US-Präsident Donald Trump Der Fern-Seher

Vier Stunden täglich verbringt der US-Präsident vor der Glotze, manchmal auch acht. Daraus leitet Trump seine Politik ab. In einer opulenten Recherche versuchte die "New York Times", sich dem Geheimnis seiner Macht zu nähern.

US-Präsident Donald Trump
REUTERS

US-Präsident Donald Trump

Von


Fast ein Jahr ist Donald Trump nun Präsident. Wenig ist ihm seither gelungen. Doch hat er das Amt stärker verändert als jeder seiner Vorgänger. Sein Stil bleibt der verbale Affront gegen den politischen Gegner, aber auch gegen die Parteigänger im eigenen Lager. Trotzdem ist der Rückhalt, den er zu Beginn seiner Amtszeit im Repräsentantenhaus und im Senat besaß, nicht geschrumpft. Selbst Entscheidungen wie die zur Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem,die den Nahen Osten in Brand zu setzen droht, bleiben innenpolitisch ohne Folgen.

Die Hoffnungen seiner Gegner, dass Trumps Regentschaft nach nur wenigen Monaten endet, haben sich längst zerschlagen. Weder sind bislang genügend Beweise für ein Amtsenthebungsverfahren zutage gefördert worden, noch hat Trump die Lust an dem stressigen Job verloren. Nicht wenige Experten richten sich nun auf eine regulär endende Amtszeit ein, einige befürchten sogar, dass Trump dann noch einmal antreten wird - und die Chancen auf eine Wiederwahl gar nicht so gering sind.

Dabei rätseln politische Beobachter immer noch, was das Geheimnis seines Erfolges ist. Welche Werkzeuge der Macht nutzt der einstige Immobilien-Hai und Star einer Hire-and-fire-Show, um sein Präsidentenamt trotz aller Ausfälle und Eskapaden zu behaupten? Kann es wirklich sein, dass die Mittel so schlicht sind wie immer wieder kolportiert?

Banaler Alltag

Fragen, die auch die Reporter der "New York Times" umtrieben, als sie versuchten, sich der Persönlichkeit Trumps zu nähern. Rund 60 Berater, Vertraute, Freunde und politische Mitstreiter und Gegner haben sie befragt und dabei eine Vielzahl von Details zusammengetragen, die Aufschluss darüber geben, wie der Mann tickt, der da im Weißen Haus sitzt. Herausgekommen ist die Beschreibung eines Tagesablaufs im Leben des mächtigsten Mannes der Welt, erschreckend banal, schlicht im Ablauf - und in der Denkweise.

Fotostrecke

7  Bilder
Russlandaffäre: Ein Treffen hier, eine Lüge da

Es entsteht das Bild einer Persönlichkeit, die von der fixen Idee getrieben ist, dass links-liberale politische Gegner, Fernsehsender und Zeitungen nichts anderes im Sinn hätten, als das Ergebnis der Wahl zu unterminieren. "Trump ist tief überzeugt davon, dass sie ihn zerstören wollen", erklärt der republikanische Kongressabgeordnete Lindsey Graham der "NYT". Das Problem sei, dass er noch immer tief im Wahlkampf-Modus stecke, obwohl er längst handeln müsste wie ein Präsident.

Ein Präsident, so stellt man sich vor, nutzt die Informationen seiner Administration. Experten in den Fachabteilungen der Ministerien, die Fakten und Einschätzungen zu außen- und innenpolitischen Themen zusammentragen, oder zu Fragen der Finanzen oder Entwicklungen der Wirtschaft. Ganz wichtig sind auch die Dossiers, die Geheimdienste und Militärs erstellen. Auch die Medien sind von Bedeutung, weil sie oft aus anderer Perspektive berichten und ein Echo aus der Öffentlichkeit liefern.

Fernsehen als Informationsquelle

Trump dagegen scheint das Fernsehen als wichtigste Informationsquelle zu nutzen. Wie Personen aus seinem engsten Umfeld berichten, laufen die großen Nachrichtensender mindestens vier Stunden pro Tag, häufig auch mehr als doppelt so lang. Die Bildschirme blieben auch während der Konferenzen in Betrieb, wenn auch ohne Ton. Favoriten sind CNN (für die Nachrichten), die Frühstücks-Show "Fox & Friends" bei Fox News (für die Selbstvergewisserung) und MSNBCs (Trump-kritische) Morgensendung "Morning Joe" (um sich Munition für kämpferische Tweets zu holen)

Die Tweets haben es nach wie vor in sich, daran hat auch der neue Stabschef im Weißen Haus, John F. Kelly, nichts ändern können. Dessen Methode, Trumps Umtriebigkeit zu bremsen, sei eher subversiv, berichten Kenner der Szene dem Blatt. Er bemühe sich einfach, den Terminkalender des Präsidenten so dicht zu füllen, dass für dessen Ausfälle im Telegrammstil keine Zeit mehr bleibe. Dass die Strategie nur zeitweise Erfolg habe, liege daran, dass ein Mann wie Trump sich eben nicht vollständig kontrollieren lasse.

