US-Kohleindustrie Der Krieg der Verena Owen

Donald Trump macht US-Präsident Obama für den Niedergang der US-Kohleindustrie verantwortlich. Doch tatsächlich steckt Verena Owen dahinter, eine Berlinerin, die einst in die USA auswanderte. Von Benjamin von Brackel


Verena Owen gegen die US-Kohleindustrie: Die Berlinerin hat ganze Landstriche von der West- bis zur Ostküste gegen die Kohlekraftwerke aufgestachelt.
Sierra Club

Verena Owen gegen die US-Kohleindustrie: Die Berlinerin hat ganze Landstriche von der West- bis zur Ostküste gegen die Kohlekraftwerke aufgestachelt.

Das Herz des Widerstands trifft sich jeden zweiten Mittwoch in einer Episkopalkirche in Waukegan, einer Stadt am Michigansee im US-Bundesstaat Illinois. Waukegan stammt aus der Sprache der Potawatomi und bedeutet "kleine Festung". Aktivisten planen hier den nächsten Schlag gegen die US-Kohleindustrie und gegen NRG, einen der größten Energieversorger des Landes und Betreiber des örtlichen Kohlekraftwerks.

Ein eisiger Wind weht, als der Lockenkopf von Verena Owen aus einem Toyota Camry Hybrid auftaucht. In der Kirchenbibliothek trifft die 59-Jährige auf fünf Mitstreiter, darunter ein Stadtrat und eine Pastorin. "Dieses Kohlekraftwerk, das mache ich zu", presst Owen mit leiser Stimme heraus. "Den Rest der Bagage auch. Das können wir, das machen wir, das müssen wir machen."

In zwei Tagen wird NRG sein Aktionärstreffen in Philadelphia abhalten und die Gruppe will dort den neuen Konzernchef Mauricio Gutierrez unter Druck setzen. Vermutlich kennt Gutierrez seine größte Gegnerin nicht, eigentlich muss man von Feindin sprechen. Denn es geht hier um einen Krieg, Owens Krieg gegen die Kohle.

Owen hat Gutierrez' Lebenslauf studiert, sein Foto ausgedruckt, ein Dossier angelegt, wie ein Ermittler. Bisher kennt sie ihn nur von den vierteljährlichen Telefonschalten, seinen mexikanischen Akzent, den sie sich noch zu Nutze machen soll. Auch einen NRG-Vorstand, der Pastor ist, macht Owen als Angriffspunkt aus - auf ihn wird die Pastorin aus der Runde angesetzt. Zum Aktionärstreffen soll sie ihre schwarze Dienstrobe tragen, sagt Owen, das erhöhe ihre Chancen, in den Raum zu kommen.

Die US-Behörde EIA geht davon aus, dass der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung in diesem Jahr auf 30 Prozent fallen wird. 2003 waren es noch 51 Prozent. 2016 dürfte das Erdgas erstmals die Kohle überholen. Und auch die Erneuerbaren wachsen - neue Kraftwerke in den USA sind fast nur noch Ökoenergieanlagen.

Obama ruiniere die US-Kohleindustrie, behauptete Donald Trump Anfang August. "Obamas und Clintons Krieg gegen die Kohle hat in Michigan über 50.000 Jobs gekostet", so der Präsidentschaftskandidat der Republikaner während seiner Grundsatzrede zur Wirtschaftspolitik in Detroit.

Wer den Grund für den Niedergang der einst so mächtigen US-Kohleindustrie verstehen will, der muss 500 Kilometer westwärts bis nach Chicago, in den 15. Stock eines Wolkenkratzers. Dort hat Emily Rosenwasser ihr Büro. Immer wenn ein Kohlekraftwerk abgeschaltet wird, greift sie sich einen roten Filzstift. An der Wand hängen 14 weiße Blätter, welche die Staaten des Mittleren Westens abbilden und mit blauen Zettelchen bespickt sind. Dann setzt sie über dem Namen des jeweiligen Kohlekraftwerks ein Kreuz. Auf ihrer Karte sind viele Kreuze. "Wir hätten am Anfang nicht gedacht, dass wir so eine Wucht erzeugen können", sagt die Sprecherin der Antikohle-Kampagne der Umweltorganisation Sierra Club. "Seit 2010 wurde im Durchschnitt alle zehn Tage ein Kohlekraftwerk abgeschaltet."

