US-Reaktionen Freude, Skepsis und Blick nach vorn

Die US-Medien haben den Verlauf der Irak-Wahl mit einer Mischung aus Begeisterung, Erstaunen und Zweifel begrüßt. Viele wenden sich der nächsten Frage zu: Was nun? Und wann kommen endlich die Truppen heim?

Von , New York




Rice bei CBS: "Keine künstlichen Zeitpläne"
AP/CBS News, Karin Cooper

Rice bei CBS: "Keine künstlichen Zeitpläne"

New York - Schon ihr erstes Wochenende im Dienst war typisch. Gleich vier TV-Talkshows nacheinander musste US-Außenministerin Condoleezza Rice gestern wegen der Irak-Wahl absolvieren - die Sonntags-Frühschoppen bei CNN, Fox News, ABC und CBS. Demütig und ganz in schwarz, gab sie da die offizielle Losung aus für die nächste Etappe des amerikanischen Irak-Abenteuers: Ende offen.

"Ich glaube wirklich, dass wir nicht versuchen sollten, da künstliche Zeitpläne anzulegen", sagte Rice zum Beispiel zu CNN-Anchorman Wolf Blitzer. "Wir müssen den Job beenden." Rices Statements auf den anderen Kanälen, für die ihre Fragesteller allesamt nur als Stichwortgeber agierten, waren wortgleich.

Rices Quadrupel-Auftritt war Teil einer minutiös choreografierten PR-Strategie des Weißen Hauses zur Irak-Wahl, in der der eigentliche Wahlverlauf fast nur noch eine Nebenrolle spielte. Es war eine Strategie, die eine feine Balance zwischen Freude und Vorsicht suchte, jene überwiegende Stimmung des Tages in Washington. Die die Amerikaner sollen vorsichtig auf die nächste Phase des US-Engagements im Irak vorbereitet werden - was sich schließlich auch in den ersten Reaktionen der amerikanischen Medien widerspiegelte.

Neue Töne vom Bush-Kritiker

Schon vor der Wahl hatte Präsident George W. Bush die Erwartungen gedrosselt, um in seiner TV-Ansprache gestern allein den Umstand, dass überhaupt Wahlen stattfanden, als "durchschlagenden Erfolg" werten zu können. Das Zitat wurde zur Aussage des Tages und krönt heute die Aufmacher der meisten US-Tageszeitungen. Außer in den Südstaaten, wo ein dramatischer Wintereinbruch das Tagesthema ist. Im selben Atemzug propagierte aber auch Bush die "Ende offen"-Warnung: "Terroristen und Aufständische werden ihren Krieg gegen die Demokratie weiter führen. Wir werden das irakische Volk in seinem Kampf gegen sie unterstützen."

US-Präsident Bush nach der Irak-Wahl: "Ende offen"
AP

US-Präsident Bush nach der Irak-Wahl: "Ende offen"

Auf den ersten Blick befleißigen sich denn auch die US-Medien der einhelligen Freude. So sehr, dass die Erzrivalen "New York Times" und "Washington Post" heute früh sogar mit einer identischen Doppel-Schlagzeile erschienen, ein ziemlich unerhörter Vorfall: "Iraker trotzen der Bedrohung, Millionen gehen wählen."

Für viele US-Kriegskorrespondenten war die Wahl eine Art letztes Hurra im Irak. CNN schickte noch mal Christiane Amanpour an die Front, nebst dem smarten Jungstar Anderson Cooper. Für CBS stöberte der Kämpe Dan Rather gestern in seiner Reporter-Windjacke durch Bagdad und fand alles "inspirierend und ermutigend" - ganz neue Töne für den Bush-Kritiker, der im Kielwasser des Skandals um gefälschte Akten, denen CBS aufgesessen war, seinen Anchor-Sessel nach einem Vierteljahrhundert im März aufgibt.

"Ein guter Tag, ein wichtiger Tag"

"Egal, wie Sie den Krieg sehen", sagte CNN-Chefanchor Aaron Brown, selbst ein Zweifler, in den Hauptabendnachrichten, "heute war ein guter Tag, ein wichtiger Tag." Doch dann kam er gleich zur nächsten Frage: Wie geht's nun weiter? Was für die Amerikaner nicht anderes heißt als: Wann kehren unsere Truppen heim?

Die Antwort: Nicht so schnell wie erhofft. So warnte die "Washington Post", bei allem Jubel auf der Titelseite, in einem Leitartikel am Wahltag vor der anhaltend tiefen Kluft in Politik und Gesellschaft des Iraks: "Die Wahlen werden diesen Konflikt nicht beenden und könnten ihn kurzfristig sogar verstärken."

