Aus Bagdad berichtet Ulrike Putz
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, nur Stunden vor der amerikanischen Kommandoübergabe auf der Victory-Basis, waren die Verkehrsregler in Bagdad in höchster Alarmbereitschaft. Drive-By-Shootings wurden erwartet. Im Stadtteil Mansur winkte ein Uniformierter deshalb mit seiner gezogenen Pistole Autos über die Kreuzung. In Karada brach auf einem der großen Kreisverkehre kurzfristig der Verkehr zusammen: Der Wachhabende war so verängstigt, dass er mit seiner Kalaschnikow an der Schulter hektisch auf Autos zielte, statt sie in Bewegung zu halten.
"Was habe ich den Terroristen getan, dass sie es auf mich abgesehen haben?", fragte ein Schutzmann, der seinen Namen mit Abdul Hussein angab. Er konnte nicht sagen, wie die irakischen Sicherheitskräfte die Gewalt eindämmen sollen, jetzt wo die amerikanischen Kampftruppen abgezogen sind. "Die USA lassen uns mit ein paar gebrauchten Pick-up-Trucks und kleinen Waffen zurück", sagte Hussein. "Sie sind ihrer Pflicht nicht nachgekommen." Erst hätten die Amerikaner die alte irakische Armee aufgelöst, es dann aber versäumt, die neue gut genug zu schulen und auszurüsten. "Nun können wir nur auf Gott vertrauen, uns im Kampf gegen den Terror beizustehen."
Befeuert wird die Gewalt im Irak vom politischen Chaos. Seit der Wahl vor über fünf Monaten sind Koalitionsverhandlungen zwischen den einstmals herrschenden Sunniten und den heute dominanten Schiiten keinen Schritt vorangekommen. Terrorgruppen der einen oder anderen Couleur versuchen, in dieses Vakuum hineinzubomben, um die Verhandlungen nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. In- und ausländische Experten sind der Ansicht, dass der Irak in diesen Monaten am Scheideweg steht: Entweder die Politikerkaste kann das Land mit Hilfe einer breiten Koalition einen, oder der Bürgerkrieg bricht wieder aus.
Optimisten hoffen, dass die Angst vor einem neuen Flächenbrand der Gewalt, wie er in den Jahren 2006 und 2007 tobte, Politiker und Bevölkerung zur Räson bringen wird. Dann gebe es eine Chance, dass das geeinte Volk stark genug sei, den Terror zu ersticken.
Anhänger dieser These argumentieren, die Truppenreduktion der USA käme deshalb zum richtigen Zeitpunkt. "Ohne die USA könnten die politischen Flügel im Irak eine größere Bereitschaft zeigen, harte Kompromisse einzugehen", sagt Juan Cole Nahost-Experte an der Universität Michigan. Die Furcht vor den Folgen einer kompromisslosen Linie könnte Iraks Politiker zum Einlenken bringen.
Veränderte Balance der Kräfte im Irak
Tatsächlich verändert der Teilabzug der amerikanischen Kampftruppen das Gleichgewicht der Kräfte im Irak. Protegiert von den US-Truppen hat beispielsweise die kurdische Minderheit Iraks in den vergangenen Jahren ein sehr gesundes Selbstbewusstsein und überzogene Ansprüche entwickelt. Dadurch dass die amerikanische Präsenz nachlässt, könnten sich die Kurden genötigt sehen, eine pragmatischere Linie einzuschlagen.
Die schiitische Mehrheit im Irak könnte künftig offene Ohren für die Belange der Sunniten im Irak haben: Nun, wo die US-Kampftruppen nicht mehr nennenswert dabei helfen werden, sunnitische Gewalt zu bekämpfen, könnten die Schiiten ein verstärktes Interesse daran haben, diese gar nicht erst anzufachen.
Die USA hoffen darauf, dass der beschriebene Druck bereits wenige Wochen nach ihrem Teilabzug groß genug sein wird, um Ergebnisse zu produzieren. Washington hat seit langem eine sogenannte "inklusive Lösung" für eine Regierungsbildung propagiert. Danach soll Nuri al-Maliki Ministerpräsident bleiben. Sein größter Konkurrent, der säkulare Schiit Ijad Allawi, der sich mit den Stimmen der Sunniten die meisten Sitze im Parlament sichern konnte, würde Chef eines neu einzurichtenden Sicherheitsrats und wäre dem Regierungschef beinahe ebenbürtig.
Ob diese Rechnung aufgehen wird, ist fraglich. Sollte sich der politische Stillstand in einen Ausbruch sektiererischer Gewalt übersetzen, drohen dem Irak Jahre des Chaos. Denn von der neu gegründeten irakischen Armee kann nicht erwartet werden, dass sie Erfolg hat, wo die US-Truppen versagt haben. Selbst während des sogenannten "Surge" konnten 170.000 bestens ausgebildete US-Soldaten mit modernsten Waffen weder die sunnitischen Selbstmordattentäter noch die Mörser-Attacken schiitischer Milizen stoppen. Den religiös motivierten Mordserien standen die US-Truppen lange hilflos gegenüber.
"So weit darf es nicht noch einmal kommen", sagt Safaa Aziz, Professor für Medizin an einer der Bagdader Universitäten. Er mag auf ein baldiges Ende dieses Krieges hoffen, daran glauben tut der 73-Jährige jedoch nicht - wie so viele seiner Landsleute in diesen Tagen. "Die Zukunft des Iraks ist düster", sagt Aziz. "Und ich sehe nicht mal ein kleines bisschen Licht am Ende des Tunnels."
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