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US-Militär: Army und Marines verpflichten verstärkt Kriminelle

Die Kriege in Afghanistan und im Irak fordern ihren Tribut: Weil die US-Armee aufgestockt werden muss, hat die Rekrutierung von Kriminellen deutlich zugenommen. Bei der Army stieg deren Anteil sogar um ein Viertel.

Washington - Passen können diese Zahlen niemandem in Washington. Aber sie sind nicht zu leugnen, weil es sich dabei um Daten des Verteidigungsministerium handelt: Jene Armee, die im Auftrag des Weißen Hauses in Afghanistan und im Irak für die Durchsetzung der Demokratie kämpfen soll, setzt sich zunehmend aus Kriminellen, oft sogar Verbrechern zusammen. Dies berichten sowohl CNN als auch die "Washington Post". Bei der Army, dem mit Abstand größten Teil der US-Streitkräfte, wurden 2007 sogar ein Viertel mehr Soldaten mit krimineller Vergangenheit rekrutiert als im Jahr zuvor.

US-Soldat in Bagdad: Karrierechancen für Kriminelle bei Army und Marines
REUTERS

US-Soldat in Bagdad: Karrierechancen für Kriminelle bei Army und Marines

Waren es 2006 noch 8129 Soldaten mit sogenannten "conduct waivers", wurden den Pentagon-Zahlen zufolge im vergangenen Jahr bereits 10.258 Rekruten mit entsprechenden Hintergrund in die Army aufgenommen. Bei den US-Marines stieg der Anteil von 16.969 auf 17.413. Allerdings gelten diese "conduct waivers" für alle in der Vergangenheit Verurteilten - von Verkehrssündern bis Schwerverbrechern.

Den größten Anteil an dem Zuwachs nehmen bei der Army Rekruten ein, die nicht eben wegen kleinerer Vergehen mit dem Gesetz in Konflikt gerieten - ihre Zahl verdoppelte sich von 249 auf 511: Sie wurden wegen vorsätzlicher Körperverletzung oder schweren Diebstahls verurteilt. Bei den Marines stieg dieser Anteil um ein gutes Drittel von 208 auf 350. Ein Sprecher wies gegenüber CNN allerdings darauf hin, dass bestimmte Verbrechen auch weiterhin als Ausschlusskriterium für die Rekrutierung gelten, beispielsweise Sexualverbrechen oder Drogenhandel.

"Der klare Anstieg des Rekrutierens von Personen mit krimineller Vergangenheit ist das Ergebnis der Belastung des Militärs durch den Irak-Krieg", sagt der Abgeordnete Henry A. Waxman. Der Demokrat aus Kalifornien - Vorsitzender des zentralen Untersuchungsausschusses im US-Abgeordnetenhaus - hatte die Pentagon-Zahlen veröffentlichen lassen.

Im Pentagon räumt man ein, dass die neue Praxis bei Army und Marines mit den Kriegen in Afghanistan und dem Irak zu tun hat - da man gleichzeitig bis 2011 diese Teile der Streitkräfte um mehrere zehntausend Soldaten aufstocken will. Dies gestalte sich einmal schwierig wegen der Kriegsverluste, andererseits wegen der damit einhergehenden gesunkenen Attraktivität für eine Karriere als Soldat.

"Wir graben tiefer als bisher", sagte ein Pentagon-Beamter der "Washington Post" zur neuen Rekrutierungspraxis, der allerdings anonym bleiben wollte. "Würde ich gerne sehen, dass wir das restriktiver handhaben? Ja."

Da man das Personal bei Air Force und Navy nicht ausbauen will, habe man entsprechende Probleme dort nicht - darauf weist das Pentagon ausdrücklich hin.

Zudem verweist der Abgeordnete Waxman auch darauf, dass man Kriminellen die Möglichkeit zur Rehabilitierung geben müsse. So sieht man es auch bei der Army: "Die Sache ist, man muss den Leuten die Möglichkeit geben, zu dienen ", sagte Lieutenant General James D. Thurman der "Washington Post".

Der Zeitung zufolge stellt der Anteil an verurteilen Schwerverbrechern allerdings auch nur ein Prozent der Rekruten bei Army und Marines im vergangenen Jahr dar.

Militärexperten sehen die Rekrutierung von Kriminellen dennoch mit Skepsis. Christine Wormuth, Forscherin am "Center for Strategic and International Studies", sagte der Zeitung, "das ist schon ein wichtiger Indikator". Auch wenn es nicht zwingend bedeute, dass Soldaten mit entsprechendem Hintergrund Unheil anrichteten. "Das heißt nicht, es würde 100 zusätzliche Fälle wie in Haditha geben", sagte Wormuth. In Haditha waren im November 2005 mehr als zwei Dutzend Zivilisten von Marines getötet worden.

flo

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