06. Juni 2012, 12:04 Uhr

Angeschlagener US-Präsident Obama

Messias a.D.

Von Sebastian Fischer, Washington

Kann der blasse Mitt Romney den einstigen Polit-Star Barack Obama tatsächlich schlagen? Eine bittere Niederlage in der Provinz, miese Umfragewerte und der dümpelnde US-Arbeitsmarkt zeigen: Ab jetzt ist alles möglich im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.

Es war doch eigentlich ein entspannter Tag für Barack Obama. Ein paar Gespräche mit seinen Beratern, ein Anruf beim britischen Premierminister, ein Glückwunschvideo für die Queen anlässlich ihres 60. Thronjubiläums. Soweit. Aber gegen zehn Uhr abends machte dem mächtigsten Mann der Welt ein Kerl namens Scott Walker aus Wisconsin eine Menge Ärger.

Denn Walker, Gouverneur dieses Bundestaates im Mittleren Westen, überstand den Versuch der Demokraten, ihn nach nur knapp eineinhalb Jahren im Amt abzuberufen. Hintergrund: Der 44-jährige Rechtsaußen-Republikaner strich den Haushalt des verschuldeten Landes massiv zusammen und versuchte, den Gewerkschaften das Recht zu nehmen, Tarifverträge zu verhandeln. Eine Kampfansage an die Linke. Die sammelte Unterschriften, Walker musste sich am Dienstag einem sogenannten "Recall" stellen. Am Ende lag er mit rund 54 zu 46 Prozent vor seinem demokratischen Herausforderer Tom Barrett.

Spenden sammeln, Klinken putzen

Das Ganze ist mehr als ein Scharmützel in der Provinz. Der Kampf zwischen Walker und Barrett ist ein Stellvertreterkrieg. Tatsächlich ging es sehr wohl um den US-Präsidenten und seinen Herausforderer Mitt Romney. "HALLELUJAH!!!!!!!!!! GOD BLESS WISCONSIN!!!!!!!", twitterte die Publizistin und Republikaner-Sirene Ann Coulter nach Walkers stellvertretendem Sieg.

Zwar hielten sich sowohl Romney als auch Obama während des Wahlkampfs öffentlich zurück, der Präsident etwa zeigte sich nicht ein einziges Mal in Wisconsin. Doch war klar: Demokraten und Republikaner wollten mit Blick auf die Präsidentschaftswahl im November jeweils beweisen, dass sie den wichtigen Wechselwähler-Staat Wisconsin gewinnen können. Mehr als 60 Millionen Dollar sind in den Kampf um den 5,7-Millionen-Einwohner-Staat geflossen - das entspricht in etwa jener Summe, die CDU und SPD im Bundestagswahlkampf 2009 eingesetzt haben - zusammen.

Beide Lager testeten ihre Strategien: Die Republikaner konnten auf die Unterstützung von Großspendern und Lobbygruppen rechnen, rund 46 Millionen Dollar standen ihnen zur Verfügung - gegen nur 18 Millionen auf Seiten Barretts. Demokraten und Gewerkschafter versuchten es dagegen mit dem direkten Kontakt, klopften an wohl mehr als drei Millionen Türen und machten ebensoviele Anrufe.

Das ist die Strategie, mit der Obama gegen Romney siegen will. Anders als vor vier Jahren in der Auseinandersetzung mit Gegenkandidat John McCain wird der Präsident den Geschäftsmann Romney beim Spendenaufkommen wohl kaum weit hinter sich lassen können. Seit Monaten sammeln formell unabhängige, konservative SuperPACs Million um Million ein, um Romney gegen Obama zu munitionieren.

Also setzen die Demokraten jetzt wieder auf die Graswurzelbewegung. "Darauf kommt es an bei dieser wirklich knappen Entscheidung", bereitet Obamas Wahlkampfmanager Jim Messina die Anhänger per Videobotschaft auf einen heißen Herbst vor. Man werde jetzt "die ausgeklügelste Graswurzel-Kampagne machen, die dieses Land jemals gesehen hat".

Romney auf dem Vormarsch

Das ist auch bitter nötig. Denn Obama rutscht Woche für Woche tiefer in die Krise. Im Romney-Lager scheinen sie jetzt erstmals und ganz ernsthaft selbst damit zu rechnen, den einstigen Polit-Messias nach nur einer Amtszeit aus dem Weißen Haus jagen zu können. Wer hätte das noch vor einigen Monaten gedacht, als sich die Republikaner diesen skurrilen Kampf um die Präsidentschaftskandidatur lieferten? Im Vorbeigehen sammelte Romney am Dienstagabend noch Vorwahl-Siege in Kalifornien, Montana, New Jersey, New Mexico und South Dakota ein.

