Trump-Inszenierung in Florida Gipfelkulisse und Kanonendonner

Donald Trumps Intervention in Syrien wirbelt die Weltpolitik durcheinander. Als Oberbefehlshaber will er sich neu erfinden - der Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping gerät zur Nebensache.

AP

Aus Palm Beach berichtet


Sean Spicer ist mürrisch, wie immer. "Keine Kameras", befiehlt der US-Regierungssprecher. Die Reporter protestieren, schließlich hat ein Helfer dreimal das Sternenbanner hinter Spicer glatt gezupft - wofür, wenn nicht fürs Fernsehen? "Keine Kameras", wiederholt Spicer. "Alles ausschalten!"

Der Gartensaal des Strandresorts ist zum Lagezentrum umgebaut: ein Pult mit dem Präsidentensiegel, ein Kulissenvorhang und ganz vorne, in bemühter Zwanglosigkeit, ein Bottich mit Käsebällchen. Von draußen ist Wellenrauschen zu hören, das Krächzen exotischer Vögel.

So vieles ist absurd in diesen dramatischen Tagen. Doch der Zynismus, mit dem das Weiße Haus den Militärschlag gegen Syrien und die Nachbeben inszeniert und damit Trumps Präsidentschaft neu zu erfinden versucht, übersteigt alles.

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Donald Trump und Xi Jinping: Treffen im Schatten des US-Angriffs

Etwa Spicers Auftritt am Freitag in Florida, wo Trump von seinem Privatklub Mar-a-Lago aus den Einsatz kommandiert. Flankiert von Sicherheitsratsmitglied Mike Anton diktiert Spicer den Reportern seinen Spin: "Es gab ziemlich einmütiges Lob für die Entscheidung und das Vorgehen des Präsidenten."

Nur ein Gesicht soll in Erinnerung bleiben

Aber bloß keine Kameras, schließlich soll nur ein Gesicht in Erinnerung bleiben. Nicht das von Spicer - oder Truppenchef Jim Mattis oder Außenminister Rex Tillerson oder Sicherheitsberater Herbert McMaster, die alle ebenfalls vor die Presse treten. Sondern allein das von Donald Trump, Kriegspräsident.

Denn für den hat dieses PR-Theater auch einen dringenden Selbstzweck - Imagepflege. Je mehr die strategische, militärische und geopolitische Weisheit der Syrien-Intervention in Zweifel gerät, desto deutlicher wird das.

Oberbefehlshaber, Feldherr, Vater der Nation: Die letzten Tage füllten Trumps Charisma-Vakuum mit Klischees amerikanischer Heldenanbetung. "Donald Trump ist diese Nacht endlich der Präsident der Vereinigten Staaten geworden", gurrt CNN-Analyst Fareed Zakaria. "Es war ein großer Moment."

Zugleich verdrängt dieser "große Moment" alle vorherigen Krisen. Miserable Umfragewerte, Russland-Absprachen, Einreiseverbot, Gesundheitsreform, schwächelnder Arbeitsmarkt, Machtkämpfe im Weißen Haus: War da was?

Um den präsidialen Reboot am 77. Amtstag zu vermitteln, übt das sonst so chaotische Weiße Haus eine bemerkenswerte Bildregie aus. Die Primetime-Rede im Tea Room, die zischenden "Tomahawks", das Foto aus dem provisorischen Situation Room, selbst Trumps "Air Force One"-Pressekonferenz, bei der im Hintergrund ein "Star-Wars"-Film läuft: Alles scheint gesteuert.

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Selbst die widersprüchliche Mythen du jour: Trump habe "als Vater und Großvater" auf die Bilder des Giftgasangriffs vom Dienstag reagiert, sagen sie. Ach was, sagen sie dann wieder, der Luftschlag sei natürlich eine kühl durchdachte Mission gewesen. Instinkt und Kalkül: Trump kann beides!

