US-Präsidentschaftswahl 2012 Schlammschlacht im Spielerparadies

So viel Aggressivität war nie: Bei ihrer Debatte in Las Vegas gingen die Präsidentschaftsanwärter der US-Republikaner mit aller Schärfe aufeinander los. Ex-Favorit Rick Perry, dessen Stern rapide fällt, lieferte seinem Widersacher Mitt Romney unfreiwillig etliche Steilvorlagen.

AFP

Von , Las Vegas


Am Ende bleibt nur eine Frage: Was würde "Mr. Las Vegas" sagen? Also hat sich Wayne Newton - Unterhaltungslegende, Schlagerstar, Mensch gewordene Wachsfigur - zum krönenden Abschluss noch in die Katakomben des Hotel-Casinos Venetian hinunter bemüht, fernab der Roulette-Tische, Luxusläden und falschen Gondolieri, um sein Urteil zu fällen.

Pure Politik prallt auf pures Entertainment, die Scheinwelt des Wahlkampfs auf die Scheinwelt von Las Vegas. Wer bietet die bessere Show?

Die sieben Kandidaten, murrt Newton, 69, die er da gerade im Ballsaal des Venetians erlebt habe, hätten allenfalls das Kaliber, für ihn "als Vorgruppe aufzutreten". Trotzdem: Wer ihm denn am besten gefallen habe? "Wenn ich einen Gewinner wählen müsste", verkündet "Mr. Las Vegas" schließlich, "wäre es… Mitt Romney."

Die Kitsch-Ikone hat gesprochen - und hat damit gar nicht mal so unrecht. In der Tat geht Mitt Romney, der roboterhafte Ex-Gouverneur von Massachussetts, auch aus dieser inzwischen achten Vorwahl-Debatte der US- Republikaner als Sieger hervor. Schöne Ironie: In der Hauptstadt des Showgeschäfts setzt sich der durch, der am wenigsten auf Show macht.

"Rick, ich spreche gerade"

Doch es ist ein teuer erkaufter Sieg. Denn bei der Debatte im Weststaat Nevada, den Barack Obama 2008 locker in die Tasche steckte, fliegen die Fetzen - erstmals in diesem lauen Vorwahlkampf. Vor allem Romney und der texanische Gouverneur Rick Perry dreschen aufeinander ein, der eine hat die Führung zu verlieren, der andere alles. Und alle schießen sich auf Herman Cain ein, den einstigen Pizza-Unternehmer, den die US-Medien zum neuen Underdog-Spitzenreiter ausgerufen hatten.

Es ist, als hätten sie sich das Motto zu Herzen genommen, dass CNN zu Beginn der Debatte pompös verkündet: Willkommen "in der Stadt, in der Träume gemacht und zerstört werden".

Denn zwei Drittel der Republikaner, so ergab eine Umfrage tags zuvor, sind immer noch unentschlossen. Somit ist die Schlammschlacht eröffnet: Romney gegen Perry, alle gegen Cain, jeder gegen jeden. "Das Gezeter zu maximieren", resümiert Newt Gingrich, der bei all dem lauten Zoff unter die Räder gerät, "ist wahrscheinlich nicht der Weg ins Weiße Haus."

Jedenfalls kaum für den, der am lautesten zetert. Rick Perry, von hohen Hoffnungen ins tiefe Umfrageloch gestürzt, kämpft um sein Überleben. Weshalb seine Strategen offenbar entschieden haben, alles auf eine Karte zu setzen: Augen zu - und Angriff auf Romney.

Immer wieder attackiert Perry den Widersacher. Verbissen, verbohrt, ihm herrisch ins Wort fallend, einmal bezichtigt er ihn sogar der Lüge. "Rick, ich spreche gerade", erwehrt sich Romney. "Ich spreche. Ich spreche. Ich spreche." An anderer Stelle bittet Romney CNN-Moderator Anderson Cooper fast flehend um Hilfe: "Anderson!?!"

Perrys unerwarteter Vorstoß beginnt schon mit dem ersten Satz, mit dem er sich vorstellt - als "ein authentischer Konservativer, kein Zweck-Konservativer". Das ist ein klarer Seitenhieb auf Romney, dessen konservativen Kern die Basis gerne anzweifelt, und der Saal johlt beglückt: Das kann ja noch lustig werden.

