US-Regierung Bushs Wortveredler verlässt das Weiße Haus

Sieben Jahre lang hat Michael Gerson die Reden für den US-Präsidenten geschrieben und war einer seiner engsten Vertrauten. Jetzt erklärte Gerson, der den Begriff "Achse des Bösen" erfand, seinen Rücktritt - und ist damit bereits der vierte Top-Berater, der das Weiße Haus verlässt.

Von Anna Bilger


Washington - Michael Gerson hat den Bush-Code geknackt. Er hat geschafft, was anfangs kaum jemand für möglich hielt: Der oft belächelte George W. Bush hat sich in den sechs Jahren seiner Amtszeit zum respektierten Redner entwickelt. Der Bush-Code, das sind knappe Sätze ohne langatmige Ausschmückungen, vor allem aber sind es viele sprachliche Anleihen in der Religion.

Letzter Text-Schliff: George W. Bush und sein Cheftexter Michael Gerson im Januar 2004
DPA

Letzter Text-Schliff: George W. Bush und sein Cheftexter Michael Gerson im Januar 2004

Gerson war sieben Jahre lang der Redenschreiber von Bush - schon bevor der ins Weiße Haus einzog. Der ehemalige Journalist veredelte wie kein anderer Bushs Worte. Es war Gerson, der die Worte "Achse des Hasses" in die viel zitierte "Achse des Bösen" verwandelt hat.

Gut gegen Böse, Amerika als Leuchtturm in der Welt - der studierte Theologe Gerson und der tiefgläubige Präsident liegen in ihrer Weltdeutung dicht beisammen. Gerson wirkte daran mit, die sogenannte Bush-Doktrin zu formulieren: die Verbreitung der Demokratie als ein wesentliches Ziel US-amerikanischer Außenpolitik. Bei Bushs Rede zum zweiten Amtsantritt im Januar 2005 klang das dann so: "Die Freiheit ist nicht Amerikas Beitrag für die Welt, es ist Gottes Geschenk an die Menschheit."

"Er ist nicht ersetzbar"

Der blasse Mann mit der runden Hornbrille hat von Bush den Spitznamen "The Scribe - Der Schreiberling" bekommen. Bevor eine wichtige Rede anstand, zeichnete Gerson die Gedanken des Präsidenten mit einem kleinen Diktiergerät auf. Dann dauerte es manchmal Tage, bis der erste Entwurf fertig war: Gerson saß meistens im Café unweit des Weißen Hauses und kritzelte Sätze auf gelbes Linienpapier - bis er Bushs Gedanken in die richtigen Worte gegossen hatte. Etwa Bushs zentrales Wahlkampfthema des mitfühlenden Konservatismus. "Ich trete mit einer mitfühlenden konservativen Philosophie an: Die Regierung sollte den Menschen helfen, ihr Leben zu verbessern, nicht es zu führen", sagte Bush beim Wahlkongress der Republikaner im September 2004. "Mike gelingt es, den Präsidenten zu poetischer Größe herauszufordern", sagte Bush-Beraterin Karen Hughes einmal über Gersons Arbeit.

Dass Gerson jetzt geht, ist ein herber Verlust für die Bush-Administration. Der Präsident verliert mit ihm einen seiner engsten Vertrauten. "Er ist nicht ersetzbar - so einen wie ihn findet man nur einmal", kommentiert Bush-Intimus Karl Rove den Rücktritt von Gerson. Kritisch ist der Verlust aber auch deswegen, weil bereits drei weitere Berater in den vergangenen Monaten zurückgetreten sind: der Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, Pressesprecher Scott McClellan und Finanzminister John Snow. Dieser Personalwechsel vollzieht sich vor dem Hintergrund ständig sinkender Umfrage-Werte der Republikaner vor der Kongresswahl im Herbst. Gersons Kündigung habe damit aber nichts zu tun, heißt es aus dem Weißen Haus.

Gerson sagte der "Washington Post", er habe Bush bereits vor vier Monaten über seinen Fortgang informiert und gewartet, bis die politische Lage sich stabilisiert habe. Der Redenschreiber wolle nun Bücher schreiben, so das Blatt weiter. Der 42-Jährige hatte im Dezember 2004 einen leichten Herzinfarkt erlitten und sich bereits vergangenes Jahr aus dem Redengeschäft zurückgezogen. Er diente Bush aber weiterhin als Berater. Sein Büro lag im West Wing des Weißen Hauses, einige Türen entfernt vom Oval Office. Er habe sich entschlossen, jetzt definitiv zu gehen, sagte Gerson der "Washington Post", "weil ich nie die Absicht hatte, bis zum Ende zu bleiben".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.