94-jährige US-Kommunistin "Wenn ich Unrecht sehe, muss ich kämpfen"

Als Kind trägt sie das rote Tuch der Jungen Pioniere, mit 16 ist sie Junggenossin, und zwar in den USA. Beatrice Lumpkin, 94 Jahre, ist eine der ältesten Kommunistinnen im Kernland der Kapitalisten. Sie marschiert auch heute noch für ihre Überzeugungen - und die Occupy-Bewegung.

Aus Chicago berichtet Till Mayer

Till Mayer

Eigentlich sind beide nicht ihre Kandidaten. Einer hat es trotzdem auf ihren Kühlschrank geschafft. Barack Obama hängt direkt vor dem Gefrierfach. Doch wirklich frösteln lässt sie Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. "Er will unser soziales Netz zerstören, die Gewerkschaften vernichten", schimpft Beatrice Lumpkin und stemmt die Arme in die Hüfte. Und Obama? "Er braucht ständig Druck, dass er das Richtige macht. Vor allem ist er auf die Menschen angewiesen, die ihm dabei helfen."

Ihre eigene Partei - die Communist Party USA - hat 1984 zum letzten Mal einen Bewerber ins Rennen ums Präsidentenamt geschickt - Gus Hall scheiterte damals mit 0,04 Prozent. Beatrice Lumpkins Welt geriet dennoch nie ins Wanken. An den Sozialismus glaubt die 94-Jährige bis heute felsenfest.

Sie ist eine der ältesten Kommunistinnen im Kernland der Kapitalisten.

Die Geschichte der Genossin Lumpkin beginnt in einem armseligen Ziegelbau in der East Bronx in New York in den Jahren der Depression. Dünne Wände trennen die Wohnungen, es ist laut in der Mietskaserne. In den beiden Zimmern herrscht eine bedrückende Enge für die fünfköpfige Familie. Die Wohnung ist im Winter kaum geheizt, dafür im Sommer ein wahrer Hitzekessel. Nur in der Waschküche der Eltern dampft es ganzjährig.

Der Vater schleppt die verdreckte Kleidung aus dem ganzen Viertel herbei. Die Mutter wäscht Vorhänge und bügelt den ganzen Tag Hemden. Es ist für beide eine kraftzehrende Arbeit. Was sie verdienen, reicht gerade zum Überleben der Familie, die nicht selten hungrig ins Bett geht: Vater, Mutter, drei Kinder. Das Vierte rafft als Säugling eine Erkältung hin. "Meine Eltern haben sich zu Tode gearbeitet", sagt Beatrice Lumpkin. Ihr Zorn darüber ist bis heute geblieben.

"Der Kapitalismus ist von Grund auf böse"

Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit: Der Kapitalismus zeigt in jenen Jahren sein hässliches Gesicht. Ein Antlitz, das sich nie wandeln werde, meint die Kommunistin: "Denn der Kapitalismus ist nun einmal von Grund auf böse. Die Armen werden immer ärmer, die Reichen werden immer reicher. Was hat sich geändert?"

Das Gesicht von Beatrice Lumpkin im Jahr 1934 ist das eines dürren Teenager-Mädchens mit wütenden Augen, widerspenstigen, dunklen Haaren, und einer Nase, die die 94-Jährige heute noch immer als ziemlich "knubbelig" bezeichnet.

So blickt sie aus dem Foto: Junggenossin Beatrice, beide Eltern als Sympathisanten der Revolution von 1905 aus Weißrussland geflohen. Als Kind hat sie bei den Camps der Jungen Pioniere der USA revolutionäre Lieder gesungen, mit 16 Jahren ist sie in die Young Communist League eingetreten. Und dann gleich als Kommunistin von der Schule geflogen, weil sie für Redefreiheit demonstriert hat und einen "Student Peace Strike" mitorganisierte.

"Auf kommunistische Streikende warteten die Knüppel der Polizei, Gefängnis, Entlassungen und Schikanen. Doch ich hatte nichts zu verlieren und wir konnten etwas für die Arbeiter erreichen", erklärt die 94-Jährige heute. Sie lässt damals kaum eine Demonstration aus. Und in den dreißiger Jahren herrscht in den Arbeitervierteln der Großstädte nicht selten der Aufruhr.

Lumpkin steht auf und zieht ein Heft der Stahlarbeitergewerkschaft über das "Memorial Day Massacre" aus dem Regal. In Chicago sterben 1937 zehn Arbeiter im Kugelhagel, mehr als hundert werden verletzt, als sie für ihr Recht einer Gewerkschaftsvertretung streiken. "Das darf nicht vergessen werden", sagt die alte Dame.

Graues Betondenken zwischen roten Backsteinwänden

Beatrice Lumpkins hatten die Schüsse auf die Arbeiter tief bewegt. Nach dem Schulabschluss arbeitet sie selbst als Gewerkschafterin, mobilisiert Wäschereiarbeiterinnen. Bis sie als Kommunistin aus der Gewerkschaft geworfen wird. Ihre Parteimitgliedschaft, ihr Engagement gegen den Kapitalismus, das ist Beatrice Lumpkin schon als Teenager klar, würde ihr ganzes Leben zu einem Kampf machen.

