Attacken gegen Obamas Ministerkandidaten: Rückkehr der Bush-Krieger

Von und , Washington

Sie schienen komplett abgemeldet, aber nun sind sie zurück: Neokonservative aus der Bush-Ära nehmen Barack Obamas Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers unter Feuer, den Kriegskritiker Chuck Hagel. Manche der "Neocons" sähen die USA am liebsten im Dauerkrieg.

Konservativer Vordenker Kristol: "Leute dachten wohl, wir würden verschwinden" Zur Großansicht
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Konservativer Vordenker Kristol: "Leute dachten wohl, wir würden verschwinden"

Chuck Hagel, Barack Obamas Kandidat für das Amt des US-Verteidigungsministers, residiert derzeit noch in einem geräumigen Büro an der Edmund A. Walsh School of Foreign Service von Washingtons Georgetown University, einer der edelsten außenpolitischen Denkfabriken des Landes. Hagel lehrt dort als Gastprofessor.

Doch wer ihn in in seinem Büro besuchte, erlebte keinen abgewogen argumentierenden Professor. Hagel, 66, klang eher weiter wie der einfache Soldat, der er im Vietnam-Krieg war - Granatsplitter in der Brust erinnern ihn täglich an diese Zeit.

Hagel sprach wie ein Gefreiter im kalten Schützengraben, der nicht begreifen kann, was Generäle und Politiker in warmen Büros aushecken: Amerika habe sich "verrannt", sagte er über die Kriege im Irak und in Afghanistan - und gab sich entsprechend vorsichtig, wenn es um den Einsatz von Amerikas militärischer Macht ging. Egal, ob im Nahen Osten oder anderen Erdteilen.

Nun soll der Ex-Soldat Hagel Chef aller US-Soldaten werden. Doch noch muss der Senat zustimmen - und das Ringen um Hagels Nominierung dürfte nur der Beginn künftiger außenpolitischer Kämpfe in Amerikas Hauptstadt sein.

Nichts habe der Streit um Hagels Nominierung mit dessen Qualifikation für den Job des Verteidigungsministers zu tun, schreibt Joe Klein im "Time"-Magazin: "Er hat mit Israel und Iran zu tun. Es ist ein Kampf, den Obama in den kommenden Jahren führen muss - mit oder ohne Hagel." Der Politikwissenschaftler Joseph Nye glaubt: "Hier geht es um das Wiederaufrollen maßgeblicher Veränderungen in der Außenpolitik."

Dieser Kurswechsel - das ist Obamas Abschied von der neokonservativen Politik des Vorgängers George W. Bush. Es ist die Ablehnung des präventiven Kriegs und militärgestützter Demokratisierungsphantasien. Erst am vergangenen Freitag hatte Obama beim Treffen mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai deutlich gemacht, das "zentrale Ziel" der USA sei die Zerschlagung von al-Qaida. Vom Demokratieaufbau am Hindukusch ist längst keine Rede mehr.

Obama will weg vom großen Heer, möchte Einsparungen im Verteidigungsetat, mehr internationale Arbeitsteilung und möglichst keine neuen Invasionen: nicht in Syrien, nicht in Iran. Dafür mehr Spezialeinheiten, Cyberwar und Drohnenkrieg.

"Die dachten wohl, wir sollten einfach verschwinden"

Weil für diesen neuen Kurs auch die Nominierung des Republikaners Hagel steht, reizt sie die Rechtsaußen-Parteifreunde so sehr. Die Personalie Hagel lockt die "Neocons" aus der Deckung. Die "New York Times" schreibt von einer "dramatischen Rückkehr der Neokonservativen auf die öffentliche Bühne".

Was ist da los? Eben noch schienen die "Neocons" am Ende, blamiert nach acht Jahren Bush und der ewigen Achse-des-Bösen-Litanei. Als Ex-Vizepräsident Dick Cheney im Sommer 2011 in seinen Memoiren schrieb, Obamas Afghanistan-Abzug werde "wahrscheinlich vernichtende Konsequenzen" haben, erntete er Achselzucken. Das alles klang so gestrig. Musste man das noch ernst nehmen?

Doch auf einmal tönen wieder die Stimmen, die für Cheneys Irak-Krieg so laut warben. Bill Kristol etwa, Gründer des "Weekly Standard", eines elitären Intellektuellenblatts. In den Bush-Jahren galt es als Bordmagazin des Präsidentenfliegers Air Force One und ist bis heute Pflichtlektüre unter führenden Konservativen - gerade wenn Gründer Bill Kristol selbst zur Feder greift. So wie in diesen Tagen, da er die Attacken auf Hagel koordiniert.

"Leute wie er dachten wohl, wir sollten einfach verschwinden", schreibt Kristol - und wünscht sich einen Verteidigungsminister, der nicht nur ständig sinniere, wie man Amerikas Macht NICHT einsetzen solle.