Den Grundstein dafür hat Verena Owen gelegt, eine Auswanderin aus Deutschland. Sie hat den "Krieg gegen die Kohle" der ältesten und größten US-Naturschutzorganisation vom Zaun gebrochen. Und mit dazu beigetragen, dass sich die Wildtierschützer und Wochenendwanderer in eine Kampftruppe verwandelten. Binnen weniger Jahre entstand die erfolgreichste und teuerste Kampagne in der Geschichte der US-Umweltbewegung. Seither wurden Pläne zum Bau von 184 Kohlekraftwerken verworfen, 239 Anlagen wurden stillgelegt, mehr als ein Drittel der bestehenden Anlagen. Das ermöglichte US-Präsident Barack Obama, seinen Clean Power Plan voranzutreiben - und die Klimaverhandlungen auf der Weltbühne bis zum Pariser Klimavertrag.

Bis heute führt Owen die Kampagne gegen die Kohle mit an, auch aus persönlichen Gründen. Ihre Geschichte handelt von schmerzlichem Verlust, Empörung, Erhebung.

Aufgewachsen ist Owen in einem Reihenhaus im Westberliner Stadtteil Lichterfelde. Am Ende der Straße konnte sie das Ölkraftwerk sehen mit seinen Schornsteinen. Als Kind musste sie jeden Samstag mit einem Lappen den Dreck auf den Fensterbrettern abwischen. "Die Beziehung Dreck und Kraftwerk, die hatte ich schon ganz früh", erzählt sie.

Sie war schüchtern, eigensinnig, kopflastig, so beschreibt sie es heute. Auf was sie sich aber immer freute, war die Gewerkschaftsdemo am 1. Mai. Straßen wurden gesperrt, Autos durften nicht fahren - weil so viele Leute auf die Straße gingen. Das mochte sie, "dieses Gefühl von Solidarität, dass man gemeinsam auf etwas zusteuert".

Owen studierte an der Freien Universität Berlin Biologie, lernte dort ihren späteren Mann kennen. In Deutschland fühlten sich beide beengt. Als ihr Mann 1984 ein Angebot bekam, als Lehrer in Wisconsin zu arbeiten, beschlossen sie auszuwandern.

Sie zogen an den Michigansee, in ein Städtchen nördlich von Chicago. An den Briefkästen Fähnchen in den Nationalfarben, der Rasen kurz gemäht, alle paar Hundert Meter eine Kirche, Baptisten, Methodisten, Presbyterianer. Owen merkte, dass Freiheit hier nicht unbedingt das bedeutete, was sie im Sinn hatte. "Alles, was Dreck ausstößt, wurde hier hingebaut", sagt sie. Ein Kohlekraftwerk, ein Atomkraftwerk, eine Giftmüllhalde.

Als die Halde erweitert werden sollte, schloss sie sich einer Umweltgruppe an. Ihre vier kleinen Söhne nahm sie mit, wenn sie Unterschriften sammelte, zu Hause las sie bis Mitternacht Hunderte Seiten der Bebauungspläne. "Nichts macht mich glücklicher als Papier, Bücher und Akten."

Später kamen Gaskraftwerke dazu, die Owen fast im Alleingang bekämpfte. Sie organisierte Proteste. Verhindern konnte sie die Kraftwerke nicht, aber verzögern. Das reichte oft schon, um die Geldgeber abzuschrecken: Von den sechs geplanten Gaskraftwerken wurde nur eines gebaut.

