Obamas Wahlkampf: Gesucht: jung und weiblich

Von , Washington

Präsident Obama muss um seine wichtigsten Wähler fürchten: die Frauen und die Jungen, die ihn 2008 ins Weiße Haus trugen. Damals gewann er mit einem Versprechen. Heute liefert er sich mit Herausforderer Romney einen Schmutzwahlkampf - und irritiert damit die beiden Gruppen.

Wie wählt man den US-Präsidenten? Die Wahlbehörde der US-Hauptstadt verteilt derzeit eine 50-Seiten-Broschüre: Ganz hinten ist ein Muster-Wahlzettel drin, da kann man das Abstimmen üben: den Kreis nicht ankreuzen, sondern ausfüllen. Knapp und schnörkellos stellen sich die Kandidaten dem Wähler vor: "Ich bewerbe mich um die Präsidentschaft, weil ich an Amerika und die Prinzipien glaube, die es florierend und frei gemacht haben", schreibt Mitt Romney. Und Barack Obama möchte gern, dass "harte Arbeit, Verantwortung, Fairness" wieder was gelten. Prinzipien, harte Arbeit, Amerika. Sauber.

Die Realität sieht so aus: Beide Kandidaten liefern sich einen zunehmend derben, schmutzigen Wahlkampf. Obama, der seinen Rivalen auch persönlich so gar nicht schätzt, hat Romney nach den Erfahrungen in drei TV-Duellen als "Dummschwätzer" klassifiziert. Im Gegenzug hat der Romney-Vertraute John Sununu die Unterstützung des republikanischen Ex-Außenministers Colin Powell für Obama mit dessen schwarzer Hautfarbe in Beziehung gesetzt: Wenn man sich Powell anschaue, dann müsse man sich fragen, "ob das eine Unterstützung ist, die auf Themen basiert oder ob er einen anderen Grund dafür hat, Präsident Obama vorzuziehen". Powell gilt im rechten Lager als Verräter.

So fühlt es sich an, das amerikanische Reizklima keine zwei Wochen vor der Wahl. Und weil das Rennen so eng ist wie seit dem Jahr 2000 (Gore vs. Bush) nicht mehr, hetzen die Kandidaten Tag für Tag durch die Swing States, fliegen kreuz und quer durch die USA. Auf der Suche nach dem einen, am Ende vielleicht entscheidenden Wahlkreis. Und zugleich stets im Kampf um die vielleicht entscheidende Zielgruppe.

Für den Präsidenten sind das die Latinos, die Frauen, die Jungen. Bei letzteren beiden hat er in jüngster Zeit einige Schwierigkeiten, der vermeintliche Mitte-Kurs seines Rivalen scheint anzukommen. So lag Obama noch im September mit 16 Prozentpunkten bei den Wählerinnen vorn; nun steht es laut AP-Umfrage 47 zu 47 Prozent. Unentschieden.

Team Obama hofft jetzt auf den Mourdock-Effekt im Wahlkampf-Endspurt.

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Wahl-Ratgeber: So stimmt man ab!
Richard Mourdock ist jener Kandidat für den US-Senat, der zu Wochenanfang erklärte, dass selbst die Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung "ein Geschenk Gottes" sei. Damit steht er nicht allein bei den Republikanern, auch Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan lehnte vor seiner Nominierung Schwangerschaftsabbrüche prinzipiell ab. Und Romney? Der lässt Ausnahmen gelten - Vergewaltigung, Inzest, Leben der Frau - zieht aber die Werbespots, in denen er die Wahl Mourdocks empfiehlt, nicht zurück. Klar ist: Die direkte oder indirekte Erwähnung des Mannes Mourdock gehört in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl zum Standardprogramm des Präsidenten.

