys - das sich selbst Garden State nennt, sonst aber eher als "Kloakenstaat", "Mafiastaat" oder "Sopranos-Staat" bekannt ist - sind so tief in der Landespolitik verwurzelt, dass da auch die Aura des Präsidenten wenig ausrichten kann.
Die Arbeitslosigkeit ist mit fast zehn Prozent die höchste der Region, die Steuerquote die höchste der USA, der Staat dennoch restlos verschuldet. Die Hauptindustrien - Pharma, Schifffahrt, Finanzdienste - liegen danieder. Und immer wieder bestätigt sich das Image in neuen Schlagzeilen, wie im Juli, als das FBI Dutzende Lokalpolitiker und Rabbis festnahm, die in einen Bestechungsskandal verwickelt waren. "Würde Kalifornien unter seiner eigenen Last zusammenbrechen und in den Pazifik driften", schreibt das "New York Times Magazine" halb spöttisch, halb mitleidig, "dann wäre New Jersey sofort der zerrüttetste Staat im Lande."
Steuern sind das einzige Thema, das die Wähler hier interessiert. Doch weder Corzine noch Christie haben einen richtigen Plan. Es wäre ohnehin aussichtslos, das Finanzgestrüpp aus Bezirken, Städten, Dörfern zu entwirren - und die Misswirtschaft, die frühere Landesregierungen hinterlassen haben.
Kein Skandälchen bleibt in der multimedialen Schlammschlacht unerwähnt
Das ahnen auch die Wähler. Beide Kandidaten dümpeln in Umfragen bei 40 Prozent, während Chris Daggett, der unabhängige Dritte, auf 14 Prozent kommt, die sich aus beiden Lagern speisen. Mehr als 60 Prozent der Wähler hier sind unzufrieden, und selbst 30 Prozent der Demokraten wollen einen Wechsel.
Erschwerend hinzu kommt, dass Corzine sein Vermögen an der Wall Street gemacht hat. Der Milliardär und Ex-Chef von Goldman Sachs hat seine Politkarriere mit bisher 130 Millionen Dollar selbst finanziert, was in diesem Pleitestaat mit Stirnrunzeln registriert wird. Doch auch seine Banker-Erfahrung half ihm wenig, die fiskalische und soziale Katastrophe in New Jersey in den Griff zu bekommen - obwohl er als erster US-Gouverneur ein Konjunkturpaket durchdrückte.
Corzines Farblosigkeit lässt sogar seinen fast schon klischeehaft idealen Lebenslauf verblassen: Kindheit auf einer Farm, Footballstar, Elitestudent, Marineinfanterist. Traum jedes Wahlstrategen - und trotzdem halten ihn die meisten Wähler für volksfremd.
Widersacher Christie ist aber auch kein Musterkandidat. Die dünne Biografie des Law-and-Order-Republikaners schrumpft schnell auf seine Zeit als Bundesstaatsanwalt zusammen, in der er Mafiosi, Betrüger, Dealer, Kinderschänder, Umweltsünder und mutmaßliche Terroristen dingfest machte.
Und so beharken sich beide seit Wochen in einer multimedialen Schlammschlacht, die New Jersey alle Ehre macht. Kein Skandälchen bleibt unerwähnt, ob Corzines fast tödlicher Autounfall vor zwei Jahren (er war nicht angeschnallt), der ihn elf Tage im Koma ließ, oder Christies suspekte Privatkreditgeschäfte.
Niederlage in Virginia wäre ein harter Schlag für Obama
600 Kilometer weiter südlich, in Virginia, liegen die Dinge einfacher. Hier kämpfen zwei neue Kandidaten ums Gouverneursamt, das der Demokrat Tim Kaine per Gesetz nach nur einer Wahlperiode wieder abtreten muss - und an einem Machtwechsel bestehen kaum Zweifel.
Der demokratische Bewerber Creigh Deeds liegt zweistellig hinter dem Republikaner Robert McDonnell zurück. Die Ironie: Deeds hatte sich in den Vorwahlen gegen den früheren Parteichef der US-Demokraten durchgesetzt, Terry McAuliffe, einen der engsten Freunde von Bill und Hillary Clinton.
Für Obama wäre eine Niederlage in Virginia eine schmerzhafte Schlappe: Ihm gelang es 2008 als erstem demokratischen Präsidentschaftskandidaten seit 1964, diesen konservativen Südstaat für sich zu gewinnen.
Also versucht auch Deeds, sich mit Obama beliebt zu machen. Seine Flugblätter zeigen ihn neben dem Präsidenten - bisher ohne Erfolg.
Joe Biden, Bill Clinton und Caroline Kennedy zum Wahlkampf in New Jersey
Das Weiße Haus versucht denn auch, das Testwahl-Thema herunterzuspielen. "Die Vorstellung, dass dies auf irgendeine Weise ein Referendum über Präsident Obama sei", sagte dessen Sprecher Robert Gibbs, "stimmt nicht."
Zumindest New Jersey versucht Obama aber noch zu retten. Dreimal ist er insgesamt hierher gereist, hat sogar spanische TV-Spots für Corzine aufgenommen. Sein Chefstratege David Axelrod hat Corzines Team derweil persönlich die Leviten gelesen und seinen Top-Demoskopen nach Trenton abbestellt. Selbst Vizepräsident Joe Biden machte Wahlkampf, flankiert von Bill Clinton und Caroline Kennedy.
In Newark begeistert Obama seine Fans, auch wenn er heiser krächzt. Danach schüttelt er noch minutenlang Hände. Corzine steht reglos daneben, die Augen in die Ferne gerichtet.
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