Für ihre Familie war es eine Belastungsprobe, so sehr nahm der Protest sie in Beschlag. Dabei konnte sie nur kleine Siege erringen; alleine kam sie nicht weiter. 2002 kam der Anruf: Bruce Nilles, ein Anwalt für Umweltfragen, und Jack Darin, Direktor des Sierra Club in Illinois, fragten sie, ob sie eine Kampagne gegen Kohlekraftwerke in Illinois mit aufbauen wolle. Ein Jahr zuvor hatte sich US-Vizepräsident Dick Cheney mit Vorständen der US-Kohleindustrie getroffen. Die Kraftwerke waren überaltert und marode. Ein neuer Plan musste her, wie sich die USA in Zukunft mit Energie versorgen. Die Kraftwerksbetreiber schlugen 200 neue Kohlekraftwerke vor.

Kohlekraftwerke blasen nicht nur Quecksilber und Schwefeldioxid in die Luft, was Lungenkrankheiten wie Asthma fördert. Sie stoßen auch besonders viele Treibhausgase aus. Ihre Laufzeit beträgt mindestens 40 Jahre, somit war klar: Die Regierung plante, den Klimaschutz auszuhebeln. Nur: Es kümmerte keinen. Das Land war im Kohlerausch.

Starten sollte der Widerstand in Illinois, ihrem Bundesstaat. "Verena wusste mehr über den regulatorischen Prozess als irgendjemand sonst im Staat", erzählt Umweltanwalt Nilles. "Sie hat sich das alles selbst beigebracht. Dieses Wissen war unbezahlbar. Sie hat einen sehr starken Gerechtigkeitssinn", sagt er. "Wenn etwas im Argen liegt oder falsch läuft, kämpft sie solange dagegen an, bis es überwunden ist."

Nun sollte Owen also zu einer öffentlichen Person werden, andere Menschen anführen, begeistern. Sie dachte an ihre Söhne, ihr ältester war schon fast im College. Und auch daran, dass es für die nächste Generation zu spät sein könnte, den Klimawandel aufzuhalten. "Einer muss 'nein' sagen", sagte sie sich. "Ich fand, das war ich."

* * *

In den ersten Wochen arbeitete Owen von zu Hause, Nilles in seinem Büro in Chicago. Der Wirtschaft ging es schlecht und die Kohleindustrie versprach "saubere" Kraftwerke mit Filtern, Arbeitsplätze und billigen Strom.

Ausgerechnet südlich von Chicago, wo die Luft schon stark verschmutzt war, sollte das erste neue Kohlekraftwerk entstehen. Es war im Jahr 2003, als Owen und Nilles mit einigen Hundert Unterstützern zur Anhörung kamen. 200 von der Gewerkschaft mobilisierte Arbeiter hatten schon den Raum besetzt, erinnert sich Nilles. Irgendwie schafften es die beiden hinein. Als Owen aufstand und erklärte, das geplante Kohlekraftwerk verpeste die Luft noch mehr, kam die Attacke:

"Du kümmerst dich einen Dreck um unsere Jobs!"

"Du blöde Kuh! Setz dich doch mal hin!"

"Unter welchem Stein bist du denn hervorgekrochen!"

Owen ließ sich nicht irritieren: Der Leiter der Anhörung möge doch Ordnung herzustellen, damit sie fortfahren könne, ohne unterbrochen zu werden. Der Saal raunte.

"Sie war nicht eingeschüchtert, sie steckte nicht zurück vor einigen rohen Leuten", erinnert sich Nilles. "Indem sie als erstes etwas sagte, trauten sich auch andere aus unserer Gruppe."

Ein Jahr suchten sie nach einer Schwachstelle. Am Ende fanden sie sie auf der Hochgrasprärie, wo das Werk gebaut werden sollte - zwei bedrohte Arten: die weißbräunliche Waldhyazinthe und das reichblättrige Prairie-Klee. Das reichte, um den Baustart zu verzögern. Nach drei Jahren wurde der Plan aufgegeben.