"Es waren ein paar harte Debatten. Deshalb wirst du reizbar"

Doch Perrys Masche zieht auf Dauer nicht. Immer öfter leckt er sich die Lippen, kneift die Augen zusammen, wirkt blass, grau, klein neben Romney. Selbst dem Publikum im Venetian - rund 1500 stramme Republikaner - wird sein Sperrfeuer irgendwann zu viel: Am Ende buhen sie die Querschüsse nur noch aus.

Der härteste dieser Querschüsse ist eine uralte, doch schlagzeilenträchtige Kamelle - ein Skandälchen von 2006, das Perry aus der Versenkung holt, als es um das massive US-Immigrantenproblem geht: Romney habe einst in Boston illegale Einwanderer als Gärtner beschäftigt. Das stimmt wohl, Romney hatte damals aber Unkenntnis beansprucht und die Männer gefeuert. Eine alte Geschichte also. Doch Pitbull Perry verbeißt sich in ihr.

Romney dementiert, lacht gekünstelt, und dann zanken beide auf einmal miteinander, übereinander und gegeneinander, bis ihnen die Zuschauer ihre Missbilligung entgegengrölen. "Es waren ein paar harte Debatten für Rick, und ich verstehe das", sagt Romney schließlich herablassend. "Und deshalb wirst du reizbar."

Spätestens da ist klar: Dieses Rennen, das an der Oberfläche lange so betulich schien, ist längst persönlich geworden. Zumal dies ja die letzte TV-Debatte bis Mitte November ist. Wer weiß, wer sich bis dahin noch halten kann.

Weshalb sie alle kräftig austeilen - bis auf Gingrich, der den Oberlehrer spielt. Auch Ron Paul, Michele Bachmann und Rick Santorum, zu Schlusslichtern verdammt, feuern auf Romney, verbünden sich meist aber gegen Herman Cain. Dessen Aufstieg vom Nobody zum Medien-Darling, dank seiner Sprüche und eines ebenso flotten wie platten 9-9-9-Steuerplans, war das Phänomen der letzten Wochen. Cain muss gestoppt werden.

"Meine Frau Karen und ich sind Eltern von sieben Kindern"

Es ist am Ende aber Cain, der sich selbst stoppt. Im Rampenlicht entlarvt er sich als Zauberer, der nur einen Trick beherrscht - und den nicht mal gut: Die Fragen von Moderator Cooper nach der Essenz seines 9-9-9-Plans kann er nicht wirklich schlüssig beantworten.

Überhaupt mangelt es dieser Debatte, wie allen zuvor, trotz Feuerwerks an politischem Intellekt. Alle Kandidaten zeichnen sich stattdessen durch Unkenntnis, Platitüden und oft haarsträubende Behauptungen aus - sowie einstudierte, ungewollt amüsante Phrasen.

Auf die Bitte zum Beispiel, sich kurz mit einer charakteristischen Eigenschaft vorzustellen, sagt Cain: "Ich bin seit 43 Jahren mit meiner Frau Gloria verheiratet." Santorum sagt: "Meine Frau Karen und ich sind Eltern von sieben Kindern." Und Romney sagt: "Ich hoffe, Ihr Präsident zu werden, vielen Dank."

Auf diesem Niveau geht es dann auch weiter. "Sachfragen treten jetzt in den Mittelpunkt", hat CNN zuvor prophezeit. Von wegen.

Moderator Cooper müht sich zwar wacker, aktuelle Reizthemen abzuhaken: Steuerpolitik, Arbeitslosigkeit (in Nevada mit 13,4 Prozent weit über dem Landeswert), Immobilienkrise. Doch die Kandidaten antworten nur fahrig, zusammenhanglos - oder auch gar nicht, etwa zur Protestbewegung "Occupy Wall Street".

Bachmann warnt, dass ein "liberaler Präsident und ein liberaler Kongress" die Steuern auf 90 Prozent erhöhen werde, und gelobt, Englisch "als offizielle Regierungssprache zu forcieren". Perry plädiert für volle Rückkehr zu fossilen Brennstoffen und "Predator"-Drohnen an der Grenze zu Mexiko. Cain vermeldet stolz, er habe die Wall-Street-Rettungsspritze von 2008 befürwortet - "und dann war ich dagegen".