Da kann es nur ein schmaler Trost sein für Obama, dass ihm eine CNN-Umfrage an den Wahllokalen von Wisconsin 54 Prozent bescherte, Romney dagegen nur 42 Prozent. Längst ist Romney, der so blasse und roboterhaft wirkende Kandidat ohne klare Kante, auf dem Vormarsch. Die Umfragen sehen jetzt mal Obama, mal ihn vorn. Da dreht sich was. Für den Präsidenten stehen alle Indikatoren auf Sturm.

Vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Der Mann im Weißen Haus bekommt die Lage einfach nicht in den Griff. Letzten Freitag gab es erneut miese Zahlen: Nur 69.000 neue Jobs im Mai, weit unter den Erwartungen. Die Arbeitslosenquote ist damit auf 8,2 Prozent gestiegen. Noch nie wurde ein US-Präsident wiedergewählt, wenn diese Quote über 7,2 Prozent lag. "Hope" und "Change" hatte Obama 2008 versprochen. Jetzt wünscht er sich vor allem noch ein bisschen Hoffnung.

Romney seinerseits hat den Präsidenten jetzt in jener Ecke, in der er ihn immer haben wollte. Er ist überhaupt nur angetreten, weil er glaubte, Obama mit einem Wirtschaftswahlkampf schlagen zu können. In allen anderen Bereichen, das war offenbar auch dem stets Karohemden tragenden Ex-Gouverneur aus Massachusetts klar, hätte er kaum Chancen gegen den Amtsinhaber.

Soziale Gerechtigkeit? Zieht nicht richtig

Obamas Leute haben Romneys Stärke in den vergangenen Wochen zu neutralisieren versucht, sie haben Attacken auf die Vergangenheit des Kandidaten in der Private-Equity-Firma Bain Capital gefahren, ihn als Wiedergänger von Gordon Gekko zu zeichnen gesucht - jenes skrupellosen Finanzhais aus dem Oliver-Stone-Filmklassiker "Wall Street". Sie haben auf einen recht europäisch anmutenden Wahlkampf in Sachen sozialer Gerechtigkeit gesetzt. Es sei "nicht der Job des Präsidenten", den Profit Einzelner zu maximieren, ätzte Obama gegen Romney.

Doch seine Themen ziehen nicht richtig. Romneys Zahlen fallen nicht. Sie steigen. "Der Kandidat, der 2008 für Hoffnung stand, entwickelt sich 2012 zum Kandidaten der Angst", kommentierte das "New York Magazine" die ständigen Warnungen Obamas vor einer Präsidentschaft Romneys.

Was tun? In US-Medien diskutieren sie die möglichen Parallelen zu früheren Wahlen. Die einen sehen Obama in der Rolle des glücklosen Jimmy Carter, der 1980 nach nur einer Amtszeit im Weißen Haus an Ronald Reagan scheiterte. Weil die Wirtschaft nicht lief, weil Carter außenpolitisch als schwach galt. Aber passt das Modell Carter wirklich auf Obama? Auf jenen Präsidenten, der sich wie keiner seiner Vorgänger der Jagd auf Terroristen verschrieben hat, der mit zunehmender Frequenz die Anführer von al-Qaida per Drohnenschlag ausschaltet? Nicht wirklich.

Andere meinen, es sei wie bei George W. Bush gegen John F. Kerry im Jahr 2004. Bush sei angeschlagen gewesen durch den Irak-Krieg, aber Kerry, der Patrizier aus Massachusetts, habe dennoch gegen den kumpeligen Amtsinhaber verloren. Der steife Romney kommt bekanntlich ebenfalls aus Massachusetts. Kann das Obama helfen? Naja. Und E.J. Dionne meint in der "Washington Post" unter der Überschrift "Mach' ihnen die Hölle heiß, Barry!", Obama müsse sich im Stile von Harry Truman anno 1948 eine noch schärfere Auseinandersetzung mit Romney und Co. liefern.

Truman, Carter, Bush? Alles anders, am Ende heißt es: Obama gegen Romney. Und ab jetzt ist alles möglich.


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