Es war ein Sieg. Nilles und Owen beschlossen, fortan jedes neue Kohlekraftwerk im Mittleren Westen zu bekämpfen. "Das Problem ist: Wenn man irgendwo drauf haut, kommt irgendwo anders ein Kohlekraftwerk raus", sagt Owen. "Du musst auf alle drauf! Sonst gehen die nicht weg."

Ihnen zur Verfügung stand eine 2,4 Millionen starke Armee, die Sierra-Club-Mitglieder und Unterstützer. Owen und Nilles schulten Freiwillige und Anwälte, die Genehmigungen für Kohlekraftwerke anzufechten. In Kentucky brachte die lokale Gruppe den Plan für ein Kohlekraftwerk zu Fall, indem sie auf den mangelhaften Luftverschmutzungskontrollen im Antrag hinwiesen. Andernorts war es die Landnutzung, die Wasserreinheit.

Es gab auch Niederlagen: 80 Kilometer südöstlich von St. Louis ließ Peabody ein riesiges Kohlekraftwerk errichten. 42.000 Tonnen Stahl wurden verbaut. Der 213 Meter hohe Turm erhebt sich und ist über das platte Land kilometerweit sichtbar. Bis heute hadert Owen damit: "Ich verliere wirklich ungern."

Woher kommt das?

"Ich glaube, ich weiß das", sagt Owen. In ihren Augen sammeln sich Tränen. Sie erzählt.

Als sie 1987 von Wisconsin nach Illinois umgezogen war, musste sie wieder neu anfangen, kannte keine Seele. Sie buchte einen Aerobic-Kurs, und weil sie nicht besonders gut war, reihte sie sich hinten ein, um nicht aufzufallen. Genau wie eine schwarze Frau, die in Chicago arbeitete und einen Sohn hatte, der im gleichen Alter war wie der ihre. Owen fand sie elegant und feinsinnig, Denise war so spontan - das was ihr fehlte.

Den Kurs brachen sie beide ab, aber sie wurden Freundinnen. Es verging kein Tag, an dem die beiden nicht telefonierten oder sich mit den Kindern im Park trafen. Als Denise ihr viertes Kind bekam, diagnostizierten die Ärzte wenig später Lungenkrebs bei ihr. Wenn sie telefonierten, und die Witterung die Abgase des Kraftwerks zu Boden drückten, konnte ihre Freundin den Satz nicht zu Ende sprechen, ihr blieb die Luft weg.

Im Mai 2001 starb Denise, mit 42 Jahren. Sie hatte nie geraucht. "Die größte Dreckschleuder in meiner Gegend ist das Kraftwerk Waukegan", sagt Owen.

* * *

Langsam rückt das Kraftwerk näher, Owen lenkt ihren Wagen Richtung Seeufer. Ein Koloss wie aus einer vergangenen Zeit. Die erste Kohleladung wurde im Jahr 1923 verfeuert. Drei Schornsteine ragen hoch in den Himmel, Hochspannungsnetze ziehen sich über die Ziegelgebäude, deren rote Farbe verblasst.

Owen kann einen Vortrag über das Kraftwerk halten von der Entsorgung der Kohleasche bis zur Entnahme des Kühlwassers aus dem Michigansee. "So was dürfte man heute gar nicht mehr bauen", sagt sie.

Ihre Gruppe hatte alles probiert, geklagt, eine Umfrage in Auftrag gegeben (70 Prozent waren für die Schließung), Unterschriften gesammelt. Owen will ein Gespräch über den Übergang. Es gebe Alternativen, Offshore-Windparks im Michigansee, Solarparks auf den kontaminierten Brachflächen. Aber der Bürgermeister sperrt sich. Und NRG sieht nicht ein, warum es ein Kohlekraftwerk schließen soll, das noch Geld einbringt.

