US-Kongress Wahlkämpfer setzen auf schmutzige Tricks

Je näher der Wahltermin rückt, umso heimtückischer wird der Kampf um die Stimmen: Die Kandidaten für den US-Kongress lassen alle Anstandsregeln fallen. Politiker sehen sich plötzlich als Kunden von Prostituierten und Sex-Hotlines dargestellt - oder als Freunde von Massenmördern.


Washington - "Ron Kind bezahlt für Sex" - dieser Slogan schmückt nach einem Bericht der "Washington Post" seit kurzem Wahlplakate im US-Staat Wisconsin. Kleben lassen hat sie der Republikaner Paul R. Nelson, Kandidat der Republikaner für einen Sitz im Kongress. Er ließ dem Konterfei seines demokratischen Kontrahenten Ron Kind zudem ein Schriftzug mit den Buchstaben "XXX" übers Gesicht drucken - dem Kürzel für nicht jugendfreie Inhalte.

Kapitol in Washington: Kampf mit harten Bandagen
AP

Kapitol in Washington: Kampf mit harten Bandagen

Der Hintergrund der Schmutzkampagne: Der Demokrat Kind widersetzt sich Forderungen, dem nationalen Gesundheitsinstitut in Zukunft kein Geld mehr für die Erforschung des sexuellen Verhaltens der Amerikaner zu geben. Die freche Folgerung von Nelson - Kind bezahlt für Sex.

Nelson schreibt seinem Kontrahenten außerdem noch zu, dieser wolle "illegalen Ausländern erlauben, die amerikanische Flagge zu verbrennen" und "zulassen, dass verurteilte Kinderschänder ins Land kommen". Nach seiner eigenen Ansicht wahrt der Republikaner trotz solcher Zuschreibungen die Grenzen des guten Geschmacks: "Negative Wahlwerbung heißt, auf üble Weise persönlich zu attackieren. Das hier ist überhaupt nicht persönlich gemeint."

Niveau sinkt ins Bodenlose

Kurz vor der Entscheidung, so die Analyse der "Washington Post", sinkt das Niveau des Wahlkampfes ins Bodenlose. Verzweifelte Kandidaten versuchen alles, um die Konkurrenten zu beschädigen. Sie unterstellen ihnen beispielsweise moralisches Fehlverhalten und sexuelle Perversion. Blogs und Websites helfen, den Schmutz in alle Winkel des Landes zu tragen. Die Kandidaten halten sich dabei meist von der eigentlichen Drecksarbeit fern: Diese erledigen Unterstützergruppen.

Shanto Iyengar, Politik-Professor in Stanford, sagt der "Washington Post": "Je negativer die Wahlwerbung ist, desto wahrscheinlicher berichten Medien darüber. Also ist der Anreiz groß, in die Extreme zu gehen."

Insbesondere die Republikaner, so die "Washington Post", sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, das derzeit für die eigene Partei negative Meinungsklima zu beeinflussen: Die Wahlkampf-Zentrale der Republikaner gebe derzeit 90 Prozent des Werbebudgets für negative Wahlwerbung aus.

In New York unterstellten die Republikaner beispielsweise dem demokratischen Kandidaten Michael A. Arcuri, er verschwende Steuergelder für Telefonsex. Hintergrund der Attacke: Ein Mitarbeiter Arcuris hatte sich verwählt, als er eine offizielle Stelle anrufen wollten und war bei einer Sex-Hotline gelandet, die eine fast identische Nummer hatte. Kosten des Zahlendrehers für den Steuerzahler: 1 Dollar und 25 Cent.

Hauptargument der Demokraten: der Irak-Krieg

In Ohio wollten die Republikaner die Wähler glauben machen, der demokratische Kandidat sei nicht bereit, Sex mit Kindern zu verurteilen. In Wisconsin rückte man den Kandidaten in die Nähe eines verurteilten Massenmörders. In Tennessee wurde dem Demokraten Harold E. Ford Jr. vorgehalten, er habe eine vom "Playboy" gesponserte Super-Bowl-Party besucht - und er wolle außerdem Abtreibungspillen an Schüler verteilen.

Auch die Demokraten kämpfen mit harten Bandagen, konzentrieren sich jedoch vor allem auf Präsident Bush und dessen unpopulären Krieg im Irak. Eine erfolgversprechende Strategie, denn zwei Drittel der Wähler sind inzwischen der Meinung, dass die derzeitige Irak-Politik falsch ist. Der dauernde Hinweis auf die Probleme im Irak, so die Hoffnung der Demokraten, soll republikanische Wähler davon abhalten, am 7. November zur Urne zu gehen.

Der demokratische Senator von Wisconsin, Ron Kind, sagt zu der Schmutzkampagne: "Es ist ein verrücktes System, und es wird jedes Jahr schlimmer. Wir reißen einander in Stücke, und dann sollen wir alle nach Washington zurückkommen und dort zusammenarbeiten. Das ist ein höllischer Weg, Volksvertreter auszuwählen."

jaf

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.