US-Raketenabwehrsystem Russland sieht Beginn für neues Wettrüsten

Der Einigung zwischen Polen und den USA antwortet Russland mit bedrohlichen Verbal-Attacken: Durch das Abkommen beginne ein neues Wettrüsten in Europa. Moskau fühlt sich getäuscht - das Abwehrsystem richte sich nicht gegen Iran, sondern gegen das eigene Land.


Moskau - Der Tonfall klingt wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. Die Stationierung von Raketen in Polen nannte Moskau ein neues Sicherheitsrisiko für Europa. "Solche Vorgänge säen Misstrauen und setzen darüber hinaus ein Wettrüsten auf dem europäischen Kontinent und in Gang", erklärte das Außenministerium am Mittwoch in Moskau. Ein in Europa stationierter Raketenschild der USA habe "Russland-feindliches Potenzial" und trage nicht zur Verbesserung der Sicherheit bei.

Warschau und Washington hatten sich nach zähen Verhandlungen in der vergangenen Woche auf ein Abkommen über die Stationierung von zehn US-Abfangraketen in Polen verständigt; am Mittwoch wurde es unterzeichnet. Moskau sieht sich durch das Raketenabwehrsystem in der Nähe seiner Grenze bedroht.

Russland fühle sich durch die zusätzlich zwischen Washington und Warschau vereinbarte Stationierung von US-Luftabwehrraketen des Typs Patriot getäuscht. Die Raketen sollen 180 Kilometer vor der russischen Grenze stationiert werden. Sie hätten definitiv keinen Bezug zu einer möglichen Bedrohung aus dem Iran, wie von den USA erklärt wurde. Zugleich bekräftigte Moskau sein Angebot, mit dem Westen weiter im Dialog zu bleiben, um die Raketenabwehr für Polen und das Radar für Tschechien noch zu verhindern.

Der Krieg im Kaukasus hat das von US-Außenministerin Condoleezza Rice in Warschau unterzeichnete Abkommen über den Aufbau eines amerikanisch-polnischen Raketenschirms beschleunigt. Russland war den USA vor, sie hätten Georgien aufgerüstet und trügen deshalb eine Mitschuld am georgischen Angriff auf Südossetien. Moskau hege daher noch mehr Zweifel an der Aussage der US-Regierung, dass die Maßnahmen nicht gegen die Sicherheitsinteressen Russlands gerichtet seien.

Die Vereinbarung sieht den Aufbau eines US-Stützpunkts mit zehn Abfangraketen im Norden des Landes vor. Die USA verpflichten sich gleichzeitig, die Sicherheit Polens und der US-Anlagen auf seinem Territorium zu gewährleisten und dem Land Luftabwehrraketen vom Typ Patriot zur Verfügung zu stellen. Geplant sind ferner US-Finanzhilfen für die polnischen Streitkräfte.

Das gesamte System soll ab 2015 einsatzfähig sein. Der geplante US-Raketenschild in Osteuropa richtet sich laut Washington vor allem gegen Nordkorea und Iran. Rice selbst betonte, der Raketenschild sei rein defensiv und gegen niemanden gerichtet. Die Abwehr gebe eine Antwort auf Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Kaczynski pflichtete ihr bei: Die Vertiefung des Bündnisses zwischen Polen und Amerika sei auch notwendig für Europa. Die westliche Welt müsse ihre Werte verteidigen.

Eine Radarstation in Tschechien soll die Daten für einen Abschuss fremder Raketen liefern. Hierfür unterzeichneten die USA schon am 8. Juli ein entsprechendes Abkommen. Das Abkommen mit Polen bedarf noch der Zustimmung des Parlaments. Doch sie gilt als sicher, da sowohl die Regierungskoalition als auch die größte Oppositionspartei das Raketenabwehrsystem befürworten.

Die US-Raketenabwehr
Das System
AP
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

fat/dpa/AFP

Forum - US-Raketenabwehr - neuer Kalter Krieg?
insgesamt 1062 Beiträge
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Seite 1
archelys, 20.08.2008
1. Es entwickelt sich
Zitat von sysopDer Kalte Krieg kehrt nach Polen zurück: Die Regierung in Warschau will exzellente Beziehungen zu Washington, deshalb hat sie den Aufbau des US-Raketenschildes auf den Weg gebracht - gegen den Widerstand Moskaus. Wie wird sich dieses Vorgehen in Europa auswirken?
Wir wissen es noch nicht. (Das sind die Tücken des Spiels der Macht, von Menschen für Menschen ausgedacht).
GeorgeF 20.08.2008
2. Das falsche Signal
Zitat von sysopDer Kalte Krieg kehrt nach Polen zurück: Die Regierung in Warschau will exzellente Beziehungen zu Washington, deshalb hat sie den Aufbau des US-Raketenschildes auf den Weg gebracht - gegen den Widerstand Moskaus. Wie wird sich dieses Vorgehen in Europa auswirken?
Ich halte den Vertrag für das falsche Signal zur falschen Zeit. Nach dem Abenteuer in Georgien sollte in Erinnerung gerufen werden, dass Estland noch immer einen von Moskau nicht unterzeichneten (Unterschrift widerrufen) Grenzvertrag mit Moskau hat - bei einem russischen Bevölkerungsanteil von ca. 40%. Ausserdem ist zu fragen, wie ein solcher bi-lateraler Vertrag ohne offizielles Plazet der anderen NATO-Mitgliedsstaaten zustande kommen konnte.
Frank Wagner, 20.08.2008
3.
Zitat von sysopDer Kalte Krieg kehrt nach Polen zurück: Die Regierung in Warschau will exzellente Beziehungen zu Washington, deshalb hat sie den Aufbau des US-Raketenschildes auf den Weg gebracht - gegen den Widerstand Moskaus. Wie wird sich dieses Vorgehen in Europa auswirken?
Verheerend. Wenn die Analysen von Experten stimmen, dann wird Rußlands Zweitschlagfähigkkeit dadurch so massiv beeinträchtigt das es reagieren MUSS. Wie das aussehen wird werden wir sehen. Mit Sicherheit werden die Russen viele neue Raketen aufstellen, um sich zu schützen. Sicher werden auch wirtschaftliche Srafmaßnehmen folgen..ich halte sogar gezielte Schläge gegen die Raktenbasis für möglich. Das die Amerikaner da ernsthaft reagieren würden ist kaum vorstellbar...wie denn auch ? Auf jeden Fall ist es Washington gelungen, einen tiefen Keil in Europa hinein zu treiben. Und es zeigt sich nun, das die bedenkenlose Osterweiterung von NATO und EU genau der Fehler war, vor dem vernünftig denkende Menschen vorher gewarnt haben. Aus amerikanischer Sicht also ein großer Erfolg.
Achim S 20.08.2008
4.
Vielleicht noch ein paar wirtschaftliche Schikanen oder ein bisschen Spielen mit dem Gashahn...
SaT 20.08.2008
5. Für uns hat das nur Nachteile
Das US-Raketenschild schützt ja nicht uns Europäer sondern nur die USA. Es wird aber auf europäischen Boden installiert wodurch wir potentiell zum Ziel werden. Polen sollte endlich mal einsehen, dass nicht die USA sondern wir ihre Nachbarn sind die ihnen wirkliche Hilfe bei der festeren Einbindung in die EU bieten können.
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