"Alle standen hinter mir"

Abrupt bricht Cooper die Debatte schließlich ab, sieben Minuten vor dem geplanten Ende. Die Zuschauer wälzen sich aus dem Saal in die Luxus-Einkaufspassage des Venetian - eine Kulissenstadt im Palazzo-Stil, durch die sich ein Nachbau des Canale Grande schlängelt. Nebenan beginnt gerade das "Phantom der Oper" durchs Casino-Theater zu spuken.

Cain und Santorum sind die einzigen Kandidaten, die sich anschließend im Keller vor die Reporter wagen. ""Alle waren hinter mir her", klagt Cain erschöpft, eine Wasserflasche in der Hand - das beweise natürlich, dass er der Sieger sei. "In diesem Wahlkampf", spricht Santorum sich Mut zu, "ist noch viel Platz."

Nach dieser Debatte aber wahrscheinlich nicht mehr. Es ist anzunehmen, dass sich das Feld bald auf allenfalls drei reduzieren dürfte: Romney, Perry, Cain. Die anderen dürften in der Schlammschlacht auf der Strecke bleiben.

Einer dagegen darf sich freuen: CNN. "Unser Ziel ist es", sagte CNN-Chefbeleuchterin Michelle Brooke Poley der Lokalzeitung "Las Vegas Review-Journal", "eine wirklich tolle TV-Show zu produzieren." Und das ist gelungen. Oder, wie Wayne Newton gerne trällert: "Dankeschön, Darling, Dankeschön."



insgesamt 51 Beiträge
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LondoMollari 19.10.2011
1. Wenn man meint ...
... schlimmer als Guido, Rössler und Mutti gings nicht mehr hilft ein Blick über den Teich zum großen Bruder. Das einzig traurige daran ist das sollte einer der Pappnasen Präsident werden dieser dann die Verfügung über Nuklearwaffen hat.
dayo, 19.10.2011
2. nicht nur bei uns
Zitat von sysopSo viel Aggressivität war nie: Bei ihrer Debatte in Las Vegas gingen die Präsidentschaftsanwärter der US-Republikaner mit aller Schärfe aufeinander los. Rick Perry, einstiger Favorit, dessen Stern rapide*fällt, lieferte seinem*schärfsten Widersacher Mitt Romney unfreiwillig etliche Steilvorlagen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792651,00.html
spon:" Überhaupt mangelt es dieser Debatte, wie allen zuvor, trotz Feuerwerk an politischem Intellekt" das sollte sich inzwischen doch schon herumgesprochen haben. intelligenz und politisch rechts schliesst sich aus.
derHai 19.10.2011
3. Schön blöd!
Dass keiner dieser primitiven pseudo-populären Politiker kapiert, dass sie ihre Partei mit diesem lächerlichen Gezanke nur immer weiter und weiter ins Aus schießen... Könnte es für Obama eine bessere Garantie für den Wahlsieg geben, als gegen eine Horde Affen anzutreten, die sich, anstatt sich mit einer Meinung zu aktuellen Themen zu profilieren, nur gegenseitig an den Haaren herumzerren und versuchen, eine Hackordnung festzulegen? So wie die sich benehmen, ist die nächste Wahl sowieso schon zu Gunsten Obamas entschieden, denn so blöd können nicht mal die Amis sein!
ralphfeile 19.10.2011
4. Romney
1. Ist eine Aufzeichnung der Sendung online verfügbar? Würde mir das sehr gerne anschauen 2. Mitt Romney wird das Rennen machen und auch Obama schlagen - die Umstände hieven ihn in das Amt
hansklauspeter 19.10.2011
5. ...
Zitat von ralphfeile1. Ist eine Aufzeichnung der Sendung online verfügbar? Würde mir das sehr gerne anschauen 2. Mitt Romney wird das Rennen machen und auch Obama schlagen - die Umstände hieven ihn in das Amt
Theoretisch ist er der Aussichtsreichste Kandidat. Aber von TV-Duell zu TV-Duell sinkt insgesamt das Ansehen der Reps. Die Kandidaten schaffen es ja teils nichtmal treue Republikaner für sich zu gewinnen. Normalerweise bei McCain zB. waren viele Rep-Wähler relativ schnell auf einen Kandidaten fixiert. Aber das 65% Unentschiedene ist schon bedenklich. Nicht zuletzt bestehen nahezu alle Debatten aus Angriffen auf Obama oder Angriffe gegeneinander. Irgendeine politische Vision existiert nicht. Und alle Kandidaten schaffen es immer wieder totales politisches Unvermögen zu demonstrieren, natürlich vor allem Bachmann und Perry.
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