Telefonat Obama-Rohani "Have a good day, Mr. President"

"Ich habe gerade mit Präsident Rohani am Telefon gesprochen": Diese historische Mitteilung von US-Präsident Barack Obama lässt auf eine Einigung im Atomstreit hoffen. Bleibt die Frage: Wie ernst meint es der iranische Staatschef?

Von , Washington


Im Umfeld Barack Obamas hatten sie anfangs auf einen Handschlag mit Irans neuem Präsidenten Hassan Rohani gesetzt. Irgendwo am Rande der Uno-Generaldebatte in New York. Es wäre ein Symbol gewesen dafür, dass es beide Seiten ernst meinen mit der Entspannung. Es kam nicht dazu. Wegen der "eigenen Dynamik zu Hause" sei ein solches Zusammentreffen für Rohani wohl "zu kompliziert" gewesen, hieß es später aus dem Weißen Haus. Rohani selbst machte deutlich, dass es möglicherweise zu früh sei für solch eine Geste.

Am Freitag gegen halb drei Uhr nachmittags aber, als Rohani auf dem Weg zum Flughafen war, da kam es in New York doch noch zum Symbol: Kein Handschlag zwar, aber ein gut 15 minütiges Telefonat beider Präsidenten. Es war der erste Kontakt zweier Staatschefs auf dieser Ebene seit Irans islamistischer Revolution 1979.

"Ich habe gerade mit Präsident Rohani am Telefon gesprochen", teilte Obama in einer Ansprache am Abend mit. Noch gebe es "bedeutende Hindernisse" für die Verhandlungen im Atomstreit, ein Erfolg sei keineswegs garantiert. Aber, setzte Obama hinzu, "ich glaube, dass wir eine umfassende Lösung finden können." Rohani seinerseits meldete sich über seinen englischsprachigen Twitter-Account zu Wort: In dem Telefonat habe man sich des gegenseitigen Willens versichert, "das Atom-Thema schnell zu lösen". Obama habe ihm eine "sichere und gute Reise" gewünscht und sich für das große Verkehrsaufkommen in New York entschuldigt. Er, Rohani, habe seine Dankbarkeit für die Gastfreundschaft und den Anruf ausgedrückt und sich dann verabschiedet: "Have a good day, Mr. President." Rohani sprach diesen letzten Satz auf Englisch, Obama seinerseits verabschiedete sich auf Farsi.

Mit diesem Gespräch findet die Woche der Annäherung zwischen Iran und den USA ihren Höhepunkt. Am Dienstag machten beide Politiker in ihren jeweiligen Reden vor der Uno-Generalversammlung erste Schritte aufeinander zu. Obama stellte klar: Erstens strebe Amerika keinen Regimewechsel in Teheran an; zweitens habe Iran das Recht auf ein friedliches Nuklearprogramm. Rohani wiederum erklärte sich zu sofortigen Gesprächen über das Atomprogramm bereit, Massenvernichtungswaffen hätten keinen Platz in Irans Sicherheitsdoktrin.

Kann man dem Kurswechsel trauen?

Am nächsten Tag strahlte CNN ein Interview mit Rohani aus, dessen Schlagzeile lautete: "Irans Präsident leugnet den Holocaust nicht." Eine wichtige Botschaft, hatte doch Vorgänger Ahmadinedschad den Holocaust bestritten. Parallel gingen die von den fünf Vetomächten des Uno-Sicherheitsrats plus Deutschland geführten Atomgespräche mit Iran voran, dort trafen erstmals die Außenminister der USA und Irans aufeinander. Noch so ein Symbol. Man vereinbarte, die Verhandlungen Mitte Oktober in Genf fortzusetzen.

Fortschritt also, einerseits. Andererseits stellte sich die Frage, wie weit man dem mutmaßlich neuen Kurs Irans trauen darf. Hat Rohani tatsächlich die Rückendeckung des religiösen Führers und eigentlichem Staatsoberhaupt Ali Chamenei? Immerhin, der Ajatollah hatte im Vorfeld des Uno-Treffens vielsagend von "heroischer Flexibilität" gesprochen.

Doch warum kam es dann nicht zum Handschlag? Und auch das CNN-Interview schien bei den Hardlinern daheim in Teheran für Verstörung zu sorgen. Plötzlich war umstritten, was Rohani genau gesagt hatte: "Der Holocaust fand statt", fasste es eine CNN-Moderatorin zusammen. Doch diesen Satz hatte er so nicht geäußert; vielmehr sprach er von einem "Verbrechen", das "verwerflich und verdammenswert" sei. Hinzu kam, dass die CNN-Dolmetscherin die fraglichen Passagen leicht anders übersetzte als die iranische Nachrichtenagentur Fars, die CNN sofort "Fälschung" vorwarf.

