US-Präsidentschaftsbewerber Gingrich Newts Wut

Lincoln, Kennedy, Reagan: Das sind die US-Präsidenten, die Newt Gingrich als Vorbilder nennt. Wenn die jüngsten Umfragen stimmen, dann wird es der Radikal-Republikaner zwar nie ins Weiße Haus schaffen. Dafür wütet er jetzt umso mehr - und vergiftet das politische Klima.

REUTERS

Aus Tampa, Florida, berichtet


Newt Gingrich hat sich das alles so hübsch zurechtgelegt. "Wenn ich in Florida gewinne", sagt er, "dann werde ich auch der Präsidentschaftskandidat sein." Und wenn er die Nominierung habe, dann, ja dann, "werde ich Barack Obama schlagen". Gingrich kann schon jetzt aufzählen, welche Gesetze er "nur zwei Stunden nach meiner Einführung ins Amt" am 20. Januar 2013 erlassen werde.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 5/2012
Die dubiosen Geschäfte der Deutschen Bank

Zackzack, das hat er von vorne bis hinten durchgeplant.

Nur: Dazu wird es nicht kommen. Wenn die jüngsten Umfragen vor der Florida-Entscheidung am Dienstag auch nur halbwegs korrekt sind, wird jemand anderes republikanischer Präsidentschaftskandidat. Aus der Traum vom Weißen Haus. Den Meinungsforschern zufolge liegt Kontrahent Mitt Romney in Florida einmal mit 40 zu 32 Prozent vor Gingrich, in einer anderen Erhebung sogar mit 42 zu 27 Prozent. Rick Santorum und Ron Paul, die beiden verbliebenen weiteren Kandidaten der Republikaner, sind abgeschlagen.

Gingrich hoffte nach seinem Triumph in South Carolina auf eine Siegeswelle. Doch die ist schon gebrochen, bevor sie den nächsten Vorwahltag erreichen konnte.

Gingrich im Retorten-Rentnerdorf

Der Schlammschlacht in South Carolina folgte die Anzeigenschlacht von Florida. Romneys Leute haben das Land geflutet mit Radio- und TV-Spots, die die Glaubwürdigkeit Gingrichs in Frage stellen und ihn als unberechenbaren Politiker darstellen sollen. Wichtigstes Thema: Die Millionen-Gage, die Gingrich von der - mit Steuergeld geretteten - Hypothekenbank Freddie Mac als Lobbyist kassierte, während die Amerikaner in der Krise Häuser aufgeben mussten, insbesondere in Florida.

Plötzlich ist Gingrich wieder, was er im vergangenen Jahr beim Eintritt ins Rennen um die Präsidentschaft war: ein Mann von gestern. Jener Sprecher des Repräsentantenhauses, den die eigenen Leute wegen ethischer Verfehlungen am Ende verjagt hatten.

Das ist bitter für Newt Gingrich. Zu beobachten ist jetzt ein Mann, der Stunde um Stunde wütender wird.

Ein Ortstermin. Sonntagnachmittag, "The Villages", die aufpolierte Rentnerretortenstadt mitten in Florida, gebaut für Pensionäre aus ganz Amerika. Wie Gingrich haben alle hier ihre große Zeit schon hinter sich. Den Florida-Rentner muss man sich sehr braungebrannt vorstellen, in den Straßen riecht es nach Sonnencreme. "Das Leben ist wunderbar", sagt eine Seniorin und freut sich. Vorne auf ihr Golfcart hat sie einen Schriftzug geklebt: "Heaven can wait."

Weil aber nun Gingrich kommt, ist richtig was los. Wer kann, fährt auf den großen Parkplatz hinterm Bücherladen: mit Rollator, Rollstuhl oder eben Golfcart. Fast die Hälfte der Menschen im "Sunshine State" ist schon jenseits der 60-, und jedes Jahr werden es mehr. Der Zuzug in den Süden ist gewaltig. Gingrich braucht diese Leute. Vielleicht können sie ihm am Dienstag doch noch zu einem Überraschungssieg verhelfen? Der 64-Jährige jedenfalls geht jetzt aufs Ganze: mit heftigen Attacken gegen Obama und einer massiven Offensive gegen Romney.

Romney? Ja, der habe vielleicht "Geld-Power". Um zu siegen, brauche es aber "Volkspower", feuert Gingrich seine erste Salve ab. Er sei der "legitime Erbe" der Reagan-Bewegung, "nicht der Liberale aus Massachusetts". Gemeint ist natürlich wieder Romney, der Ex-Gouverneur aus dem Nordosten.

