US-Präsidentschaftsanwärter Edwards: Angriff des Anti-Snobs

Von Sebastian Moll

Die US-Medien stürzen sich auf den Zweikampf Clinton-Obama - doch klammheimlich arbeitet sich bei den US-Demokraten John Edwards nach vorn. Der bisher unbemerkte Dritte aus dem Süden hat Chancen, Präsidentschaftskandidat zu werden: Er gilt als Volksliebling und ehrliche Haut.

John Edwards lässt sich vom Medienrummel um Hillary Clinton und Barack Obama nicht aus der Ruhe bringen. Und dazu hat er auch keinen Anlass. Die Nachrichtenmagazine und politischen Fernsehsendungen der USA mögen den Eindruck erwecken, dass sich der Präsidentschaftswahlkampf 2008 schon jetzt auf ein Duell zwischen der ehemaligen First Lady und dem charismatischen Shooting-Star aus Illinois zuspitzt. Doch die harten Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Hoffnungsträger Edwards: Solide Aussichten
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Hoffnungsträger Edwards: Solide Aussichten

In Iowa, einem Schlüsselstaat des demokratischen Vorwahlkampfs im Mittleren Westen, lag Edwards bei einer Umfrage im Februar mit 24 Prozent klar vor Obama und Clinton (je 18 Prozent).

In New Hampshire im Nordosten, ebenfalls ein Schlüsselstaat, blieb Edwards zwar hinter Clinton zurück, mit 23 zu 40 Prozent - lag aber fast gleichauf mit Obama (25 Prozent).

Der erste veritable schwarze Präsidentschafts-Anwärter, die erste aussichtsreiche weibliche Anwärterin - das sind reizvolle Geschichten, aber die Demokraten an der Basis scheinen auch Solideres zu suchen. Und das sehen sie in Edwards.

Edwards werden gute Chancen eingeräumt

Gegenüber Barack Obama hat er Erfahrung: Schon 2004 kandidierte er als Vizepräsident an der Seite von John Kerry. Seither weiß er genau, wie ein langer und kostspieliger Wahlkampf zu führen ist. Und im Gegensatz zu Hillary Clinton gilt er als Kandidat, dem es mehr um Inhalte geht als um die nackte Macht.

Vor allem jedoch stammt Edwards aus dem Süden - einer Region, ohne deren Rückhalt kaum jemand Aussichten aufs Weiße Haus hat. Sowohl Jimmy Carter als auch Bill Clinton, die einzigen beiden demokratischen Präsidenten seit 1969, stammen aus den Südstaaten. Carter gewann 1976 zehn der elf "Country Music States" für sich, Clinton 1992 und 1994 je vier. Beide legten mit den Mehrheiten in diesen Staaten den Grundstein zum Erfolg.

In beiden Fällen war der ausgeprägte Regionalismus stärker als mögliche ideologische Vorbehalte der eher konservativen Südstaaten-Wähler. Wichtiger als die Details eines politischen Programms ist es zwischen Tennessee und Louisiana, dass "einer von uns" in Washington ist.

Edwards gelingt es nach einhelliger Meinung der politischen Beobachter wie keinem anderen, sich glaubhaft in die Sorgen des einfachen Mannes aus dem Hinterland hinein zu versetzen, in seine Nöte, in sein Weltbild.

Kämpfer für die kleinen Leute

"Die Leute hier schauen sich Edwards an und sagen sich: Der ist genau wie ich", sagt ein demokratischer Wahlkämpfer aus North Carolina dem Polit-Magazin "New Republic". Der "New Yorker" merkte an, dass Edwards mit Sicherheit ein dickeres Bankkonto habe als die anderen Südstaatler George Bush und Al Gore - trotzdem würden sie im Vergleich zu ihm wie "Snobs aus dem Country Club wirken". Edwards spreche nicht nur die Sprache des einfachen Mannes - sondern gehe wegen seiner Biografie glaubhaft als dessen Vertreter durch.

Er ist als Sohn eines strenggläubigen Baptisten und Fabrikarbeiters in North Carolina aufgewachsen. Er erarbeitete sich aus eigener Kraft einen teuren Jura-Abschluss an der renommierten Südstaaten-Universität Chapel Hill und war gleichzeitig der Star der Football-Mannschaft im College. Als junger Anwalt machte er sich einen Namen, indem er für einen fehlbehandelten, arbeitslosen Alkoholiker gegenüber einem Krankenhaus die Rekordsumme von 3,7 Millionen Dollar herausschlug. Fortan war er der gefragteste Advokat in North Carolina, wenn es darum ging, die Entrechteten gegenüber mächtigen Organisationen zu vertreten.

Das Image des unbeugsamen Kämpfers für die kleinen Leute ist bis heute Edwards' größtes politisches Kapital. Seine Kandidatur gab er im verschwitzten T-Shirt inmitten einer Gruppe studentischer Freiwilliger bekannt, als er beim Wiederaufbau des Lower Ninth Ward Hand anlegte - dem am schlimmsten verwüsteten Viertel von New Orleans.

Seine liebsten Themen sind die Beseitigung der unter Bush rapide gewachsenen Armut in den USA und die Einführung einer universellen Krankenversicherung. Der Populist Edwards formuliert diese Ziele zwar im charmanten Südstaaten-Singsang, aber unumwunden und unmissverständlich. Ebenso ununwunden gab er in einem Artikel für die "Washington Post" zu, dass einst im Senat sein Ja zum Irak-Krieg ein Fehler war.

Damit sah er deutlich besser aus als Hillary Clinton, die sich ausweichend rechtfertigte, sie sei damals von der Regierung Bush fehlgeleitet und manipuliert worden. Clinton steht im Ruf, zu sehr auf ihre Wahlkampf-Berater zu hören - dies ist gar nicht Edwards Sache, zumindest seinen öffentlichen Aussagen zufolge. Die übertriebene Vorsicht von Beratern mache es einem "bisweilen schwer, die Wahrheit zu sagen", ätzte er.

Edwards Kalkül ist es, dass die Leute nach sechs Jahren Bush genug haben von Strategien und Manipulationen. Es könnte gut sein, dass seine Rechnung aufgeht.

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