Demonstration gegen das Kohlekraftwerk in Waukegan
Sierra Club

Demonstration gegen das Kohlekraftwerk in Waukegan

Anfang 2006 befragte der Sierra Club seine Mitglieder, welches Thema die Organisation vor allen anderen angehen sollte. Gerade erst war der Film "Eine unbequeme Wahrheit" mit Al Gore bekannt geworden, der Klimawandel war nun Gesprächsthema. Die Mehrheit der Mitglieder entschied sich für Klima und Energie - und die Kampagne im Mittleren Westen wurde aufs ganze Land ausgeweitet.

Owen konnte nicht mehr jeden Kampf in jeder Gemeinde selbst anführen, sie musste sie die Zehntausenden Ehrenamtlichen anleiten. Bis heute fliegt sie jedes Jahr mit 70 von ihnen nach Washington D.C., wo sie mit ihnen übt, wie man seinen Abgeordneten mit Zwei-Minuten-Botschaften bearbeitet. Hunderte Gruppen gibt es inzwischen im Land, Owen behält sie über Mailinglisten im Blick - wenn es gut läuft, muss sie nichts machen, außer zu loben. Kommt es zum Knall, steigt Owen in den Zug oder ins Flugzeug und spielt den Brandlöscher. Weil sie selbst als Ehrenamtliche arbeitet, wenn auch als oberste, hören die Aktivisten ihr zu.

Im Planungsstab muss sie auch entscheiden, wohin die Spendengelder fließen und gegen welche Kraftwerke es sich zu kämpfen lohnt. Owen will sich auf die konzentrieren, unter denen die Randgruppen und Unterprivilegierten am meisten leiden. Mancher Gruppe muss sie eine Absage erteilen.

* * *

Im Jahr 2008 rutschte die US-Wirtschaft in die Krise. Die Energieversorger ließen ihre Kraftwerkspläne fallen - der Kohlerausch war zu Ende. Von 200 geplanten waren nicht einmal 30 gebaut worden. Owen, Nilles und Mary Anne Hitt, die neu in die Führungsspitze rückte, fassten ein neues Ziel: die Abschaltung der bestehenden Kohlekraftwerke. Den Bau von Kraftwerken zu verhindern, war eine Sache. Aber Anlagen stilllegen zu lassen, die vielen Menschen die Arbeit und Existenz sicherten, war eine andere Nummer.

Kühe vor einem Kohlekraftwerk in Benedict im Bundesstaat Maryland
AFP

Kühe vor einem Kohlekraftwerk in Benedict im Bundesstaat Maryland

Inzwischen hieß der US-Präsident Barack Obama, doch die Hoffnung der Umweltbewegung war schnell verflogen: Während Obama mit seiner Emissionshandelsreform am Kongress hängen blieb, scheiterte 2009 in Kopenhagen der Uno-Klimagipfel, der den Durchbruch im Klimaschutz hätte bringen sollen. "Die andere Seite dachte, sie hätte gewonnen", sagt Owen und meint damit die US-Kohleindustrie und ihre Alliierten im Kongress, unterstützt durch professionelle Klimaleugner.

Im Zuge des Konkursverfahrens Mitte April diesen Jahres belegten Dokumente, dass Peabody, der größte private Kohlekonzern der Welt, mehr als zwei Dutzend Gruppen finanziert hatte, welche den menschengemachten Klimawandel leugnen: Denkfabriken, Anwälte, Klimaforscher, politische Organisationen.

Sie griffen die Klimapläne von Obama an, die Vorgaben der Umweltbehörde, selbst gegen Hausbesitzer mit Solarmodulen auf dem Dach ging eine Gruppe vor. Eine andere warf dem Sierra Club vor, er wolle in den USA das Licht ausknipsen. "#Cold In The Dark" taufte die Koalition für Sauberen Kohlestrom ihre Kampagne.

