US-Heimatschutzminister Chertoff Lächelndes Fallbeil

Der designierte US-Heimatschutzminister Michael Chertoff macht einen zurückhaltenden, geradezu sanftmütigen Eindruck. Er redet leise, fast tonlos und ist doch einer der schärfsten Terroristenjäger Amerikas. Mit Chertoff holt Präsident Bush einen weiteren langjährigen Gefolgsmann in sein Kabinett.

Von , New York


Bush und Chertoff: Einer der einflussreichsten  Juristen der USA
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Bush und Chertoff: Einer der einflussreichsten Juristen der USA

New York - Michael Chertoff ist ein sanfter, freundlicher Mensch. Scheu und heiser, von hagerer, ausgemergelter Gestalt, macht er den Eindruck eines müden Asketen. Wenn er spricht, spricht er farblos und bescheiden und selten über sich selbst. Lieber lobt er andere, zum Beispiel "die Männer und Frauen, die die Front im Krieg gegen den Terror bilden". Oder seinen alten und neuen Boss, den Präsidenten.

Doch mit dem Herrn ist nicht zu spaßen. Als Staatsanwalt jagte Chertoff den Bürgermeister von Jersey City, Gerald McCann, wegen Steuerhinterziehung aus dem Amt. Er brachte nicht nur Top-Mafiosi wie Anthony ("Fat Tony") Salerno hinter Gitter, sondern auch Sol Wachtler, den höchsten Richter des Staates New York, der seine Freundin misshandelt hatte. Und als Parteijurist war er einst im Whitewater-Skandal der eifrigste Jäger der Republikaner gegen Bill und Hillary Clinton.

Selbstverständlich ist Chertoff ein überzeugter Befürworter der Todesstrafe. Freundlich im Ton, eisenhart in der Sache. Ein lächelndes Fallbeil.

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Ein Typ ganz nach dem Geschmack von George W. Bush also. Chertoff sei "ein praktischer Organisator, kundiger Manager und brillianter Denker", sagt der US-Präsident über den Mann, der sein neuer Heimatschutzminister werden soll. Vor allem aber ist Chertoff, wie alle Mitglieder des nunmehr kompletten, neuen Kabinetts, ein verlässlicher Gefolgsmann Bushs.

Keine Angst vor Mafiosi und Wirtschaftsbetrügern

"Michael Who?", war die Reaktion vieler Amerikaner auf Chertoffs überraschende Nominierung. Der 51-Jährige stand auf keiner der Wunsch- und Kandidatenlisten, die in Washington für den letzten noch offenen Kabinettsposten kursierten, viele kannten ihn bisher nicht mal. Dabei ist Chertoff hinter den Kulissen seit Jahren einer der einflussreichsten Juristen der USA. Ob er allerdings das Zeug zum politischen Verwaltungsgenie hat, dass die rostige Terror-Abwehr-Maschine namens Heimatschutz-Ministeriums mit seinen 180.000 Angestellten flott machen kann?

Der Harvard-Absolvent aus New Jersey hat sich beharrlich hochgearbeitet in die Etagen der Macht. Er lernte sein Handwerk beim Bundesrichter William Brennan am Supreme Court und einem damaligen New Yorker Chefankläger namens Rudy Giuliani, der sein Mentor wurde. Als Staatsanwalt nahm Chertoff die organisierte Kriminalität aufs Korn, aber auch Lokalprominenz wie Eddie Antar ("Crazy Eddie"), einen schillernden Elektronikhändler mit windigen Geschäften, den er sieben Jahre hinter Schloss und Riegel brachte. "Er ist so hart wie ein Nagel", sagt sein einstiger Kollege John Fahy. Mitarbeiter fürchten sich vor ihm und nennen ihn "einschüchternd".

Nationalen Einfluss gewann Chertoff aber erst, als er den Republikanern bei der Whitewater-Hetzjagd auf die Clintons Munition beschaffte. Später schaltete er sich als leitender Ermittler in die schlagzeilenträchtigsten Wirtschaftsskandale der 90er Jahre ein: Enron, Arthur Andersen, WorldCom. Als rechte Hand des scheidenden Justizministers John Ashcroft setzte er sich anschließend aggressiv an die Spitze der Terroristenjagd in den USA.

Aggressiver Chef-Jäger gegen den Terror

"Er hat eine makellose Reputation", lobt ihn der frühere Staatsanwalt Robert Mintz zwar. Doch nicht alle denken so. "Sein Verhalten in den Whitewater-Ermittlungen und seine derzeitige Rolle im Krieg gegen den Terror wirft Fragen nach seiner Parteilichkeit und seinem Glauben an die Bürgerrechte für alle auf", schrieb die Juristengruppe Alliance for Justice in einem kritischen Bericht, als Bush Chertoff 2003 an ein Bundesappellationsgericht berief.

Die Zeitung "USA Today" nannte Chertoff die "treibende Kraft hinter den kontroversesten Entscheidungen des Justizministeriums im Krieg gegen den Terror". Er sorgte dafür, dass der al-Qaida-Mann Zacarias Moussaoui lange in Einzelhaft blieb. Er verschaffte dem FBI erweiterte Lauschbefugnisse, ordnete nach 9/11 die Massenverhöre Tausender US-Moslems an und half dabei, die Militärtribunale von Gunatanamo Bay aufzubauen.

Chertoff leitete auch das Verfahren gegen den "amerikanischen Taliban" John Walker Lindh. Dort scherte er sich nach Angaben seiner damaligen Ministeriumskollegin Jesselyn Radack manchmal auch nicht ums Prozedere und ließ Lindh ohne Beisein eines Anwalts vom FBI verhören. Das derart herausgekitzelte Geständnis führte dazu, dass sich Lindgh ohne lästigen Prozess schuldig bekannte und nun wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung für 20 Jahre im Gefängnis sitzt.

"Nicht sicherer als vor 9/11"

Im Heimatschutzministerium erwarten Chertoff nun jedoch Probleme ganz anderer Dimension. Das Riesenministerium, nach dem 11. September 2001 schnell aus 12 Einzelbehörden zusammengeschmolzen, ist seither von Bürokratie und Geldverschwendung geplagt. Und zwar so sehr, dass die USA, so der letzte Generalinspekteur des Ministeriums, Clark Kent Ervin, heute "nicht sicherer sind als vor 9/11".

Für Bush ist Chertoff seit Jahren auch politisch aktiv. Er hat für ihn Parteispenden gesammelt und Wahlkämpfe mitorganisiert. Chertoff findet auch bei den Demokraten Anerkennung. Gegen seinen Aufstieg an das Bundesgericht stimmte trotdzem nur eine Senatorin: Hillary Clinton.



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