Dabei habe der Präsident, so berichten es Zeugen, seinem wichtigsten Berater bereits so viel Macht zugestanden, wie keiner anderen Person zuvor. Kelly kontrolliere Anrufe, Besucherlisten und den Informationsfluss aus den Ministerien sowieso. Die beiden telefonierten regelmäßig mehr als ein Dutzend Mal pro Tag zu jeder erdenklichen Stunde. Mal gehe es um den Terminkalender, mal um politische Fragen.

Einflussreicher Berater

Eine Episode, von der ein Zeuge berichtet, belegt den Einfluss Kellys besonders eindrücklich: Sie beschreibt ein Treffen von Trump und einem seiner Berater im vergangenen Herbst, den er seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Zuerst habe Trump eine Rechtfertigung gefordert, wieso dieser sich so lange nicht habe blicken lassen. Er habe aber sofort das Interesse verloren, als er erfuhr, dass Kelly den Mann nicht mehr vorgelassen habe. Trump habe auch hingenommen, dass sein Stabschef seinen ehemals engsten Vertrauten Keith Schiller aus dem Amt drängte. Der ehemalige New Yorker Polizist war zuvor viele Jahre Trumps rechte Hand - die beiden seien fast wie Brüder mit einander umgegangen, erzählen Insider.

Seit Kelly die Geschicke im Weißen Haus organisiere, gehe es dort wesentlich weniger chaotisch zu, zitiert die "NYT" einen anderen Interviewpartner. Doch eine politische Strategie, die das Handeln des Präsidenten bestimmt, habe auch der Viersternegeneral nicht implantieren können. Trump agiere weiterhin impulsiv und folge der Agenda, die die großen Nachrichtensender vorgeben. In den vergangenen Wochen ging es dort viel um die Russland-Verstrickungen seines Wahlkampfteams. Prominente frühere Mitarbeiter wie Sicherheitsberater Michael Flynn, Kampagnen-Manager Paul Manaford oder der schillernde Rechtsaußen George Papadopoulos hatten sich zur Zusammenarbeit mit Sonderermittler Robert Mueller bereit erklärt.

Die Diskussionen Trumps mit seinem Stab über die Frage, wie er darauf reagieren könne, hätten viel Zeit in Anspruch genommen. Für die Berater seien solche Momente immer schwierig, weil der Präsident nur in Maßen Kritik vertrage.

Alles in allem entsteht das Bild eines Präsidenten, der auch nach einem Jahr immer noch nicht willens oder in der Lage ist, die Realitäten im politischen Gefüge Washingtons zu akzeptieren. Die Nachrichten im Fernsehen, kurze Briefings statt der Lektüre umfangreicher Dossiers und die Einflüsterungen des engsten Kreises bestimmten die Entscheidungsfindung. Grautöne gebe es nicht, nur Schwarz-Weiß. In seiner Weltsicht bestärken lasse er sich anschließend in Telefonaten mit ehemaligen Gefährten wie Corey Lewandowski, Stephen Bannon oder konservativen Kongressabgeordneten wie Mark Meadows aus North Carolina.

mik



insgesamt 124 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
winterwoods 10.12.2017
1. Der wahre Grund
Der wahre Grund seiner Macht liegt einzig in Euch. Ja, in Euch, liebe Presseschaffenden. Weil ihr einen Narren an ihm gefressen habt. Erst und nur die Medien haben ihn groß gemacht, neben seinem Reichtums-Bonus-per-Geburt natürlich. Normalerweise klicke ich schon lange auf keinen (der täglichen!) Trump-Artikel mehr. Und ich bin mir ganz sicher, dass es vielen ähnlich geht. Da ist kein Mysterium, kein Rätsel des Universums.
bold_ 10.12.2017
2. Dieser Artikel macht endgültig klar,
wie einfach der Mann gestrickt ist. Er achtet genau darauf, daß es zu keinen gefährlichen Tweeds kommt - https://de.wikipedia.org /wiki/Tweed_(Gewebe) --> die werden umgehend von ihm niedergetwittert!
EinInteressierterBuerger 10.12.2017
3. Botschaftsverlegung
Sehr geehrter Autor, Sie scheinen in Ihrem ersten Absatz zu übersehen, dass das amerikanische Parlament bereits seit den 90ziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine solche Verlegung fordert und dies bisher nur von jedem Präsidenten alle 6 Monate durch eine Unterschrift blockiert wurde. (die Letzte Forderung im Senat war mMn mit 90 Ja-Stimmen im Sommer diesen Jahres) Warum sollte ihm dies also jemand ankreiden?
joe.micoud 10.12.2017
4.
Wäre alles nicht weiter schlimm, wenn es nicht dad wichtigste Amt überhaupt wäre..
ambulans 10.12.2017
5. dass
sich donald the great für "informationszwecke" ausgerechnet >CCN(!), the grandmother of all evil (fake news!) reinzieht - nun, das hat schon was: isser schlichweg einfach nur blöd - oder doch eher durchtrieben? übrigens: beides - nützt ihm nix ... dr. ambulans (alle kassen)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.