US-Luftpost ins Nirgendwo Das Rätsel der verlorenen Irak-Milliarden

Es ist ein grotesker Fall: Kurz nach Beginn des Irak-Kriegs flog die US-Regierung Berge von Bargeld nach Bagdad, um den Wiederaufbau zu finanzieren - doch sechs Milliarden Dollar kamen nie an. Nun müssen die Vereinigten Staaten die Summe womöglich ersetzen.

Bargeld für Bagdad: Mehr als sechs Milliarden Dollar gingen auf dem Weg verloren
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Bargeld für Bagdad: Mehr als sechs Milliarden Dollar gingen auf dem Weg verloren


Washington/Berlin - Die Idee klang gut: Man nehme ein paar eingefrorene Öl-Milliarden, stecke sie in den Wiederaufbau - und schon bald würde sich das Land erholen. Das war der Hintergedanke jener Aktion, mit der die US-Regierung kurz nach der Irak-Invasion 2003 Berge von Hundert-Dollar-Scheinen ins Zweistromland brachte. Per Luftfracht, verstaut in Jutesäcken.

Das Problem: Wo genau die insgesamt rund 20 Milliarden US-Dollar anschließend landeten, interessierte die Amerikaner offenbar nur am Rande. Der US-Kongress hat über die Jahre lange Listen erstellt, wie die Hilfen verschwendet wurden oder in irakischen Ministerien und Subunternehmen versickerten. Und ein Teil der Luftlieferung, rund 6,6 Milliarden Dollar, wird seither gänzlich vermisst. Eine stattliche Summe.

Möglicherweise, so berichten jetzt mehrere US-Medien, werden die verschwundenen Milliarden nie wieder gefunden. Stuart Bowen, der als US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau im Irak seit Jahren versucht, die Gelder aufzuspüren, hält einen schlichten Raub inzwischen nicht für ausgeschlossen. Möglicherweise handele es sich bei den fehlenden 6,6 Milliarden Dollar um "den größten Kapital-Diebstahl in der nationalen Geschichte", sagte Bowen der "Los Angeles Times".

"Das System war 2003 und 2004 zu locker und unreguliert"

Zugleich übte Bowen scharfe Kritik am damaligen Umgang mit den Finanzen. Das Geld sei "nicht korrekt abgerechnet" worden, zitiert ihn der Fernsehsender "CNN". Schuld daran seien vor allem zu laxe Kontrollregeln gewesen. "Das System war 2003 und 2004 zu locker und unreguliert", so Bowen. Die eingeflogenen Milliarden, der Bürgerkrieg und ständig wechselnde Minister und Ministerialbeamte hätten in Bagdad zu jener Zeit eine Art "Wild-West-"Atmosphäre entstehen lassen. Man kenne jedenfalls etliche Beispiele, in denen Interim-Minister Geld entwendet hätten.

Die Milliarden-Lücke ist nur eine von vielen bizarren Geschichten, die der Irak-Krieg hervorgebracht hat. Aber eine, die noch Folgen haben könnte, auch für die bilateralen Beziehungen. Seit längerem schon streiten Washington und Bagdad über die Frage, wer damals den Fluss der Hilfsgelder hätte kontrollieren müssen. Während die US-Regierung die irakischen Behörden in der Verantwortung sieht, ist die Regierung in Bagdad der festen Überzeugung, die US-Zivilverwaltung hätte die Milliarden sichern müssen.

Es ist eine wichtige Frage. Denn klar ist, dass die US-Regierung damals nicht mit eigenem Geld um die Welt flog. Vielmehr waren die Milliarden einem Fonds der New Yorker Notenbank entnommen, der für die Uno seinerzeit die irakischen Öleinnahmen verwaltete, die die Regierung unter Saddam Hussein aufgrund der internationalen Sanktionen nicht selbst verwenden durfte.

Müssen die USA Entschädigungszahlungen leisten?

Nun hätten die Iraker das Geld, das nie ankam, gerne zurück. Irakische Offizielle haben Bowen laut "CNN" bereits angekündigt, notfalls vor Gericht die fehlenden Milliarden zu erstreiten. Es könnte also für die amerikanischen Steuerzahler, die bereits mehr als 60 Milliarden Dollar für den irakischen Wiederaufbau bereitgestellt haben, noch teurer werden.

Das scheint auch im US-Kongress angekommen zu sein. Henry Waxman, der einst den Ausschuss zur Kontrolle der Regierung leitete und noch immer ein einflussreicher Demokrat im Repräsentantenhaus ist, hält Entschädigungszahlungen jedenfalls nicht für ausgeschlossen. "Tatsache ist, dass die Uno den Vereinigten Staaten sagte: 'Ihr seid jetzt betraut mit dem Geld, ihr habt eine treuhänderische Verantwortung dafür, dass das irakische Volk zu seinen Gunsten mit dem Geld umgeht'", sagt Waxman. Doch jetzt könne man ein paar Milliarden nicht nachweisen.

Gut möglich, dass die Amerikaner deshalb schon bald einen neuen Scheck nach Bagdad schicken müssen. Eine Aussicht, die Waxman offensichtlich frustriert. Er sagt: "Der Kongress ist nicht gerade scharf darauf, Milliarden von unserem Geld auszugeben, um irakische Milliarden zu ersetzen, die wir nicht dokumentieren und offenbar nicht finden können."

US-Generalinspekteur Bowen hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Milliarden doch noch zu finden. Er hat eine neue Runde an Nachforschungen ausgerufen. "Unsere Aufgabe als Bilanzprüfer ist es, herauszufinden, wie das Geld benutzt, ob es verschwendet oder missbräuchlich verwendet wurde", sagt er.

vme



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
eastbayray 16.06.2011
1. Danke George Wanker
Ich bin gespannt wann hier der erste Beitrag auftaucht indem Obama beschuldigt wird die Kohle geklaut zu haben.
Baracke Osama, 16.06.2011
2. --
Zitat von sysopEs ist ein grotesker Fall: Kurz nach Beginn des Irak-Kriegs flog die US-Regierung Berge von Bargeld nach Bagdad, um den Wiederaufbau zu finanzieren - doch sechs Milliarden*Dollar kamen nie an. Nun*müssen die Vereinigten Staaten die Summe*womöglich ersetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768580,00.html
Die irakischen Polit-Rädchen müssen auch gut geschmiert sein.
Willie, 16.06.2011
3. -
"...Gut möglich, dass die Amerikaner deshalb schon bald einen neuen Scheck nach Bagdad schicken müssen...." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768580,00.html Einen "neuen Scheck"? Wieso nun auf einmal einen Scheck ausstellen?
Dornröschen2 16.06.2011
4. Jetzt versteh' ich das!
Das ist eine geniale Strategie Steuergelder zu klauen anstatt sich schmieren und erwischen zu lassen - einfach irgendwo einen Krieg machen, die gesamte Infrastruktur und Kommunikation zerbomben, damit kein Mensch nachvollziehen kann wie 1-2 Maschinen mit Geld abgezweigt wurden und wo sie überhaupt gelandet sind ... Anscheinend sind aber die 6 Milliarden bereits verbraucht, und nun will man die nächste Sendung schicken, diesmal nach Bengasi!
festuca 16.06.2011
5. Größter Coup aller Zeiten
Na da hat sich aber jemand unsterblich blamiert. Da klaut jemand über 6,5 Mrd. Dollar und keiner merkt es. Fehlt nur noch, dass die ganze Kohle bei Osama und Co. gelandet ist. Muhuhuhuah...
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