US-Präsidentenwahl Das Loch zur Macht

Machtinstrument Locher: Millionen Wähler in den USA werden demnächst wieder Löcher in Papier stanzen und so den nächsten US-Präsidenten bestimmen. Noch längst nicht hat sich der Wahlcomputer in allen Bundesstaaten durchgesetzt. Die Mehrheit setzt auf die Urform des Computers: auf museumsreife Maschinen.

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Bush oder Gore? Ein Blick auf die Wahlkarte half im Jahr 2000 nicht immer weiter
AFP

Bush oder Gore? Ein Blick auf die Wahlkarte half im Jahr 2000 nicht immer weiter

Hamburg - Das Bild vom Mann mit den Glupschaugen, der auf eine Lochkarte schaut, ging vor vier Jahren um die Welt: Genau 36 Tage und Nächte lang hatten Wahlhelfer in Florida Stimmzettel gezählt, mit Lupen untersucht und gegen grelles Neonlicht gehalten.

Am Ende entschied der Oberste Gerichtshof im Dezember 2000: Der Vorsprung des Republikaners George W. Bush von 537 Stimmen gegenüber seinem demokratischen Konkurrenten Al Gore in dem "Sunshine State" ist rechtsgültig. Damit stand fest, dass die 27 Wahlmänner und -frauen Floridas für Bush stimmen würden. Er hatte somit die Mehrheit im Electoral College und wurde 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Problematisch war der Urnengang nicht nur wegen des knappen Vorsprungs (bei sechs Millionen abgegebenen Stimmen in Florida betrug Bushs Vorteil nur 0,008 Prozent), sondern wegen der mehr als 100.000 ungültigen Stimmen. Politische Beobachter fragten sich: War das Absicht oder Folge des offenbar zu komplizierten Abstimmens per Lochkarte?

Florida führt Wahl per Computer ein

Vier Jahre später hat Florida die Stanzerei abgeschafft und ein neues Wahlverfahren per Computer eingeführt. USA-weit werden nun rund 50 Millionen Menschen, etwa ein Drittel aller registrierten Wähler, ihre Stimme digital abgeben. Die große Mehrheit der US-Bürger wird es aber weiterhin auf herkömmlichem Wege tun: entweder per Kreuzchen, durch das Aufschreiben des Namens des favorisierten Kandidaten, durch das Markieren von Kästchen neben den Kandidatenamen - oder eben durch das Ausstechen von Löchern.

 Jedes Loch zählt: Ein Wahlhelfer begutachtet einen Stimmzettel
DPA

Jedes Loch zählt: Ein Wahlhelfer begutachtet einen Stimmzettel

Irgendwie hängt man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer noch an der Lochkarte. Ihre Geschichte begann dort Mitte des 18. Jahrhunderts - und mit ihr die automatisierte Datenspeicherung: Lochkartengesteuerte Webstühle produzierten nun immer wieder die gleichen Stoffmuster, bei Spielorgeln gaben durchlöcherte Streifen oder Platten den Ton an. Der erste Schritt zur elektronischen Informationsverarbeitung war getan.

Ihren Siegeszug trat die Datenspeicherung per Lochkarte mit der amerikanischen Volkszählung im Jahr 1890 an: Der US-amerikanische Unternehmer, Erfinder und Ingenieur Herman Hollerith (1860 bis 1929) hatte ein auf Lochkarten basierendes Verfahren mit Stanz- und Auswertemaschinen entwickelt. Die "Hollerith-Zähl- und Tabelliermaschine" ermöglichte nun eine Auswertung der Volkszählung binnen Wochenfrist. Noch ein Jahrzehnt zuvor hatte sich die Auswertung einer Volkszählung in den USA über Jahre hingezogen.

"Killer-Applikation" des 18. Jahrhunderts

Das Hollerithsche Lochkartenverfahren war ein Vorfahre dessen, was Computer-Experten heute eine "Killer-Applikation" nennen: ein Programm, dessen Erfolg so durchschlagend ist, dass es binnen kürzester Zeit den Markt beherrscht. Es entwickelte sich rasant weiter, abgefragte Daten konnten nun miteinander verknüpft werden, immer mehr Unternehmen nutzten das System zur Datenspeicherung. Holleriths Unternehmen wuchs und wuchs, 1910 gelang mit der Dehomag, der Deutschen Hollerith Maschinen-Gesellschaft, der Sprung nach Deutschland. 1924 nannte Hollerith sein Unternehmen in "International Business Machines Corporation" (IBM) um, die Dehomag hieß ab der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 IBM Deutschland.

Hier zu Lande wurde ab 1933 die dunkle Seite der Datenverarbeitung offenbar: Im Statistischen Reichsamt stand der größte und modernste Hollerithmaschinenpark, der den Nationalsozialisten zu grausigen Zwecken diente.

Stimmzettel zur Wahl 2004: Vorperforierte Löcher statt Kreise zum Ankreuzen
REUTERS

Stimmzettel zur Wahl 2004: Vorperforierte Löcher statt Kreise zum Ankreuzen

In den USA erfreut sich die Lochkartentechnik - in weiterentwickelter Form - noch großer Beliebtheit. In den Stimmkarten zu diversen Wahlen lebt sie weiter. So verschieden wie die Wahlgesetze der US-Bundesstaaten sind allerdings auch die Wahlmethoden: In manchen Staaten werden auf Stimmzetteln vorperforierte Löcher herausgedrückt, in anderen Löcher in Karten mittels Maschinen mit Hebeln gestanzt. Einige Bundesstaaten haben zwei, drei oder mehr unterschiedliche Wahlmethoden, Texas, Heimat von Präsident Bush, sogar fünf.

Die Gefahr, dass es bei der Auszählung nach der bevorstehenden Präsidentenwahl erneut Probleme gibt, besteht nach wie vor. Was, wenn Löcher sowohl neben dem Namen Bush als auch neben Kerry gestanzt sind? Oder wenn die Löcher nicht korrekt ausgestochen sind, sondern das Papier an jener Stelle nur ausbeult? Solche Probleme gab es schon vor vier Jahren.

Eine digitale Wahl per Computerbildschirm, auf dem die Wähler nur den Namen ihres Favoriten zu berühren brauchen, wird solche Probleme zwar verhindern, dafür aber neue mit sich bringen: Beobachter rechnen mit Angriffen von Hackern, mit instabilen Computerprogrammen und manipulierten Wahlergebnissen.



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