Propaganda der US-Kohleindustrie: Eine Welt ohne Kohle wäre sehr unheimlich

Aber Owen, Nilles und Hitt hatten weiterhin Erfolge. Jeden Sieg zelebrierte der Sierra Club auf seinerInternetseite mit einem Countdown: "239 down, 284 to go", heißt es dort. Der Sierra Club schickte Tausende Aktivisten zu den Anhörungen der nationalen Umweltbehörde, um sie zu schärferen Regeln anzutreiben, egal ob es um Wasserreinheit ging, den Ausstoß an Quecksilber, Kohleasche oder Kohlendioxid. Mit den neuen Vorgaben konnten die Umweltschützer wiederum Druck auf die lokalen Regulierer ausüben, die den Nachrüstungen zustimmen müssen. Es war so einfach. Nur: Es fehlte an Geld und Anwälten.

Das war der Moment, als Michael Bloomberg die Bildfläche betrat. Der Medienmogul und damalige Bürgermeister New Yorks war, so geht die Legende, auf der Suche nach einem Projekt, das er mit seinem Namen und Geld voranbringen wollte. In seinem Amtssitz hatte er über ein Bildungsprojekt zu entscheiden, mit dem er unzufrieden war. "Wenn Du diese Idee nicht magst, ist es okay, wir finden eine andere", sagte damals sein Berater Kevin Sheekey. "Ich will jetzt eine andere", entgegnete Bloomberg.

Sheekey dachte nach. Ein paar Tage zuvor war er mit Carl Pope Mittagessen. Der damalige Sierra Club Chef hatte ihm von dem Vorhaben erzählt, 50 Millionen Dollar an Spenden einzusammeln, um die "Beyond Coal Kampagne" auf alle Bundesstaaten auszudehnen und so die Blockade im Klimaschutz aufzubrechen. Sheekey erzählte seinem Chef davon. "Eine gute Idee", sagte Bloomberg. "Wir geben Carl einfach einen Scheck für die 50 Millionen. Sag ihm, er soll das Spendensammeln abblasen und an die Arbeit gehen."

Als Verena Owen von der Abmachung erfuhr, dachte sie an das, was nun möglich war. Sie dachte ans Kraftwerk Waukegan.

Im ganzen Land setzten sie 200 Organisatoren und Anwälte ein, um gegen die Kohle vorzugehen. Am erfolgreichsten waren sie, wenn sie Investoren überzeugen konnten, dass die Nachrüstung von Filteranlagen oder die Entsorgung der Kohleasche zu viel Geld kosten würde. Die Argumente verfingen, da das billige Frackinggas, aber auch der Wind- und Solarstrom, den Markt für die Kohle ohnehin schon schwächte. Sie waren wie der Sand im Getriebe, der unablässig in jede Lücke rieselt, bis die Maschine Aussetzer bekommt. Ein Kohlegigant nach dem nächsten ging Konkurs, zuletzt Peabody.

Bis 2030 will der Sierra Club die Kohle ganz erledigt haben. Die Aussichten stehen gut. Selbst Donald Trump dürfte daran nichts ändern, auch wenn er angekündigt hat, im Falle seines Wahlsieges "die Kohle zu retten". Inzwischen bekämpft der Sierra Club auch die geplanten Kohlehäfen an der Pazifikküste, damit die US-Kohle nicht einfach auf Schiffen nach China gelangt.

Auch gegen Gaskraftwerke kämpft der Sierra Club - das allerdings ohne großen Erfolg. "Sie haben das nicht aufgehalten", erklärt David Crane, der bis zum Jahresbeginn den NRG-Konzern mehr als 12 Jahre regiert hatte. "Sie konnten dem nicht einmal einen Dämpfer versetzen!" Er klingt fast triumphierend. Eine kleine Genugtuung.