Und Obama? Den Präsidenten betrachtet Gingrich nicht als politischen Gegner. Ihn sieht er als Feind, den er "K.o. schlagen" will. Obama ist bei Gingrich "radikal" oder "sozialistisch" oder "europäisch-bürokratisch" oder gleich alles zusammen. Ein Präsident, der "den Niedergang Amerikas" manage, eine "Bedrohung", weil er mit Bösewichten wie Irans Ahmadinedschad ins Gespräch kommen wollte. Wenn Teheran erstmal die Atombombe habe, erklärt Gingrich den Altersgenossen, sei es möglich, dass unbemerkt ein entsprechend munitioniertes Schiff aus Iran in den Hafen von Jacksonville, Florida, einlaufe.

insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manni-two 30.01.2012
1. schon seit McCarthy ist das
politische Klima vergiftet, dafür braucht man keinen Gingrich.
Atheist_Crusader 30.01.2012
2.
Zitat von sysopLincoln, Kennedy, Reagan: Das sind die US-Präsidenten, die Newt Gingrich als Vorbilder nennt. Wenn die jüngsten Umfragen stimmen, dann wird es der Radikal-Republikaner zwar nie ins Weiße Haus schaffen. Dafür wütet er jetzt umso mehr - und vergiftet das politische Klima. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812132,00.html
Das gilt aber auch für Nordkorea, über das man im Wahlkampf herzlich wenig hört. Und nebenbei: ein paar Rentnern Angst machen zu wollen, ist ausgesprochen albern. Bevor Jacksonville verdampft, wären erstmal New York, Los Angeles, San Francisco, Seattle, Baltimore, Chicago, Miami und noch ein paar Dutzend weiterer Städte dran. Was erzählt er denen als nächstes? Dass Al-Quaida ihre Hunde umbringt und dafür sorgt dass ihre Enkel nicht anrufen? Nazi-Deutschland geschlagen? Einen Scheiß haben die. Die Sowjetunion hat Deutschland geschlagen. Klar, die USA haben die Logistik geliefert, aber das Kämpfen und Sterben haben die Russen erledigt. Über 20 Millionen Sowjetbürger starben, um den faschistischen Fleischwolf aufzuhalten... Amerikaner und Briten opferten jeweils nicht einmal eine halbe Million Leben. Also: Japan? Ja. Italien? Von mir aus - auch wenn das keine große Leistung war. Aber hängt euch kein Geweih an den Kamin, das ihr nicht selbst geschossen habt. Die UdSSR hat Deutschland in die Knie gezwungen. Ohne Stalin hätten die Allierten nie einen Fuß nach Frankreich gesetzt!
matz-bam 30.01.2012
3. ja
Zitat von manni-twopolitische Klima vergiftet, dafür braucht man keinen Gingrich.
Ein krankes Land; aber es geht uns nichts an.Wir müssen halt Abstand bewahren.
henniman 30.01.2012
4. Gingrich sollte aussteigen
..und seinen Leuten Ron Paul empfehlen. Der ist mit seinen libertären Plänen für jeden Konservativen wählbar und gegens Establishment ist der wie sonst kein anderer. Ne echte Grassroots-Bewegung hat er auch. Santorum wird nach Florida pleite sein und aussteigen müssen. Damit blieben nur noch Romney und Ron Paul als letzter "Anti-Romney". Dann wird es Paul auch zur Nominierung schaffen, denn Romney hat eine natürliche Obergrenze bei 35%. Mehr ängstliche Massachusetts-liberale mit Furcht vor der eigenen Courage gibt es in der Republikaner-Basis nicht. Die anderen werden sich mit Paul und dessen Ideen auseinandersetzen MÜSSEN ... und Gefallen daran finden. Vor allem, weil Paul der einzige R-Kandidat mit echten Chancen gegen Obama ist.
stefan1904 30.01.2012
5. Mitt Romney hat erst Recht keine Chance
Mitt Romney hat erst Recht keine Chance Obama zu schlagen, als übler Finanzhai ist für die Independants unwählbar und den Conservatives ist er viel zu liberal. Ein übler Schleimer, der in Sachen Charisma selbst gegen einen Al Gore ins Straucheln gekommen wäre. Ich vermute, dass die meisten Amis im November zur Hause bleiben werden, statt zur Wahl zu gehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.