Hackerangriff auf US-Marine

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Freitagstelefonat an Bedeutung: Rohani demonstrierte mit dem direkten Kontakt zum bisherigen Erzfeind seine Eigenständigkeit. Er machte klar, dass er Prokura aus Teheran hat. Das Gespräch ersetzt den Handschlag. Man habe von den Iranern am Freitag Signale bekommen, dass Rohani mit Obama sprechen wolle, noch bevor er New York verlasse, hieß es aus dem Umfeld des US-Präsidenten.

Für Obama, der eben noch kurz vor einem ungewissen Militärschlag gegen Syrien stand und seit fünf Jahren in Sachen Iran nicht vorankam, hat die Woche von New York somit neue Hoffnungen gebracht: Mit Russland haben sich die Amerikaner auf eine Syrien-Resolution im Uno-Sicherheitsrat geeinigt - wenn auch zu russischen Bedingungen - und mit Iran besteht jetzt der direkte Kontakt, zu dem sich Obama, anders als Vorgänger George W. Bush ("Achse des Bösen"), bereits zu Beginn seiner ersten Amtszeit bereit erklärt hatte: Er werde auch Staaten wie Iran die Hand ausstrecken, wenn sie bereit seien, die Faust zu öffnen, hatte er 2009 erklärt.

Es wird jetzt abzuwarten sein, wie ernst Iran seine neue Verhandlungsbereitschaft meint. Für Irritation in Washington mag ein Bericht des "Wall Street Journal" sorgen, der just zur Zeit des Telefonats die Runde machte: Demnach soll Iran in den vergangenen Wochen Computer der US-Marine gehackt haben. Die Zeitung, die sich auf Angaben von US-Regierungsbeamten berief, sprach von einer "Eskalation iranischer Cybereingriffe", die das US-Militär im Visier hätten. Die Angriffe seien von Hackern ausgegangen, die direkt für die iranische Regierung arbeiteten, oder von einer Gruppe, die mit Zustimmung der iranischen Führung gehandelt habe, wurden die US-Beamten zitiert. Demnach war das gehackte Computernetzwerk aber nicht geheim. Die Beamten glaubten nicht, dass Informationen von bedeutendem Wert gestohlen worden seien.

Wie sagte Obama nach seinem Telefonat? Die Aufgaben seien groß. Schließlich unterstreiche ja die Tatsache, dass Präsidenten beider Staaten erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten wieder miteinander gesprochen hätten, zugleich das "tiefe Misstrauen" zwischen den Ländern sowie die Aussicht auf Fortschritt.

Mitarbeit: Marc Pitzke

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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 28.09.2013
1. Zweite Frage...
Wie ernst meint es Obama?
EvilGenius 28.09.2013
2. Die falsche Frage
---Zitat--- Bleibt die Frage: Wie ernst meint es das iranische Staatsoberhaupt? ---Zitatende--- Warum wird immer die Frage nach dem iranischen Präsidenten gestellt? Wenn hier jemand ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, dann doch wohl Obama.
synapsenfasching 28.09.2013
3. Tauwetter?
Man kann dem Iran kaum trauen - und man kann den USA nicht trauen. Obama selbst ist vielfach bloß eine Marionette so mancher "Dienste", die die USA seit Ewigkeiten leiten - ganz gleich, ob ein Demokrat oder Republikaner regiert. Gleichzeitig sind im Iran sicherlich Kräfte am Werk, denen man nicht vertrauen kann. Es wäre schön, wenn weder vom Iran noch von den USA eine neue (alte) Bedrohung ausgehen würde. Doch trauen kann man beiden nicht.
osmanian 28.09.2013
4. iran versucht einzulenken
İran hat die Nahostprojekt der Amis durchschaut und versucht mit minimalen verlust davon zu kommen. Daher ist der Kurswandel normal. Sie haben gemerkt das die Schlinge im Nahost für İran eng wird, besonders wegen der Lage in Syrien. Die nächsten Jahre wird da unten die Post abgehen.
kumi-ori 28.09.2013
5. Ich hoffe, dass jetzt hier bloß niemand einen Fehler macht
Lieber etwas langsamer als zu schnell. Man muss Rohani Zeit lassen, dass sich die neue Linie in Teheran langsam setzt. Und man darf ihn nicht mit Forderungen überfrachten. Vor ein paar Tagen erst hat die israelische Regierung versucht zu provozieren, aber zum Glück nimmt kein Mensch Netanjahu mehr ernst. Wozu allzuviel Druck führt, hat man an Nordkorea gesehen. Kim wurde nur verarscht und jetzt mauert er. Man könnte natürlich auch den Staus quo belassen und ich glaube ohnehinnicht, dass der Iran ernsthaft daran dachte Atomwaffen einzusetzen, aber es könnte immer ein Unfall oder ein Versehen geschehen. Ohne Eskalation ist die Welt einfac ein bischen sicherer und alle sparen viel Geld.
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