Problemfall Jugend

Während die unter 30-Jährigen vor vier Jahren zu seinem Wahlsieg entscheidend beitrugen - sie stimmten mit 66 zu 32 Prozent für ihn - fällt es Obama in diesem Jahr schwer, diese Gruppe zu motivieren: Zwar liegt er derzeit 19 Punkte vor Romney, doch haben sich laut Pew Reasearch Center nur 50 Prozent der Jungen als Wähler registriert (2008: 61 Prozent).

Zeit für Obamas Zielgruppen-Programm. Am Freitagnachmittag trat er bei MTV auf, antwortete 30 Minuten live auf Fragen, die Jungwähler vorher einreichen konnten. "Glückwunsch", schmeichelte der Moderator seiner und Obamas Zielgruppe: "Ihr seid 45 Millionen, einer der größten Wahlblöcke im Land."

Genau deshalb lässt sich Obama im Weißen Haus ein paar Fragen vorlesen. Es sind gute Fragen, sie handeln von der Arbeitslosigkeit, vom Klimawandel, von Waffengewalt. Obama hat die Leute von MTV natürlich nicht eingeladen, um diese Dinge in Ruhe zu erörtern. Sondern um Wahlwerbung zu machen. Und so verpuffen all die schön ausgedachten Fragen.

Arbeitslosigkeit? Da rattert Obama die Fortschritte der vergangenen vier Jahre runter, die gerettete Autoindustrie, die stabilisierte Finanzwirtschaft und - auch dies wird irgendwie untergebracht - dass er den Krieg im Irak beendet hat. "Das ist alles auf barackobama.com nachzulesen", sagt er. "Das ist nachzulesen", repetiert der MTV-Mann.

Obama redet und redet und macht keine Zusagen. Gleichgeschlechtliche Ehe? Ja, unterstütze er sehr, sei aber Sache der Staaten. Schärfere Waffengesetze? Man müsse die Ursachen der Gewalt bekämpfen, den Kindern in schwierigen Vierteln Hoffnung geben. Der vom Präsidenten höchstselbst vernachlässigte Klimawandel? Gegner Romney hinterfrage ja übrigens die These, dass die Sache menschengemacht sei, bemerkt Obama. Und dann, der Höhepunkt: Wie den American Dream auch für die Jungen sichern? Da redet der Mann, der gerade den Jungen 2008 Hope und Change versprochen hatte, über Studiengebühren, verschuldete Absolventen, gute Verdienstmöglichkeiten im späteren Leben und dass mancher auch zwei statt vier Jahre zur Uni gehen könne.

Inspiration geht anders. Der Schmutzwahlkampf ist bezeichnend, er irritiert gerade die Jüngeren, gerade die Frauen. Obama gewann einst mit einem Versprechen, jetzt setzt er auf Romney-Abschreckung. Der Polit-Messias a.D. verkauft heute Realität und will - zack, zack - Botschaften unterbringen.

Die Sendung endet wie die 50-seitige-Wahlbroschüre: "Seien Sie bereit zu Wahl!", heißt es in dem Ratgeber. Der MTV-Kollege sagt: Egal was, Hauptsache wählen. Und an Obama gerichtet: "Stimmen Sie zu?" Darauf aber spult der Präsident einfach noch mal ein Drei-Minuten-Plädoyer gegen Romney ab.

