Obamas Rede zu Trayvon Martin Der Präsident ganz persönlich

Endlich hielt er sie also, die Rede über Rassismus, auf die Schwarze in Amerika gewartet haben: US-Präsident Barack Obama hat mit sehr persönlichen Worten Stellung zum Fall Trayvon Martin genommen - und eigene demütigende Alltagserfahrungen geschildert.

Von , Washington


Es ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Zeitpunkt. Freitagnachmittag im Weißen Haus, die letzte Pressekonferenz der Woche, draußen brütende Hitze, viel ist nicht zu erwarten. Doch zur Überraschung der Journalisten betritt der Präsident den Raum, schnell räumt Sprecher Jay Carney die kleine Bühne mit dem White-House-Logo im Hintergrund.

In den nächsten 20 Minuten wird Geschichte geschrieben.

Denn erstmals seit Übernahme der Präsidentschaft äußert sich Barack Obama ausführlich zur Benachteiligung von Afroamerikanern im modernen Amerika; zu den Konflikten zwischen Schwarz und Weiß, die so oft Tabuthema sind.

"Historische Ungleichbehandlung"

Das waren sie ja auch für den Präsidenten, fünf Jahre hat er mehr oder weniger geschwiegen. Nicht Präsident des schwarzen Amerika, sondern Präsident ganz Amerikas wolle er sein - das hielt er Kritikern stets entgegen, die eine große Rede zu Hautfarbe und Ungleichheit einforderten (Lesen Sie hier ausführlich über Obamas jahrelange Zurückhaltung.).

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Urteil im Fall Trayvon Martin: Proteste gegen Freispruch
Seitdem aber am vergangenen Wochenende eine Jury im Prozess um den Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin dem weißen Schützen George Zimmerman Selbstverteidigung attestiert und ihn für "nicht schuldig" befunden hat, ist der Druck auf den Präsidenten Tag für Tag gewachsen - und offenbar auch der Wunsch bei Obama selbst, Stellung zu beziehen.

So setzt er jetzt mit dem Vergleich an, den er vor mehr als einem Jahr schon einmal gezogen hatte, allerdings zuckte er damals vor Grundsätzlicherem zurück: Wenn er einen Sohn hätte, so Obama damals, dann sähe der so aus wie Trayvon Martin. An diesem Freitag leitet Obama daraus seinen zentralen Satz ab:

"Um das auf andere Weise zu sagen: Vor 35 Jahren hätte ich Trayvon Martin sein können."

Er wolle sich nicht zum konkreten Fall äußern, nicht juristisch argumentieren, stellt Obama klar. Die Jury habe gesprochen, so funktioniere das System nun einmal. Ihm geht es jetzt um den "Kontext" des Urteils; um den Blickwinkel, aus dem es Afroamerikaner erlebten. Ihnen sei die "historische Ungleichbehandlung" im Justizsystem weiterhin präsent. Und viele Schwarze seien es gewohnt, wegen ihrer Hautfarbe besonders beobachtet zu werden. Auch er selbst kenne das:

"Es gibt nur sehr wenige afroamerikanische Männer in diesem Land, denen man noch nicht im Kaufhaus gefolgt wäre. Auch mir ist das passiert. Es gibt nur sehr wenige afroamerikanische Männer, die es noch nicht erlebt haben, dass sie über die Straße gehen und hören, wie die Autoschlösser klicken. Auch das ist mir passiert - zumindest bevor ich Senator wurde. Es gibt nur sehr wenige Afroamerikaner, die noch nicht die Erfahrung gemacht haben, in einen Fahrstuhl zu steigen und zu bemerken, wie die Frau gegenüber nervös ihre Handtasche umklammert. Das passiert oft."

Das sind starke Momente. Obama spricht frei, ohne Teleprompter. Die Umgebung mag nicht recht passen - der kleine Pressekonferenzraum, der Freitagnachmittag - doch Barack Obama sagt hier Grundsätzliches, wie er es zu diesem Thema nur wenige Male getan hat, bevor er Präsident wurde: Da ist seine Autobiografie "Dreams from my Father", die er vor bald 20 Jahren veröffentlichte und in der er den Kampf um seine Identität als Schwarzer beschreibt. Dann die große (Verteidigungs-)Rede im Wahlkampf 2008 zu den Konflikten und Vorurteilen zwischen Schwarz und Weiß, nachdem antiamerikanische Äußerungen seines damaligen Pastors Jeremiah Wright die Präsidentschaftskandidatur gefährdet hatten.

