US-Präsident in Singapur Bushs Kampf um Asien

Unglücklicher Auftakt zu Bushs Asienreise: In Singapur verlor sich eine groß angekündigte Grundsatzrede in Plattitüden. Nach Vietnam kommt er mit leeren Händen. Und doch bemüht sich der Präsident, den Einfluß der USA in Südostasien nicht völlig an China zu verlieren.

Von Jürgen Kremb, Singapur


Singapur - Ein bisschen Stottern gehört ja dazu, wenn dieser amerikanische Präsident auftritt. "Fünf der vier größten Ölverbraucherländer sind Mitglied der Apec", hob George W. Bush im Kulturzentrum der Nationalen Universität von Singapur (NUS) an. Ach nein, dann hatte er sich auch schon korrigiert. "Vier der fünf größten Ölverbraucherländer" seien das. Das war zwar der einzige Patzer, aber großartig war es nicht, was George W. Bush den Asiaten zu sagen hatte.

Die erste Auslandsreise des amerikanischen Präsidenten nach seiner verheerenden Wahlschlappe von vergangener Woche führte nach Asien. Im Stadtstaat Singapur landete der US-Präsident heute morgen. Am Freitag stattet er Vietnam einen offiziellen Staatsbesuch ab. Der Fast-Verlierer im Kampf gegen den Terror zu Gast also in dem südostasiatischen Land, in dem die USA mit 55.000 toten GIs vor 31 Jahren die wohl schmachvollste Niederlage ihrer Geschichte hinnehmen musste.

Bush ist nicht der erste US-Präsident, der Vietnam nach dem Krieg besucht. Auch Bill Clinton war als aktiver Präsident schon dort. Außerdem gilt Bushs Besuch vor allem dem jährlichen Wirtschaftsforum der 21 Pazifik-Anrainerstaaten (Apec), das am Wochenende erstmals in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi tagt.

Anfänglich war die Versammlung der Staatschefs nicht mehr als ein unbedeutender Debattierclub gewesen. Sie war vor allem dadurch aufgefallen, dass die Politiker beim Abschiedsfoto stets ziemlich lächerlich in den Folkloretrachten des jeweiligen Gastlandes herumstanden.

Aber das hat sich geändert. Längst wird beim Apec-Treffen richtig Politik gemacht. Und zwar vor allem von China. Quasi vor der eigenen Haustür hat sich Peking beim Apec-Treffen längst auch als politische Führungsmacht und nicht mehr nur als Wirtschaftsgroßmacht etabliert, die den USA die Rolle als Nummer Eins streitig macht. Die Zeit, in der sich Washington auf den Schlachtfeldern des Terrorkampfes in Irak und Afghanistan verhedderte, nutzte China blendend, um sich als Taktgeber auf der politischen Bühne östlich von Kalkutta Respekt zu verschaffen.

Gerade Südostasiens Politiker beschweren sich in letzter Zeit mehr oder minder offen darüber, dass der demokratische Schutzpatron und große Bruder USA den asiatischen Kontinent und seine treuen Verbündeten in dieser Weltgegend schwer vernachlässige.

Enttäuschung nach der Bush-Rede

Die Fakten sprechen für sich. Burma ist längst zu einer Art Vasallenstaat Chinas verkommen, mit der chinesischen Währung Renminbi in vielen Landesteilen als akzeptiertes Zahlungsmittel und chinesischen Militärberatern im Land. Das ehemals streng anti-kommunistische Indonesien, mit seinen knapp 240 Millionen Einwohnern zudem die größte muslimische Nation, unterhält mit Peking zumindest genauso gute Beziehungen wie mit Washington. Im ehemaligen Indochina, den Ländern Kambodscha, Laos und Vietnam hat die Stimme Pekings ohnehin längst mehr Gewicht als die Washingtons. Und selbst im pazifischen Ministaat Osttimor gibt es Gerüchte, dass an den blutigen Unruhen vom Sommer die chinesische Botschaft nicht unbeteiligt war. Der geschasste Premier Mari Allkatiri jedenfalls zog sich mehrmals auf das Gelände der Botschaft zurück, als er von seinem demokratischen Gegner bedrängt wurde.

Dieser Entwicklung ist man sich in Washington auch längst bewusst. Und so hatte die US-Administration vor dem Singapur-Besuch von Präsident Bush angedeutet, er werde eine programmatische Rede zu den Beziehungen zwischen Asien und den USA halten. Bush sagte dann vor 500 geladenen Gästen allerdings fast nur Enttäuschendes.

Es ging nicht um eine neue Rolle der USA in Asien, sondern um gemeinsame Seuchenbekämpfung bei der Vogelgrippe oder der Sars-Seuche und wie die Apec-Länder ihre Abhängigkeit vom Öl reduzieren könnten. Im Bereich der Politik blieb es bei Allgemeinplätzen und den üblichen Sprechblasen aus der Worthülsenküche des George W. Bush.

Etwa: "Wir werden garantieren, dass die Kräfte der Freiheit und Zurückhaltung in dieser Region sich gegen die Kräfte des Terrors und Extremismus verteidigen können." Lediglich zum Thema Nordkorea wurde Bush ungewöhnlich deutlich.

Er erinnerte noch einmal daran, dass eine mögliche Weitergabe von nuklearer Technologie Pjöngjangs an extremistische Organisationen nicht akzeptiert werden könne. Das Ziel amerikanischer Politik sei eine nuklearwaffenfreie koreanische Halbinsel. Diplomaten gehen davon aus, dass während des Apec-Treffens eine Wiederaufnahme der so genannten Sechsparteien-Gespräche mit Pjöngjang festgezurrt wird.

China gibt längst den Ton an

Wer dort, wie überall sonst in Ostasien, längst den Ton angibt, zeigt sich schon vor dem Eintreffen von Bush in Hanoi. Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao ist zwar nur einer von insgesamt fünf Staatschefs, der den Apec-Gipfel zu einem offiziellen Staatbesuch in Vietnam nutzt. Als Führer von Asiens zukünftiger Führungsmacht hat Hu von dem südlichen Nachbarn Vietnam längst Sonderbehandlung verlangt. So forderte er von der vietnamesischen Parteiführung, dass bei seiner Anreise ein Menschenspalier ganz in kommunistischer Manier am Straßenrand aufgebaut werde, das ihn frenetisch grüße. Zudem hätten zu einem Staatsbankett beim KP-Generalsekretär Nong Duc Manh sämtliche Mitglieder des vietnamesischen Politbüros zu erscheinen.

Bush hatte da schon vor seiner Ankunft in Hanoi viel schlechtere Karten. Das vor der Reise abgegebene Versprechen, dass Vietnam die Meistbegünstigungsklausel im Handel mit den USA erhalte - ein Status, der die 84 Millionen Vietnamesen im Handel mit den USA mit anderen Staaten gleichstellen würde - schmetterte das amerikanische Repräsentantenhaus kurz vor der Abreise des US-Präsident ab. Jetzt kommt Bush mit leeren Händen zum Erzfeind, mit dem er eigentlich gut Freund sein wollte.



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