US-Pastor in türkischem Hausarrest Erdogans Geiseldiplomatie

Schon heute könnte ein Gericht über den Fall des US-Pastors entscheiden, der seit Oktober 2016 in der Türkei festgehalten wird. Selbst wenn er freikommt - das amerikanisch-türkische Verhältnis dürfte sich kaum verbessern.

Recep Tayyip Erdogan
AFP

Recep Tayyip Erdogan

Von , Istanbul


Ismail Cem Halavurt weiß, was es bedeutet, als Anwalt im Rampenlicht zu stehen. Er hat die Familie des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink vertreten, der 2007 von türkischen Nationalisten in Istanbul erschossen wurde; und den Zirve Verlag in Malataya nach dem Massaker an drei Mitarbeitern durch islamistische Fanatiker.

Halavurts jüngster Fall ist trotzdem mit Abstand sein größter: Er verteidigt den amerikanischen Pastor Andrew Brunson, der seit Oktober 2016 in der Türkei festgehalten wird. Die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan bezichtigt Brunson, die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Sekte des Islamistenpredigers Fethullah Gülen unterstützt zu haben. Brunson habe "Unruhe stiften und Chaos verbreiten" wollen, heißt es in der Anklageschrift, die dem SPIEGEL vorliegt. Fast zwei Jahre saß Brunson im Gefängnis, seit Juli befindet er sich unter Hausarrest.

Andrew Brunson
DPA

Andrew Brunson

Der Fall Brunson hat eine der schwersten Krisen zwischen den USA und der Türkei seit Jahrzehnten verursacht: US-Präsident Donald Trump hat Sanktionen gegen die Türkei verhängt, woraufhin die Lira einbrach. Erdogan erhöhte seinerseits die Zölle auf Importe aus den USA und droht damit, die Nato zu verlassen.

Die türkische Justiz hat bislang keinerlei Beweise für Brunsons Schuld vorgelegt. Sie stützt sich auf die Aussage anonymer Zeugen. Anwalt Halavurt sagt gegenüber dem SPIEGEL, die Vorwürfe gegen seinen Mandaten seien haltlos. "Andrew Brunson hätte nie verhaftet werden dürfen." Einen Antrag Brunsons auf die Aufhebung des Arrests lehnte ein türkisches Gericht am Dienstag ab. Nun liegt der Fall eine Instanz höher. Halavurt rechnet bald mit einer Entscheidung, möglicherweise schon diesen Donnerstag: "Ich bin überzeugt, dass Andrew Brunson freikommt", sagt er.

Ismail Cem Halavurt
REUTERS

Ismail Cem Halavurt

Bislang deutet jedoch wenig darauf hin, dass die türkische Regierung bereit ist, in dem Streit nachzugeben. "Wir sehen uns einer politischen und heimtückischen Verschwörung gegenüber, aber so Gott will, werden wir auch diese überwinden", sagt Erdogan. Sein Berater Burhan Kuzu verstieg sich zu der Aussage, der Dollar sei eine Erfindung amerikanischer Zionisten. Die regierungsnahe Zeitung "Sabah" schreibt von einem "Putsch Trumps gegen das türkische Volk". Sie kündigte auf Twitter an, Twitter aus Protest gegen die USA künftig zu boykottieren.

Umgekehrt scheint auch Trumps Geduld mit Erdogan aufgebraucht. Laut Medienberichten bereitet die US-Regierung bereits weitere Sanktionen gegen die Türkei vor, die sich unter anderem gegen Turkish Airlines richten könnten.

Video: Reaktionen auf Sanktionen - Erdogan will US-Elektronik boykottieren

Selbst wenn Brunson am Donnerstag freikommen sollte, dürfte das die amerikanisch-türkischen Beziehungen nur bedingt verbessern. "Das Vertrauen ist auf beiden Seiten weg", sagt der türkische Ex-Diplomat Sinan Ülgen. Die Krise zwischen Washington und Ankara reicht tief: Beide Länder streiten über die Strategie im Syrienkrieg, über die Hintergründe des Putschversuchs in der Türkei, über den Ankauf russischer Raketen durch die Türkei.

Erdogan sieht sich bereits nach neuen Partnern um. Er empfing am Mittwoch den Emir von Katar, der prompt versprach, 15 Milliarden Euro in der Türkei zu investieren. Auch auf die Europäer geht Erdogan plötzlich wieder zu. Er telefonierte am Mittwoch mit Kanzlerin Angela Merkel. Für Donnerstag ist ein Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geplant.