Vom Linken zum Kriegsverfechter

Kristol verfasst solche Sätze an einem Schreibtisch, hinter dem Fotos der Eisernen Lady Maggie Thatcher und Ronald Reagan hängen. Kristol hat für Vizepräsidenten gearbeitet, er hat den "Weekly Standard" aufgebaut, aber vor allem ist er Sohn. Sein Vater Irving, erst ein bekannter Marxist, später ein noch bekannterer Neokonservativer, bläute ihm ein, Neokonservative seien meist ehemalige Linke - die aber begriffen hätten, dass linke Friedensphantasien sich nicht mit der Realität der Welt vertragen.

Kristol, 60, trägt dieses Andenken weiter. Vor dem Irak-Einmarsch schrieb er: "Die Geschichte des Krieges wird ja zeigen, wer richtig und wer falsch lag." Das hat die Geschichte gezeigt, aber Kristol sieht keinen Grund zur Selbstkritik. Im Gegenteil, er sagt: "Ist der Irak ohne Saddam Hussein nicht ein besserer Ort?"

Außerdem hat der schreibende Stratege längst neue Ziele ausgemacht, etwa einen Angriff auf Teherans Atomprogramm: "Glaubt irgendjemand, eine iranische Atombombe ließe sich kontrollieren?"

Romneys Ex-Berater melden sich zurück

Kristol prägte auch das außenpolitische Denken des letzten Republikaner-Kandidaten Mitt Romney. Der nannte Russland prompt "unseren geopolitischen Gegner Nummer eins" und schien gegen einen israelischen Alleingang in Sachen Iran keine Einwände zu haben.

Auch Robert Kagan gehörte zu Romneys Beraterkreis. Pünktlich zum Wahlkampf legte der neokonservative Historiker das vielbeachtete Buch "Die von Amerika gemachte Welt" vor. These: Amerika muss die globale Führungsmacht bleiben. In einer Welt, in der die USA nur noch Erster unter Gleichen wären, habe der wachsende Einfluss der Chinesen und Russen "negative Effekte für die weltweite Demokratie".

Ziehen die Neokonservativen nun mit solchen Argumenten in ihr letztes Gefecht? Bietet sich ihnen die Chance auf eine Rückkehr ins Zentrum der Politik? Tatsächlich waren sie seit dem Zweiten Weltkrieg stets eine Konstante amerikanischer Politik. Mal mehr, mal weniger einflussreich. Mal mehr, mal weniger ideologisch.

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Kampf diesmal entwickelt. Der Streit um Chuck Hagels Berufung als Pentagon-Boss ist nur der Anfang, soviel scheint klar.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Rückkehr ???
hxk 14.01.2013
Wer sich auskennt, weiß dass die sog. Neokonservativen nie weg waren. Dass jetzt die Ministerkandidaten "unter Beschuss" kommen, hat aber nix damit zu tun. Das macht die Opposition grundsätzlich.
2. Wenn ja wenn
brehn 14.01.2013
Wenn ich prinzipienlos und ohne Gewissen wäre und ausserdem mein Name auf der Gehaltsliste von Rüstungskonzernen / Konzerngruppen mit Rüstungsanteil stehen würde, wäre mir Dauerkrieg auch am liebsten.... Ausserdem...wer hat schon interesse an z.B. einem stabilisierten nahen Osten...
3. Bloß nich wieder die ewiggestrigen Knallköpfe
kokolemle 14.01.2013
Das hätte Amerika noch gefehlt. Diese Politiker braucht Amerika überhaupt nicht. Es muss endlich ein Struktur und Sinneswandel her. Es war sowiso eine Katastrohe die 1982 mit der Reagan Ära begonnen hatte. Es war immer die Gefahr eines dritten Weltkrieges mit Atomwaffen dabei. Nein so was braucht die Welt nicht mehr. Niemals mehr.
4.
rgom 14.01.2013
Zitat von sysopSie schienen komplett abgemeldet, aber nun sind sie zurück: Neokonservative aus der Bush-Ära attackieren Barack Obamas Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers, den Kriegskritiker Chuck Hagel. Manche von ihnen sähen die USA am liebsten im Dauerkrieg. US-Regierung: Obama fürchtet die Rückkehr der Neokonservativen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-regierung-obama-fuerchtet-die-rueckkehr-der-neokonservativen-a-877305.html)
Der Unterschied zwischen Chuck Hagel und den schäbigen Neocons ist, daß letztere sich im Gegensatz zu Hagel vor dem Krieg gedrückt haben (Bush jun., Cheney, Romney).
5. Die USA _sind_ im Dauerkrieg
diedickesophie 14.01.2013
und zwar nicht weil Neoconfalkenteapartyreaktionärwaffennarrenalsowederspdnochgrüne es so wollen, sondern weil der schwarze Gott der deutschen Journalisten und seine Partei seit langem an der Macht sind und die Kriege _wollen_.
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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