Und so darf bei einem Interview mit der roten Seniorin ein Abstecher bei der lokalen Partei nicht fehlen. Mit dem Auto geht es zur Chicagoer KP. Rote Backsteinhäuser säumen die schnurgeraden Straßen

Die 94-Jährige erzählt von der Geschichte des Viertels, von deutschstämmigen Arbeitern, die vor fast hundert Jahren aus Pilsen kamen. "Viele von ihnen waren Sozialisten", sagt sie stolz. Blickt aus dem Beifahrerfenster, als würde sie auf dem Gehsteig gleich eine Gruppe junger Arbeiter im grauem Arbeitsdrillich und mit heruntergezogener Schlägerkappe erwarten.

Schräg gegenüber des Parkplatzes vor einer Bank liegt das "Unity Center" der Kommunistischen Partei. Der Straßenzug wurde in den vergangenen Jahren aufgehübscht. Auch das KP-Gebäude kann sich durchaus sehen lassen. Frisch sanierter Backsteinbau. Millionen Dollar hatten die US-Kommunisten über Jahrzehnte von der Sowjetunion erhalten. Geld, von dem die Partei wohl noch immer zehrt. In der Bibliothek blickt Lenin streng in großem Format von der Wand.

Die örtliche KP-Funktionärin reicht Kaffee und Plätzchen, erkundigt sich höflich über die Partei "Die Linke" in Deutschland. Doch schnell stellt sich heraus, dass zwischen den roten Backsteinwänden viel Betondenken zu finden ist. Der Prager Frühling war eine Konterrevolution - so wird die Geschichte hier geschrieben.

Kommunistin, Jüdin, Gewerkschaftlerin, Feministin - in einer Person

Beatrice Lumpkin sitzt ein wenig verloren im Unity-Gebäude vor ihrer Tasse. Auch ihr fällt Kritik an der Sowjetunion schwer. Jeden Satz überlegt sie sich genau. Es geht um ein Land, an das sie geglaubt hatte, in dem sie ein Vorbild sah. In den sechziger Jahren machte sie dort einmal Campingurlaub. Auch in Allendes Chile war sie, mehrmals in Castros Cuba, in der Tschechoslowakei und in Nordkorea.

So sucht sie nach Worten, die die Partei nicht belasten: Das fällt bei Stalin nicht leicht, den sie als psychisch kranken Menschen sieht. Und bei der Redefreiheit, für die sie in den USA gekämpft hat, die sie bei ihren Reisen in den real-existierenden Sozialismus aber niemals einforderte. "Natürlich gab es in der Sowjetunion keine Demokratie, wie wir sie verstehen. Keine Redefreiheit, wie wir sie wollen", meint sie. "Aber es bestand ein Recht auf einen Arbeitsplatz, Bildung und medizinische Versorgung", zählt die Rentnerin auf. Doch beides muss zusammengehören, sagt sie auf Nachfrage nachdenklich: "Ohne Demokratie und eine wirklich vollständige Redefreiheit geht es nicht."

An einen wichtigen Grund, warum sie ihren Glauben an den Kommunismus nie verloren hat, erinnert ein Wahlplakat im Unity-Center. Nicht halb so groß wie das Leninporträt bei den Bücherregalen. Frank Lumpkin in den fünfziger Jahren ist darauf zu sehen: Gewerkschaftler, Kommunist, Stahlarbeiter und vor allem ihre große Liebe. Zusammen haben sie die Hexenjagd McCarthys und die Rassensegregation durchgestanden. Damals hat sie wohl alles in ihrer Person vereint, was Amerikas Rechte hassen: Sie ist Kommunistin, Jüdin, Gewerkschaftlerin, Feministin und zu allem Überfluss auch noch mit einem Farbigen verheiratet.

Als Frank Lumpkin 2010 stirbt, würdigen lokale Medien seine Verdienste um die Arbeiterrechte. "Das hat einfach gut getan", sagt Beatrice Lumpkin. Als ihr in der McCarthy-Ära ein FBI-Agent nachts auflauert, hätte sie sich das niemals vorstellen können. "Ich bin damals einfach losgerannt", sagt sie. Das junge Paar war gerade umgezogen. "Wir wussten, das FBI würde versuchen, unseren Ruf in der Nachbarschaft zu ruinieren. Darin waren sie gut", erinnert sich die 94-Jährige. Im Viertel gibt es ein Problem mit der Versorgung durch sauberes Trinkwasser. Die Lumpkins mobilisieren erfolgreich die Bewohner. "Wir hatten dann bei unseren Nachbarn einen guten Stand. Aber andere Menschen hat McCarthy in den Selbstmord getrieben. Meistens waren es nicht einmal Kommunisten, deren Existenzen sie zerstört haben."

