Neuer Republikaner-Star Joni Ernst Schwein gehabt

Im ersten Wahlkampfspot erklärte sie, wie man Schweine kastriert. Doch Farmerstochter Joni Ernst ist längst keine Lachnummer mehr: Als erste Frau zieht sie für Iowa in den US-Senat - und gilt schon als neuer Star der Republikaner.

Von , New York

Gewinnerin der US-Kongresswahlen Joni Ernst: "Mutter, Soldatin, Führerin"
AFP

Gewinnerin der US-Kongresswahlen Joni Ernst: "Mutter, Soldatin, Führerin"


Am Ende siegten doch die Schweine. Grunzende Schweine, sie wühlten sich durch den Stall und durch Joni Ernsts ersten Wahlkampfspot: "Ich bin auf einer Farm in Iowa aufgewachsen, wo ich Schweine kastriert habe", erläuterte die Kandidatin, als drohe dasselbe nun Washington. Da lachten alle erst - aber Ernst lachte zuletzt.

Viele Gewinner gab es in dieser Wahlnacht. Joni Ernst aber ist einer der Namen, die man sich besonders merken sollte: Die 44-jährige Republikanerin aus Red Oak, einem einsamen Eisenbahnstop im trostlosen Herzen der USA, zieht nun nicht nur als erste Frau in der Geschichte Iowas in den Kongress - sondern lieferte ihrer Partei damit auch den entscheidenden Ausschlag zur Senatsmehrheit.

Schon verklären sie Ernst zum neuen Star der Republikaner, zur Hoffnungsträgerin und "Königsmacherin". Mitt Romney, der Verlierer von 2012, findet sie toll, Sarah Palin, die Verliererin von 2008, kam sogar extra aus Alaska nach Des Moines geflogen, um für Ernst Wahlkampf zu machen: "Die lässt sich von niemandem herumschubsen!"

Trotzdem gibt sich Joni Ernst noch charmant-unbeholfen. "Meine Güte!", japste sie in der Nacht zum Mittwoch begeistert und unterbrach sich selbst immer wieder mit heiserem Lachen. "Wir gehen nach Washington!" Und dann, noch eine Schweine-Analogie: "Wir werden sie zum Quieken bringen!"

Doch Ernst ist viel mehr als nur ihr Ferkel-Spot, den sie für 9000 Dollar drehte, als Revanche für eine gemeine TV-Attacke ihres Rivalen, des Kongressabgeordneten Bruce Braley. Sie repräsentiert die simple, paranoid durchwirkte, doch umso entschlossenere Seele dieses Republikaner-Durchmarsches: Middle America auf Rachefeldzug.

Ernst vereint viele Elemente dessen, was das Klischee Amerika ausmacht, zumindest wie es die Wahlkämpfer gern instrumentalisieren: Farmerstochter, Highschool-Sweetheart, Irak-Kriegsveteranin, Reservistin, Nationalgardistin. Mit der Pistole in der Handtasche, selbstverständlich - man weiß ja nie in Iowa: Der "Islamische Staat", rief sie in ihrer Siegesrede, "verschwindet nicht von alleine".

Verschwinden sollen aber erst mal andere: die Steuerbehörde IRS, das Bildungsministerium, das Umweltamt. Ernst bezweifelt Gesetze aus Washington, sie glaubt nicht an die Klimakrise. Stattdessen glaubt sie, dass der Irak unter Saddam Hussein doch Massenvernichtungswaffen hatte, Grüße an George W. Bush. Außerdem fordert sie - auch das selbstredend - freien Waffenbesitz und nennt Präsident Barack Obama "Diktator".

Schweine zu kastrieren, lernte sie als Mädchen. Das zu thematisieren war eigentlich nur eine witzige Idee gewesen, die ihre Berater erst nur widerwillig testen wollten. Es drohe "Spott von der Ostküste", unkten sie. Und tatsächlich: "Der schlechteste Wahlspot der Saison", lästerte das New Yorker Blog "Gawker". "Sie steht nicht für Iowa", skandierten Occupy-Protestler bei einem ihrer Auftritte an der Iowa State University. "Habe Schlimmeres gesehen", seufzte Ernst. "Ich war im Irak."

Andere ahnten hingegen, dass der Spot zum Hit taugt: "Ein Homerun", urteilte der Radio-Talker Jan Mickelson. Vorher kannte niemand Joni Ernst, nun sprachen alle über sie. "Fox News" interviewte sie zur Kastrationsfrage, es war ein Ritterschlag: Wie alt war sie damals? Wurden die Schweine betäubt? "Das ist eine ganz normale Aufgabe", erklärte Ernst ernst. "Eine normale Aufgabe, überall in Iowa."

Fast zehn Millionen Spenden-Dollar steckten beide Iowa-Kandidaten jeweils in ihren Wahlkampf. Ernsts Gegner Braley schien lange unangreifbar - seit 2006 im Kongress und dort, so Iowas Hauptstadtzeitung "Des Moines Register", ein "Protégé" des amtierenden Senators, des Demokraten Tom Harkin, der sich aufs Altenteil zurückzieht.

Doch es half alles nichts gegen Ernsts griffigen Slogan: "Mutter, Soldatin, Führerin." Sie legte einen Wahlspot nach, in dem sie mit einem Gewehr um sich schoss, und dann, zum Finale, noch einen weiteren Schweine-Clip. "Schmutzig, laut, und es stinkt", juchzte sie, umringt von grunzendem Vieh. "Nicht die hier - ich rede von Washington."

Sie siegte mit mehr als 52 Prozent der Stimmen.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 59 Beiträge
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kartackel 05.11.2014
1. Keine Lachnummer?!
In Iowa vielleicht... Unsere Truppe is ja schon eine Bestbesetzung neben der anderen aber die USA sind und bleiben eben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
tinosaurus 05.11.2014
2. Amerika
ist nicht zu helfen. Mit Obama hatten die Amerikaner einer der fähigsten Präsidenten und keinen Vollpfosten wie Bush. Mit der Blockade-Politik der Republikaner konte Obama seine guten Ziele nicht richtig realisieren. Und zuletzt wirkte er schon etwas zögerlich im Hinblick auf die Vorgehensweise in Syrien und Irak. Wenn bald auch noch die echten Hardliner an die Macht kommen, dann treffen die auf die knallharten Radikalen im Kreml. Das könnte spannend werden.
Hitchslap 05.11.2014
3.
Hört sich nach einer normalen Republikanerin an...ideologisch verblendet, ignorant und natürlich Hasserin der bösen bösen Wissenschaft
seneca55 05.11.2014
4. Mrs. Ernst trifft den neuen Mainstream der USA
Mit dieser "SCHWEINE-Kampagne" könnte sie es vielleicht zur neuen Präsidentin 2016 bringen. 61% der US-Bürger finden die REPs zwar unterirdisch schlecht, aber die Amerikaner wählen sie trotzdem wegen fehlender oder überzeugender Alternative. In den USA ist heute alles möglich, also mal im Ernst, warum sollte Mrs. Ernst nicht gegen Mrs. Clinton eine Chance in 2016 haben, insbesondere wenn man an den FOX-Favoriten: Mrs. PALIN in 2008 zurückdenkt.
Werder 05.11.2014
5. Nun ja, die US-Amerikaner finden immer
schnell- und gerne - einen jeweils neuen "Star". Das Spiel kennen wir doch: Alle vier Jahr wird mit unglaublichem Tamtam der neue Messias ausgerufen und spätestens nach Ablauf der ersten Amtszeit stellt man fest: "Huch, wieder nur ein Mensch, der auch nur mit Wasser kocht. Weitermachen ...
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