72 Stunden nur bis zum Abschussbefehl

Die US-Medien lieben Heldenstorys, vor allem militärische. Auch NBC-Star Brian Williams, ein Ex-Kriegsreporter: "Wunderschöne Bilder", kommentiert er das Pentagon-Video der Marschflugkörper, wie im Golfkrieg 1991. Spicer steuert eine dramatische "Timeline" bei: 72 Stunden und vier Krisensitzungen habe Trump nur gebraucht für seine Entscheidung - vom ersten Geheimdienstbericht über den Giftangriff, den er noch in Washington erhalten habe, bis zum Abschussbefehl in Palm Beach: "Okay, los geht's."

Den gibt Trump, während auf der Terrasse nichtsahnende Klubmitglieder dinieren - und drinnen sein ebenso nichtsahnender Staatsgast, Chinas Präsident Xi Jinping, und dessen Delegation. Die Presse-Briefings erfolgen in einem nahen Hotel, wo sich Gäste in Badehose unter die Reporter mischen.

Aus der Nähe betrachtet platzt die Illusion also schnell. Aus der Ferne könnte es noch etwas dauern. Der Präsident habe sich in "eine der kompliziertesten internationalen Krisen" gestürzt, warnt aber selbst Zakaria. Eine Krise, deren Risiken nun entweder clever reduziert wurden - oder kläglich vervielfältigt.

Und der Gast aus China?

Russland tobt. Das mag Trump daheim zwar nutzen: Kann er sich ja jetzt von Wladimir Putin distanzieren, dessen Einmischung in die US-Wahl als Dauerskandal über ihm hängt. Doch ein politischer Winter mit Moskau könnte die Syrienkrise nur noch eskalieren lassen, statt sie zu befrieden.

China ist vergrätzt. Xis Florida-Gipfel geht unter im Kanonendonner. Zwar belobigen sich beide mit höflichen Plattitüden: "Ein sehr fantastischer Besuch" (Trump); "wir haben lange und tief kommuniziert" (Xi). Dennoch erfährt der Gast erst hinterher vom US-Angriff und reist tags darauf überpünktlich ab, fernab der Kameras.

Auch der US-Kongress windet sich. Zwar stecken viele Abgeordnete in der Patriotenfalle: Militäreinsätze sind schwer zu kritisieren. Doch sie sind womöglich auch verfassungswidrig ohne ihren Segen. Jedenfalls drohen nun neue Debatten über den endlosen Krieg und die Macht des Präsidenten.

Hinzu kommt: Wie oft schon galt der als geläutert? Als einer, der erst am Anspruch reifen würde und nun am Amt? Und wie lange haben diese Befunde gehalten? Auch Trumps Damaskuserlebnis ist demnach suspekt.

insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
dieter 4711 08.04.2017
1. Dann hätte er gleich etwas zu diskutieren
Dann hätte doch gleich mit Xi ein entsprechendes Thema, zu diskutieren.
nahal 08.04.2017
2. Gas
Trump hat den Chemiegasangriff nicht inszeniert. Und exotische Vögel krächzen nicht, sie singen.
caty24 08.04.2017
3. Das Schärfste an den Chinesen ist
sie gucken sich das Kriegs Gedöns aus der Ferne an und lachen sich ins Fäustchen über das primitive Handeln Trumps.Denn er reagierte genau so,wie es die IS erhoffte.
mikaiser 08.04.2017
4. Seltsamer Kommentar
Zitat von nahalTrump hat den Chemiegasangriff nicht inszeniert. Und exotische Vögel krächzen nicht, sie singen.
Sie haben völlig recht, Trump hat den Giftgasangriff nicht inszeniert. Hat auch niemand behauptet. Oder habe ich etwas übersehen?
epiktet2000 08.04.2017
5. Zur Rolle der Chinesen
Welche Schlussfolgerungen werden sie ziehen, wenn sie annehmen, dass dieser Vorgang auch ihnen gegenüber eine Machtdemonstration war? Es darf nicht verwundern, wenn sie ihre Verteidigungsausgaben signifikant erhöhen.
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