Aussöhnung Amerikas mit sich selbst

In all diesen Fällen ging Obama wohlvorbereitet an die Öffentlichkeit. Es waren ausgefeilte, lang bedachte Bemerkungen. An diesem Freitag dagegen wirkt alles improvisierter, persönlicher. Und stärker.

Obama verstand sich bisher als Präsident, der jenseits der alten Kämpfe steht, als "post racial", wie sie in Amerika sagen. Seine Wahl sollte auch Symbol sein für die Aussöhnung des Landes: Obama, Sohn eines Schwarzen aus Kenia und einer Weißen aus Kansas. Allein seine Wahl, so hofften sie im Team Obama, würde den Wandel in Amerika beflügeln.

So hat sich Barack Obama lange zurückgehalten. Er hat sich auf anderen Feldern zu Wort gemeldet, mehr Rechte und Gleichbehandlung für andere Minderheiten eingefordert: für die Homosexuellen, für die Latinos. Die afroamerikanische Community hat das registriert - und auf ihren Moment gewartet. Seit diesem Freitag ist Obama nun endlich auch ihr Präsident.

Nun glaubt er zwar weiterhin noch an den Wandel und findet die Belege bei seinen Töchtern:

"Wir sollten nicht vergessen, dass die Dinge sich verbessern. Jede Generation scheint Fortschritte zu machen, verändert die Einstellungen beim Thema Rasse. Wenn ich mit Malia und Sasha rede, wenn ich ihren Freunden zuhöre und ihren Umgang miteinander sehe, dann merke ich, dass sie bei diesen Themen schon weiter sind als wir."

Aber er sagt eben auch, all dies bedeute noch lange nicht, dass die US-Gesellschaft "post racial" sei. Amerika wartet weiter auf den Wandel.

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Seite 1
Montanabear 20.07.2013
1. Miserabel !
Zitat von sysopAFPEndlich hielt er sie also, die Rede über Rassismus, auf die Schwarze in Amerika gewartet haben: Der US-Präsident hat mit sehr persönlichen Worten Stellung zum Fall Trayvon Martin genommen - und demütigende Alltagserfahrungen geschildert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-aeussert-sich-zu-trayvon-martin-fall-und-hautfarbe-a-912156.html
Ich finde das miserabel ! Obama ist Präsident für alle Amerikaner, warum dieses unstatemanlike Seelenstriptease ? Rassismus beginnt dann, wenn man ihn "schwarz" nennt, obwohl er halb weiss ist.
Schleswig 20.07.2013
2. xxx
Zitat von sysopAFPEndlich hielt er sie also, die Rede über Rassismus, auf die Schwarze in Amerika gewartet haben: Der US-Präsident hat mit sehr persönlichen Worten Stellung zum Fall Trayvon Martin genommen - und demütigende Alltagserfahrungen geschildert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-aeussert-sich-zu-trayvon-martin-fall-und-hautfarbe-a-912156.html
Herr Obama geriert sich als das was er ist, und das was er sein will - als Präsident der schwarzen Amerikaner. Wie sonst sind solche Äußerungen zu einem fast unbedeutenden, lokalen Prozess zu verstehen, in dem er sich schon früh einseitig auf die Seite des schwarzen Angreifers stelle, und Fakten völlig ignorierte. Anscheinend zieht er seine schwarzen Brüder die extrem Überproportional am Bevölkerungsanteil in den Gefängnissen ein sitzen als Märtyrer.
observerlbg 20.07.2013
3. Ja, diese Rede kam spät....
Zitat von sysopAFPEndlich hielt er sie also, die Rede über Rassismus, auf die Schwarze in Amerika gewartet haben: Der US-Präsident hat mit sehr persönlichen Worten Stellung zum Fall Trayvon Martin genommen - und demütigende Alltagserfahrungen geschildert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-aeussert-sich-zu-trayvon-martin-fall-und-hautfarbe-a-912156.html
aber sie kam. Nur es zeigt sich wieder: Obama ist ein Redner. Seinen Reden folgen keine Taten. Daran wird er sich immer messen müssen. Und das bleibt, wenn er geht.
nonymus2013 20.07.2013
4. Big in America
Doch ein großer Mann, dieser Obama. Diese Worte können die Zeit verändern.
ordnungsamt 20.07.2013
5. hätte wäre könnte
Abgesehen davon dass er wahre Dinge beschreibt, ist er momentan eher ein Zimmerman dieser Welt als ein Trayvon. Er erschiesst weltweit "verdächtige" Leute aus sicherer Entfernung in "Notwehr" und im Namen der Sicherheit. Seine Worte jetzt sind richtig und schön, aber nur die halbe Wahrheit. In Realität ist er, weltweit gesehen, eher Zimmerman als Trayvon.
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