Am Dienstag kamen zwei griechische Soldaten nach fast einem halben Jahr aus türkischer Untersuchungshaft frei, einen Tag später Taner Kilic, der Ehrenvorsitzende von Amnesty International in der Türkei. Da in der Türkei Gerichte nur noch selten unabhängige Urteile treffen, dürften beide Entscheidungen ein bewusstes Signal der Entspannung an die Europäer sein.

Die Fälle der Soldaten und des Amnesty-Aktivisten entblößten den kontraproduktiven Charakter von Erdogans "Geiseldiplomatie", urteilt Nicholas Danforth, Analyst am Bipartisan Policy Center in Washington. "Du entlässt die einen Gefangenen, um den diplomatischen Schaden zu begrenzen, den du durch die Verhaftung der anderen angerichtet hast."

Mitarbeit: Eren Caylan

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helmut.alt 16.08.2018
1. Geiseldiplomatie ist der treffende Ausdruck
für die Politik, die Erdogan praktiziert. Unschuldige Menschen (z.B. Yücel oder Brunson) unter einem Vorwand festnehmen und dann versuchen andere Nationen (z.B. Deutschland oder die USA) zu erpressen. Dies sind Verbrechermethoden und eines Politikers unwürdig.
miklo.velca 16.08.2018
2. Erdogan wird ihn freilassen
Brunson wird freigelassen und Erdogan wird heimlich bei den USA und Trump schleimen, wie auch bei Putin. Dann sagt Cavusoglu wahrscheinlich wieder so was wie: "Mein echter Freund Pompeo" und Pompeo: "Mein warmer Freund Cavusoglu". Dann ist alles wieder vergessen und es wird Waffen und Geld regnen. Von wegen Boykott von amerikanischer Elektronik. F35 Kampfjets für die "Befreiung" Nordsyriens und Nordirak gibt es wahrscheinlich sogar geschenkt (wenn nicht, bezahlt das gerne die EU). Erdogan Die Erdogan Anhänger feiern das dann als Sieg gegen die USA. Genauso lässt sich Merkel und die EU um die Nase führen. Same sh*t different day.
Markus Dicks 16.08.2018
3. ...wenn Merkel Trump ...
hier in den Rücken fällt - was Sie ja bereits durch den Staatsbesuch - deutlich zum Ausdruck bringt, sollte Sie nicht unterschätzen, daß die ganz grosse Mehrheit der Deutschen (auch hier!) gegen Sie steht. Erdogan ist und bleibt ein Diktator, und gegen solche Diktatoren muss man mit eindeutigen Mitteln handeln. Trump liegt hier 100% richtig, gerade auch nach den Aussagen, seines Rechtsanwaltes, dass in diesem Fall überhaupt keine Beweise vorliegen.
mickey66 16.08.2018
4. Einbruch der türkischen Lira nach Sanktionen?
"US-Präsident Donald Trump hat Sanktionen gegen die Türkei verhängt, woraufhin die Lira einbrach". Diese Aussage in Ihrem Artikel ist schlich falsch. Den Einbruch der Lira hat schon Herr Erdogan selbst zu verschulden. Die nachgewiesenermaßen falschen Aussagen zur Stabilisierung und Reduzierung der Inflation und v.a. die verlorengegangene Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank haben viele Investoren abgeschreckt. Investoren wollen Vertrauen in ihr Investment, in die Wirtschaft des Landes und in die Politik des Landes! Die irrationalen und widersprüchlichen Massnahmen Erdogans sind komplett kontraproduktiv. Das Land ist gelähmt, weil unzählige Stellen in der Administration landesweit unbesetzt sind nach dem Massenentlassungen. Nein, nein, den Einbruch der türkischen Lira hat einzig und allein Herr Erdogan zu verantworten. Mit der Zeit werden das auch die Menschen merken, dann helfen ihm auch seine "alternativen Fakten" nichts mehr.
iasi 16.08.2018
5. Katar - neue Verbündete?
Die Türkei stand zu Katar, als deren Nachbarn es mit Sanktionen belegte. Neu ist dieses Bündnis also nicht. Die USA sind nun eben konsequent und stellen sich klar gegen die türkischen Entscheidungen, die immer häufiger Konflikpotential bieten. Die Medien wiederum kennen wie üblich nur Schwarz und Weiß, wo es um die Suche nach Einigungen geht. Die EU hat nun Vorteile bei Verhandlungen mit der Türkei. Hoffentlich nutzen M&M diese Gelegenheit.
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