* * *

Es ist halb neun am Morgen, als acht Aktivisten das Ritz Carlton in Philadelphia betreten. Das erste, was sie im Hinterzimmer sehen, ist ein Mann in Anzug, mit jungenhaftem Gesicht, Kurzhaarschnitt, dunklen Augen. Es ist NRG-Konzernchef Mauricio Gutierrez, 45. Gekommen sind keine zwei Dutzend Aktionäre. Der Sitzungsleiter hat gerade angekündigt, den neuen Vorstand zu bestätigen, da reckt sich eine Hand nach oben. "Ich habe als Aktionär eine Frage an die Kandidaten, Herr Vorsitzender", sagt Verena Owen. Doch dieser sagt, sie könne im Anschluss an die öffentliche Sitzung Fragen stellen.

Owen hat in ihrer Jugend gefochten, sogar eine Goldmedaille hat sie mal gewonnen bei einem Wettkampf in Illinois. Im Keller ihres Hauses bewahrt sie Säbel und Florett auf. Sie hat gelernt: Wer treffen will, darf nicht wild rumwedeln. Entscheidend ist es, im richtigen Moment zuzustoßen.

Der richtige Moment kommt wenig später. Als eine Aktivistin auf Spanisch zu sprechen beginnt, blickt Gutierrez auf. Die Frau erzählt von ihren Kindern, die an Asthma leiden, und lädt Gutierrez ein, nach Waukegan zu kommen. Der bedankt sich, ebenfalls auf Spanisch, und nimmt die Einladung an.

Der Sitzungsleiter wird unruhig: "Ist denn keiner hier, der auch mal über etwas anderes als über Waukegan redet?"

"Doch, ich", sagt Owen. "Übrigens wohne ich aber auch nicht so weit weg von Waukegan." Der Sitzungsleiter rollt mit den Augen. Sie habe einen Werbebrief von NRG bekommen, berichtet Owen, in dem das Unternehmen für seine grüne Energie wirbt. "Was ich von ihrer Firma weiß, ist, dass sie 210 Millionen Tonnen Kohle letztes Jahr gekauft hat. Wir haben 2,4 Millionen Mitglieder und Unterstützer, sie können sicher sein, dass das viele interessieren wird." Aus der Reihe des Vorstands drehen sich Köpfe zu ihr. Sie wollen sehen, wer sie da so offen angreift.

Nach dem Ende der Veranstaltung kommt Gutierrez auf Owen zu. Er streckt seine Hand zum Abschied aus, fragt, woher sie stamme? Er erkenne ihren Akzent, in Mexico City habe er viele deutsche Freunde.

Er hat versprochen, nach Waukegan zu kommen - aber nicht wann. "Wir haben nicht das gekriegt, was wir wollten", bilanziert Owen. "Aber wir haben einen Eindruck hinterlassen."

* * *

Die letzte Begegnung mit Verena Owen, eine Zugfahrt von Chicago zurück nach Waukegan. Sie hat einen Arm über das Geländer gelehnt, blickt durch die Scheibe. Eine Frage hätte man noch: Wie viele Kohlekraftwerke habe sie denn persönlich dicht gemacht? Sie senkt den Blick. Der Zug rattert. "Wenn ich ehrlich bin", sagt sie, "wahrscheinlich gar keines."

Owen kann sich das inzwischen eingestehen. "Ich möchte nicht mehr der Ritter auf dem weißen Pferd sein, der Kohlekraftwerke dicht macht", sagt sie. Sie hat etwas anderes geschafft. Sie hat ganze Landstriche von der West- bis zur Ostküste gegen die Kohlekraftwerke aufgestachelt. Als sie anfing, war sie beinahe die einzige - heute gibt es kein Kohlekraftwerk in den USA mehr, das Anwohner und Umweltschützer nicht bekämpfen oder Anwälte des Sierra Clubs versuchen, mit Klagen zum Stopp zu zwingen.

Verena Owen hat ein Land in Aufruhr versetzt. Das war sie ihrer Freundin schuldig.

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