Kampf gegen Konzerne und Banken

Als die Zeiten der Schauprozesse enden, bildet sich Arbeiterin Beatrice Lumpkin zur Higschool-Lehrerin fort. 1965 tritt sie ihre erste Stelle an, bis heute ist sie in der Lehrergewerkschaft in Chicago aktiv. Genauso wie in der Occupy-Bewegung, in der sie trotz künstlichen Kniegelenken mit flottem Schritt mitmarschiert. "Wenn ich Unrecht sehe, muss ich kämpfen. Das wird mein Leben lang so bleiben", sagt die Kommunistin.

Ein Blick auf die Skyline von Chicago müsste ihr eigentlich den Mut nehmen. Die uneinnehmbaren Burgen des Kapitalismus in der City ragen hoch hinter dem Unity-Center auf. Ganz klein wirkt die 94-Jährige zwischen den Glasfronten und Granitmauern der Konzerne und Banken. Beatrice Lumpkin nestelt ein weißes T-Shirt aus ihrer Tasche. "Menschen vor Profit" steht in schwarzen Lettern darauf. Sie streift es sich für ein Foto über. In der Tasche ist noch ein rotes Shirt der Lehrergewerkschaft. "Das ziehe ich später beim Occupy-Meeting an", lacht sie.

Bei der Bank of America ziehen drei Männer gerade die US-Fahne ein. Der Slogan scheint ihnen zu gefallen. Für die alte Dame gibt es ein paar nette Sätze. Beatrice Lumpkin strahlt: "Wissen Sie, ich bin mir da einfach sicher: Den Kapitalismus findet die Mehrheit einfach falsch." Dann ist es an der Ampel grün, sie marschiert los. Vorbei an dem Aston Martin, der vor ihr halten muss. So leicht sind Kapitalisten sonst nicht zu stoppen. Aber wer weiß das besser als Beatrice Lumpkin auf ihrem Weg zum Occupy-Meeting.

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robin-masters 09.09.2012
1. Vorbild aus der Vergangenheit
Schön das es noch Idialisten gibt die das bestehende System nicht als unveränderbar hinnehmen. Bzw. mit dem System arrangiert haben und sagen hauptsache ich und der Rest hat halt pech gehabt. Ist blos schade das diese Art von Menschen am aussterben ist. Die meisten sind nur Mitläufer und wollen etwas tun um ein besserers Gewissen zu haben und setzen dann ihr MBA Studium fort.
stephan87 09.09.2012
2.
Den Satz finde ich sehr spannend: ---Zitat--- An einen wichtigen Grund, warum sie ihren Glauben an den Kommunismus nie verloren hat, erinnert ein Wahlplakat im Unity-Center. Nicht halb so groß wie das Leninporträt bei den Bücherregalen. Frank Lumpkin in den fünfziger Jahren ist darauf zu sehen: Gewerkschaftler, Kommunist, Stahlarbeiter und vor allem ihre große Liebe. ---Zitatende--- Viele extrem erfolgreiche Menschen ziehen ihre komplette Motivation aus Schlüsselerlebnissen. Es gibt etliche schwerreiche Unternehmer, berühmte Musiker oder erfolgreiche Menschen auf anderen Gebieten, die irgendwann zugegeben haben, dass ihre gesamte Motivation aus der Liebe zu einem Mädchen aus einer höheren gesellschaftlichen Schicht kam. Das Mädchen kann schon längst jemand anderen geheiratet oder gestorben sein, und trotzdem hat dieser Mensch irgendwann so starke Gefühle entwickelt dass sie ihn auf ewig antreiben. Aber nicht nur Liebe ist ein starker Motivator. Auch "Verlierertypen", die zu Schulzeiten gepenigt und gedemütigt wurden können daraus im späteren Leben eine enorme Motivation ziehen.
frautina 09.09.2012
3. optional
Respekt an Frau Lumpkin. Chapeau. Nach so langen Jahren noch so optimistisch und kraftvoll. Sicher eine sehr interessante alte Dame.
frautina 09.09.2012
4. optional
Respekt an Frau Lumpkin. Chapeau. Nach so langen Jahren noch so optimistisch und kraftvoll. Sicher eine sehr interessante alte Dame.
Andreas Rolfes 09.09.2012
5. Propaganda
---Zitat--- Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit: Der Kapitalismus zeigt in jenen Jahren sein hässliches Gesicht. Ein Antlitz, das sich nie wandeln werde, meint die Kommunistin: "Denn der Kapitalismus ist nun einmal von Grund auf böse. Die Armen werden immer ärmer, die Reichen werden immer reicher. Was hat sich geändert?" ---Zitatende--- Und der Kommunismus zeigt IMMER sein hässliches Gesicht mit Elend, Hunger und GuLag. Der Kapitalismus ist sicher nicht perfekt, setzt aber komischerweise auf das richtige Menschenbild - der Mensch ist Egoist. Das mögen einige Böse finden. Aber es funktioniert nun mal besser als die dümmliche-naive Sichtweise, der Mensch brauche nur etwas Erziehung um das Paradies auf Erden zu schaffen: "Und willst du nicht Genosse sein, so schlag ich dir den Schädel ein!"
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