US-Konservative Christine O'Donnell Die unwählbare Gewählte

Sie nannte einst Masturbation eine Sünde und Aids-Bekämpfung eine Verschwendung von Steuergeldern. Jetzt tritt Christine O'Donnell bei den US-Kongresswahlen an. Ihre Kandidatur zeigt, wie gespalten Amerika derzeit ist - und dass Rechtsausleger wie sie einen Sieg der Republikaner gefährden.

Von , New York

Tea-Party-Politikerin O'Donnell: "Die Menschen von Delaware haben gesprochen"
AFP

Tea-Party-Politikerin O'Donnell: "Die Menschen von Delaware haben gesprochen"


"Die Bibel sagt, Lust empfinden sei Ehebruch. Man kann nicht masturbieren, ohne Lust zu empfinden." Christine O'Donnell fixiert die Kamera. Geduldig erklärt sie dem MTV-Moderator die Welt. "Es gibt gottgegebenes sexuelles Verlangen", sagt sie. Doch Sex außerhalb der Ehe sei grundsätzlich falsch. Ein Verstoß gegen das sechste Gebot. Später steht O'Donnell auf einem kurzgeschorenen Rasen. Aus nahen Boxen scheppert Joan Osbornes Stimme: "What if God was one of us?", dröhnt es. Wäre Gott einer wie wir. O'Donnell muss schreien, um die Musik zu übertönen. Doch sie ist sehr, sehr glücklich.

Das war 1996. Seinerzeit kämpfte O'Donnell für eine Organisation, die sich Saviours Alliance for Lifting the Truth nannte, Kurzform: S.A.L.T.

Auch 2010 hat O'Donnell viel gekämpft, oft gegen Mitglieder ihrer eigenen Partei. O'Donnell gehört jetzt der Tea Party an, einer erzkonservativen Gruppe, deren Mitglieder meist US-Republikaner sind und die gegen die Politik von US-Präsident Barack Obama Sturm läuft. O'Donnell kämpft jetzt gegen Steuererhöhungen, gegen die Gesundheitsreform. Für die Entstaatlichung Amerikas. Und um die Kandidatur für den US-Ostküstenstaat Delaware. Darum, ihre Partei am 2. November bei den Kongresswahlen zu vertreten.

Der Kampf war lang und schmutzig. Am Mittwoch hat sie ihn gewonnen. O'Donnell, die Erzkonservative, hat sich gegen den Favoriten Michael Castle durchgesetzt. Gegen einen früheren Gouverneur und langjährigen republikanischen Abgeordneten mit einem Multimillionen-Dollar-Etat für die Wahlkampagne. O'Donnell hatte kaum Geld und neben Sarah Palin nur wenige Unterstützer.

Entsprechend verblüfft sind Republikaner und politische Beobachter über den Sieg der Christine O. Er sei die "größte Überraschung" in einer an Überraschungen nicht gerade armen Vorwahlsaison, schreibt die "Washington Post".

Krebs ein "Akt Gottes"

O'Donnell galt vielen als unwählbar. Das Attentat auf die pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto wertete sie als Mahnmal dafür, wie wichtig es ist, dass die US-Außenpolitik "auf amerikanischen Interessen fußt und nicht auf politischer Korrektheit".

1997 sagte Christine O'Donnell, dass die Regierung für die Bekämpfung von Aids zu viel Geld ausgebe. Dass Amerika Unsummen für pornografische Kondome verschwende. Dass Krebs ein "Akt Gottes", Aids dagegen eine Strafe für das eigene Verhalten sei. Dass man die Geschlechtskrankheit "binnen einer Generation" ausrotten könnte, würden sich alle Amerikaner auf ihre christlichen Werte besinnen.

