US-Militärs zu Massenvernichtungswaffen "Wir haben nicht gelogen, aber ..."

In der Öffentlichkeit gibt sich US-Präsident Bush weiter zuversichtlich: Früher oder später werde man im Irak Massenvernichtungswaffen finden. Doch selbst führende US-Militärs räumen inzwischen ein, dass die USA aus ganz anderen Gründen in den Krieg zogen als öffentlich angegeben.


Suche nach Chemiewaffen im Irak: Die Erfolgsaussichten werden immer schwächer
REUTERS

Suche nach Chemiewaffen im Irak: Die Erfolgsaussichten werden immer schwächer

Crawford - Die Stimmung war famos, als George W. Bush den australischen Premier John Howard auf seiner Ranch im texanischen Crawford empfing. "Du bist irgendwie wie ein Texaner", lobte der US-Präsident seinen Gast. Die Einladung auf die Bush-Ranch gilt als Zeichen höchster Wertschätzung.

Hinterher gab sich der Präsident in einer Pressekonferenz sicher: Früher oder später würden im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden werden. "Irak hat die Größe von Kalifornien", wusste Bush. "Es gibt Tunnel, Höhlen, alle Arten von Komplexen. Wir werden sie finden, und das ist nur eine Frage der Zeit."

Der Ende April festgenommene ehemalige Vize-Premier des Irak, Tarik Asis, ist auf der Suche nach "Tunneln und Höhlen" offenbar keine große Hilfe. Bush warf ihm mangelnde Kooperation vor. Von Asis hatten sich die USA Informationen über das irakische Programm für biologische und chemische Waffen sowie den Verbleib von Präsident Saddam Hussein erhofft. Bush sagte: "Wir erfahren, dass Tarik Asis immer noch nicht weiß, wie man die Wahrheit sagt. Er wusste nicht, wie man die Wahrheit sagt, als er im Amt war, und er weiß es auch jetzt als Gefangener nicht."

Bush, Howard und Hund Barney in Texas: Zeichen höchster Wertschätzung
REUTERS

Bush, Howard und Hund Barney in Texas: Zeichen höchster Wertschätzung

Zuvor hatte Bush seine Entschlossenheit betont, Bedrohungen gegen die USA notfalls durch Präventivschläge abzuwenden. Der Krieg gegen den Terror gehe auch nach dem amerikanischen Erfolg im Irak weiter, sagte er in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache. Es gebe nach wie vor Terror-Komplotte, und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bleibe eine ernste Gefahr. "Wir werden weiter unsere Feinde jagen und stellen, bevor sie zuschlagen können."

Trotz aller Beteuerungen, die Suche nach Massenvernichtungswaffen gehe weiter: Die Fahndung nach der "Smoking Gun" im Irak blieb bisher erfolglos. Obwohl die US-Regierung keinen Aufwand scheute, danach zu suchen. Hunderte Experten schickte das Pentagon an den Tigris, um einen Beleg für den offiziellen Kriegsgrund zu liefern. Vergangenes Wochenende erklärten die Behörden, dass die Zahl der US-Waffeninspektoren auf 1500 aufgestockt werden soll. Das wären fünfmal so viele Kontrolleure wie Uno-Chefwaffeninspektor Hans Blix zur Verfügung hatte.

Zwar äußern führende US-Militärs im Irak immer noch die Ansicht, sie würden früher oder später fündig. Saddam habe jahrelang Zeit gehabt, die gefährlichen Waffen zu verstecken, doch die Wahrheit werde bald ans Licht kommen.

Doch gleichzeitig mehren sich die Stimmen, die preisgeben, dass die Vernichtung von Massenvernichtungsmitteln und die Furcht davor nicht Hauptkriegsgrund der Bush-Regierung war. Es sei primär darum gegangen, Saddam zu beseitigen. Diese längst bekannte Lesart wird nun durch Regierungsbeamte in Washington stark gemacht.

Die Warnung vor Massenvernichtungswaffen habe vornehmlich dafür gedient, das amerikanische Volk und die internationale Gemeinschaft dazu zu bringen, sich hinter die Kriegsabsichten Bushs zu stellen. In Wirklichkeit sei es dem Weißen Haus darum gegangen, einen Brückenkopf der Demokratie gegen den Terrorismus im Nahen Osten zu errichten. "Wir haben nicht gelogen", sagte ein Beamter gegenüber "ABC's Nightline", "es war eher eine Frage der richtigen Betonung."

Verletzte in Falludscha: Opfer für die Demokratie?
AP/ Kyodo

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Auch der britische Premierminister Tony Blair scheint die Fokussierung auf die Vernichtung der angeblich vorhandenen ABC-Waffen aufzugeben. In einer Pressekonferenz vergangenen Montag erklärte er, das Aufspüren dieser Waffen sei von geringerer Priorität als den Irak zu stabilisieren. Eine Aussage, die Russlands Präsidenten Wladimir Putin zu spöttischen Äußerungen gegenüber Blair veranlasste. Er meinte ironisch, Saddam könnte sich in einem Bunker voller Massenvernichtungsmittel aufhalten und darauf warten, den ganzen Irak in die Luft zu jagen.

Die "Financial Times" zitiert einen führenden Beamten der Bush-Regierung, der nicht genannt werden wollte, mit den Worten: "Ich wäre überrascht, wenn wir waffenfähiges Plutonium oder Uranium finden würden." Er bezeichnete es außerdem als äußerst unwahrscheinlich, dass große Mengen an biologischen oder chemischen Stoffen gefunden würden. Der Beamte ging sogar so weit zu sagen, dass es seiner Regierung nie darum gegangen sei, riesige Waffenarsenale im Irak zu finden. Die USA hätten viel mehr befürchtet, dass Saddams "Team der 1000 Wissenschaftler", so genannte "nukleare Mudschahidin" in Zukunft eine Gefahr darstellen könnten.

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