Auch die oft Bush-kritische "New York Times" wirkt heute im Hauptaufmacher zunächst fast mehr verblüfft denn begeistert, wenn sie die "Party-Atmosphäre in den Straßen" Bagdads beschreibt: "Sie steckten ihre Wahlzettel ungeachtet dessen in die Kästen, dass Mörsergranaten zu explodieren begannen."

Die meisten Amerikaner sind skeptisch

Zugleich relativierte die Zeitung dieses frohe Erstaunen aber mit einer langen, düsteren, kommentierenden Reportage ihres Bagdader Korrespondenten John Burns, der Zweifel an den Chancen der Demokratie im Irak hat. "Viele Iraker", schreibt der, "akzeptieren nicht, dass die fundamentalen Entscheidungen über die Art ihres künftigen politischen Systems von einer fremden Macht getroffen werden." Mit anderen Worten: Truppenabzug, aber dalli.

So sehen es auch die Demokraten. Die Soldaten müssten jetzt "unverzüglich" die Heimreise antreten, fordert Senator Ted Kennedy. Die Frist, die man im Kongress dazu am meisten hört, ist "18 Monate" - eine Zahl, die gestern auch Iraks Innenminister Falah Hassan al-Nakib nannte. Selbst bei den Republikanern soll es langsam grummeln, dass sich Bush auf keine konkrete Exit-Strategie festlegen will. Politisch, so ihr Kalkül, werde diese Position nicht lange durchzuhalten sein.

In der Tat forderte gestern in einer CNN-Blitzumfrage die knappe Mehrheit der US-Zuschauer, ein klares Abzugsdatum zu setzen: 51 Prozent waren dafür, 49 Prozent dagegen - Schluss mit dem Abenteuer also. Tiefere Einsicht in die komplexe Stimmung an der Heimatfront bieten dagegen die Umfragen der großen Demoskopie-Institute. So erhoffen sich Gallup zufolge nur 15 Prozent der US-Bürger von der Irak-Wahl, dass die Truppenpräsenz "in den nächsten Monaten" reduziert werde: "Die meisten Amerikaner sind skeptisch über die kurzfristigen Folgen, die die Wahlen auf den US-Truppeneinsatz haben." 71 Prozent glaubten sogar, dass es in diesem Jahr im Irak weder Friede noch Sicherheit geben werde.

"Heute hat die Freiheit gewonnen"

Diese Skepsis sickerte auch in die Berichte der US-Medien über die Wahl, trotz der positiven Schlagzeilen, trotz der Fernsehszenen von jubelnden, tanzenden Irakern, die auch hier die Abendnachrichten bestimmten. "Fast all diese bewegenden TV-Bilder wurden im Südirak aufgenommen, in den Hochburgen der schiitischen Muslime", erinnerte Fred Kaplan im Online-Magazin "Slate". "In Bagdad war das Bild durchwachsener und in den Sunniten-dominierten Regierungen ziemlich düster."

Am kritischsten war, erwartungsgemäß, die linke Blogger-Szene. "Diese Wahl ist meiner Ansicht nach eine Übung in hübschen Bildern", schrieb Markos Moulitsas Zúniga auf "Daily Kos", einem der populärsten US-Weblogs. "Sind die Leute, die da gewählt wurden, in der Lage, den Irak in dieser Zeit zu regieren? Ohne 150.000 US-Soldaten?" Der konservative Blogger Andrew Sullivan widersprach energisch: "Heute hat die Freiheit gewonnen."

Wenn die Kriegsversehrten tanzen

Das "Wall Street Journal" griff zu einem für das behäbige Börsenorgan revolutionären Schritt: Es veröffentlichte auf seiner Website gestern den ganzen Tag über unkommentierte Blogger-Berichte direkt aus dem Irak, von Irakern wie Ausländern - mitreißende, farbige und durchgehend positive Beschreibungen. "Heute ist ein neuer Anfang, kein Ende", schrieb zum Beispiel ein in Bagdad stationierter Amerikaner auf dem Irak-Weblog "Cigars in the Sand".

Übermorgen wird alles vergessen sein. Dann wird Bush vor dem Kongress seine Rede zur Lage der Nation halten, und Washington wird sich anderen Prioritäten zuwenden: Rentenreform, Steuern, der Super Bowl am Sonntag. Nach Ansicht des Kultur- und Medienkritikers Frank Rich schert sich schon jetzt in Wahrheit keiner mehr wirklich um den Irak, nicht nur in Washington. "Wir haben bereits vergessen", schrieb er gestern, "oder jedenfalls unseren Rücken gekehrt." Bei den prunkvollen Bällen zu Bushs Vereidigung sei das Wort Irak kaum gefallen - außer beim "Heroes Red, White and Blue Inaugural Ball" zu Ehren der Truppen, bei dem ein Sänger-Duo das teils kriegsversehrte, amputierte Publikum fröhlich aufforderte: "Dance to the Beat!"

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