Von Sebastian Fischer, Washington
Wie wählt man den US-Präsidenten? Die Wahlbehörde der US-Hauptstadt verteilt derzeit eine 50-Seiten-Broschüre: Ganz hinten ist ein Muster-Wahlzettel drin, da kann man das Abstimmen üben: den Kreis nicht ankreuzen, sondern ausfüllen. Knapp und schnörkellos stellen sich die Kandidaten dem Wähler vor: "Ich bewerbe mich um die Präsidentschaft, weil ich an Amerika und die Prinzipien glaube, die es florierend und frei gemacht haben", schreibt Mitt Romney. Und Barack Obama möchte gern, dass "harte Arbeit, Verantwortung, Fairness" wieder was gelten. Prinzipien, harte Arbeit, Amerika. Sauber.
Die Realität sieht so aus: Beide Kandidaten liefern sich einen zunehmend derben, schmutzigen Wahlkampf. Obama, der seinen Rivalen auch persönlich so gar nicht schätzt, hat Romney nach den Erfahrungen in drei TV-Duellen als "Dummschwätzer" klassifiziert. Im Gegenzug hat der Romney-Vertraute John Sununu die Unterstützung des republikanischen Ex-Außenministers Colin Powell für Obama mit dessen schwarzer Hautfarbe in Beziehung gesetzt: Wenn man sich Powell anschaue, dann müsse man sich fragen, "ob das eine Unterstützung ist, die auf Themen basiert oder ob er einen anderen Grund dafür hat, Präsident Obama vorzuziehen". Powell gilt im rechten Lager als Verräter.
So fühlt es sich an, das amerikanische Reizklima keine zwei Wochen vor der Wahl. Und weil das Rennen so eng ist wie seit dem Jahr 2000 (Gore vs. Bush) nicht mehr, hetzen die Kandidaten Tag für Tag durch die Swing States, fliegen kreuz und quer durch die USA. Auf der Suche nach dem einen, am Ende vielleicht entscheidenden Wahlkreis. Und zugleich stets im Kampf um die vielleicht entscheidende Zielgruppe.
Für den Präsidenten sind das die Latinos, die Frauen, die Jungen. Bei letzteren beiden hat er in jüngster Zeit einige Schwierigkeiten, der vermeintliche Mitte-Kurs seines Rivalen scheint anzukommen. So lag Obama noch im September mit 16 Prozentpunkten bei den Wählerinnen vorn; nun steht es laut AP-Umfrage 47 zu 47 Prozent. Unentschieden.
Team Obama hofft jetzt auf den Mourdock-Effekt im Wahlkampf-Endspurt.
Problemfall Jugend
Während die unter 30-Jährigen vor vier Jahren zu seinem Wahlsieg entscheidend beitrugen - sie stimmten mit 66 zu 32 Prozent für ihn - fällt es Obama in diesem Jahr schwer, diese Gruppe zu motivieren: Zwar liegt er derzeit 19 Punkte vor Romney, doch haben sich laut Pew Reasearch Center nur 50 Prozent der Jungen als Wähler registriert (2008: 61 Prozent).
Zeit für Obamas Zielgruppen-Programm. Am Freitagnachmittag trat er bei MTV auf, antwortete 30 Minuten live auf Fragen, die Jungwähler vorher einreichen konnten. "Glückwunsch", schmeichelte der Moderator seiner und Obamas Zielgruppe: "Ihr seid 45 Millionen, einer der größten Wahlblöcke im Land."
Genau deshalb lässt sich Obama im Weißen Haus ein paar Fragen vorlesen. Es sind gute Fragen, sie handeln von der Arbeitslosigkeit, vom Klimawandel, von Waffengewalt. Obama hat die Leute von MTV natürlich nicht eingeladen, um diese Dinge in Ruhe zu erörtern. Sondern um Wahlwerbung zu machen. Und so verpuffen all die schön ausgedachten Fragen.
Arbeitslosigkeit? Da rattert Obama die Fortschritte der vergangenen vier Jahre runter, die gerettete Autoindustrie, die stabilisierte Finanzwirtschaft und - auch dies wird irgendwie untergebracht - dass er den Krieg im Irak beendet hat. "Das ist alles auf barackobama.com nachzulesen", sagt er. "Das ist nachzulesen", repetiert der MTV-Mann.
Obama redet und redet und macht keine Zusagen. Gleichgeschlechtliche Ehe? Ja, unterstütze er sehr, sei aber Sache der Staaten. Schärfere Waffengesetze? Man müsse die Ursachen der Gewalt bekämpfen, den Kindern in schwierigen Vierteln Hoffnung geben. Der vom Präsidenten höchstselbst vernachlässigte Klimawandel? Gegner Romney hinterfrage ja übrigens die These, dass die Sache menschengemacht sei, bemerkt Obama. Und dann, der Höhepunkt: Wie den American Dream auch für die Jungen sichern? Da redet der Mann, der gerade den Jungen 2008 Hope und Change versprochen hatte, über Studiengebühren, verschuldete Absolventen, gute Verdienstmöglichkeiten im späteren Leben und dass mancher auch zwei statt vier Jahre zur Uni gehen könne.
Inspiration geht anders. Der Schmutzwahlkampf ist bezeichnend, er irritiert gerade die Jüngeren, gerade die Frauen. Obama gewann einst mit einem Versprechen, jetzt setzt er auf Romney-Abschreckung. Der Polit-Messias a.D. verkauft heute Realität und will - zack, zack - Botschaften unterbringen.
Die Sendung endet wie die 50-seitige-Wahlbroschüre: "Seien Sie bereit zu Wahl!", heißt es in dem Ratgeber. Der MTV-Kollege sagt: Egal was, Hauptsache wählen. Und an Obama gerichtet: "Stimmen Sie zu?" Darauf aber spult der Präsident einfach noch mal ein Drei-Minuten-Plädoyer gegen Romney ab.
Er hat es nötig.
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