Christine O'Donnell, die unwählbare Gewählte, markiert den vorläufigen Höhepunkt eines tiefgreifenden Wandels in Amerika. O'Donnells Kontrahent Mike Castle ist einer der letzten moderaten Konservativen im US-Kongress. Amerikas Republikaner driften nach rechts, die Tea Party gewinnt in ihren Reihen zusehends an Macht. O'Donnells Überraschungssieg ist nicht der erste Erfolg, den die Bewegung verzeichnet. "It's Tea Time", titelte kürzlich das Polit-Blog "Huffington Post".

Dass es soweit kommen konnte, ist vor allem das Resultat einer Regierungspolitik, die grundlegende amerikanische Traditionen in Frage stellt. Wirtschaftsflaute und hohe Arbeitslosigkeit plagen das Land, und Präsident Obama versucht, die Probleme vor allem durch immer neue staatliche Hilfsaktionen zu lösen: Durch Bankenrettungsfonds. Durch eine Abwrackprämie für die Autoindustrie. Durch immer neue Konjunkturprogramme.

Diese Linie hat eine Grundsatzdebatte provoziert. Nicht wenige Wähler sind unzufrieden über den europäischen Weg, den Obama eingeschlagen hat. Unzufrieden über die Abkehr vom uramerikanischen Prinzip der Selbstbestimmung. Im Jahr eins nach der Weltwirtschaftskrise gibt es in Amerika giftige ideologische Diskussionen über eine zu linksliberale Politik. Die politischen Lager polarisieren sich. Manche würden sagen: Sie radikalisieren sich.

Republikaner in der Zwickmühle

Den Republikanern kann das nur eingeschränkt recht sein. Anfangs galt die Tea-Party-Bewegung vielen als Instrument, um Stimmungen gegen zu viel Staatspolitik zu kanalisieren und Demokraten Wähler abzuluchsen. Der damit verbundene Rechtsruck, der vielen Republikanern zu weit geht, wurde gebilligt.

Doch mittlerweile zeigt sich: Die Tea Party ist kein Gambit - kein Schachzug, bei dem man zu Anfang des Spiels einige der eigenen Figuren opfert, um sich auf dem Spielfeld besser positionieren zu können. Die Tea Party stellt die Republikaner vor ein Dilemma. Die Konservativen begrüßen die Energie, die die Bewegung entfaltet. Gleichzeitig fürchten sie um ihre Chancen, Obamas Macht im Senat zu brechen.

Masturbations-Gegnerin O'Donnell jedenfalls dürfte bei den Kongresswahlen scheitern. Aktuelle Umfragen sehen sie 16 Prozent hinter ihrem demokratischen Gegner Chris Coons. Wäre Establishment-Mann Mike Castle im November angetreten, hätten die Republikaner siegen können: Er lag in den letzten Umfragen zehn Prozent vor Coons.

Inzwischen ärgern sich sogar Partei-Größen wie Karl Rove öffentlich über O'Donnells Sieg. "Es tut den Konservativen nicht gut, Kandidaten zu unterstützen, die keine Eigenschaften wie Rechtschaffenheit, Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit erkennen lassen", sagte der frühere Vizestabschef des Weißen Hauses dem Fernsehsender Fox News. Was O'Donnell von sich gebe, sei teilweise "bekloppt", sagte Rove mit Blick auf die Kongresswahl im November. "Wir sind nicht in der Lage, dieses Rennen zu gewinnen."

O'Donnell scheint das anders zu sehen. Nach der gewonnenen Vorwahl sah man sie ähnlich ausgelassen feiern wie 1996 bei ihrer Anti-Masturbations-Kampagne. Lächelnd wiegte sie sich hinter dem Rednerpodest, an dessen Vorderseite ein Schleifchen in den Farben der amerikanischen Flagge geheftet war. "Eine Menge Menschen sagen, wir können jetzt die Kongresswahlen nicht gewinnen", jubelte sie. "Yes we can."

Dass ihre eigene Partei sie attackiert, störe sie nicht. "Ronald Reagan galt schließlich auch vielen als unwählbar."

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