Er hat es nötig.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Wie die Zeiten sich ändern.
sorata 27.10.2012
Vielleicht geht es anderen hier und vielen in Amerika auch wie mir, dem es inzwischen völlig egal ist, wer von diesen beiden Marionetten die Wahl nun gewinnt, bzw. auserkoren wurde, sie gewinnen zu dürfen. Irgendwie finde ich die 4 Jahre von Obama noch schlimmer, als die Bush-Jahre, nach denen es noch Hoffnung gab, die aber von Obama genommen wurde. Obama hat für alle klar und deutlich gemacht, wie sicher sich die Oligarchie in den USA bezüglich ihrer Pfründe und den von ihnen ausgewählten Politikern sein darf. Die Zeit für "Change" gibt es nicht mehr.
2. Tauschangebot
pförtner 27.10.2012
Obama ist ein amerikanischer Präsident, dass heißt, er muss die Intressen von Amerika vertreten. Da er aber kein Monarch bzw. Alleinherrscher ist, braucht er für das was er umsetzen möchte, auch die Zustimmung der Opposition. Ich bin überzeugt er möchte den Frieden auf der Welt verwirklichen, statt dessen muss er den Einsatz von Drohnen genehmigen. Hierbei nicht schizophren zu werden,ist an sich schon eine beachtliche Leistung. Darüberhinaus hat er das amerikanische Krankensystem zum Wohl des Volkes revoltiert! Gerne würde ich ihn zum Präsidenten haben und Frau Merkel dafür abgeben!
3. Obama, Lichtgestalt und Friedenfürst der europäischen JournalistInnen
EchoRomeo 27.10.2012
wird wohl in vierzehn Tagen zur Randnotiz der Geschichte. Zieht man von der Berichterstattung den "gefühlten ermittenen Gesichtsverlust" der Autoren und Berichterstatter ab, dann wird er das Weiße Haus wohl räumen müssen. Selten ein US-Prädsident, der mit soviel internationalen Vertrauensvorschuß ins Amt geschrieben wurde und der dann so kläglich endete. Für die Amerikaner war Obama ein mißglücktes Experiment. Wann das nächste ins Haus steht ist sehr ungewiss.
4.
djkl 27.10.2012
Zitat von sysopPräsident Obama muss um seine wichtigsten Wähler fürchten: die Frauen und die Jungen, die ihn 2008 ins Weiße Haus trugen. Damals gewann er mit einem Versprechen. Heute liefert er sich mit Herausforderer Romney einen Schmutzwahlkampf - und irritiert damit die beiden Gruppen. US-Präsident Obama kämpft bei der Wahl um Junge und Frauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-kaempft-bei-der-wahl-um-junge-und-frauen-a-863737.html)
Nein! Er lügt uns etwas vor. Obama kommt aus Illinois,dem Bundesstaat mit der zweit höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in den Usa. Das bedeutet der Staat Illinois gibt jährlich Unsummen aus,da denkt man sich doch er müsste die besten Straßen und Schulen des Landes haben. Nichts ist der Fall,denn das Geld wird für Sozialprogramme verschwendet,bleibt in ineffektiven Behörden Stecken und geht an die wenigen Staatsbedienstete,die Unsummen an Pensionen erhalten,deshalb Mitt Romney for president.
5.
djkl 27.10.2012
Zitat von sysopPräsident Obama muss um seine wichtigsten Wähler fürchten: die Frauen und die Jungen, die ihn 2008 ins Weiße Haus trugen. Damals gewann er mit einem Versprechen. Heute liefert er sich mit Herausforderer Romney einen Schmutzwahlkampf - und irritiert damit die beiden Gruppen. US-Präsident Obama kämpft bei der Wahl um Junge und Frauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-kaempft-bei-der-wahl-um-junge-und-frauen-a-863737.html)
Mitt Romney hat gute Chancen,denn Obamas Unterstützung bei Weißen ist auf ein Rekordtief gefallen,außerdemm ist voter enthusiasm bei Republikanern 25% höher als 2008,während viele Junge und Schwarze diesmal zu Hause bleiben werde. Es wird trotzdem sehr knapp.
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Blog zur US-Wahl 2012
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    Es wird spannend, noch wenige Wochen bis zur Präsidentschaftswahl in den USA: Wer macht das Rennen - Barack Obama oder Mitt Romney? Unsere Korrespondenten Sebastian Fischer (rechts), 34, und Marc Pitzke, 49, berichten in diesem Wahl-Blog im wöchentlichen Wechsel aus Washington D.C., New York und von unterwegs über das Großereignis.


Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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