Republikaner und Abtreibung: Mitt Romneys Frauenproblem

Von , New York

Mit einer kruden Bemerkung über Vergewaltigungen wird der Republikaner Akin zum Ballast für Romney: Der Präsidentschaftskandidat versucht panisch, sich von seinem Parteikollegen zu distanzieren. Denn es geht im Kampf gegen Präsident Obama um eine wichtige Wählergruppe: Frauen.

AP

Alles war so schön eingefädelt. Eigentlich wollten die Republikaner am Montag den Countdown zu ihrem Wahlparteitag starten - jene viertägige Show, bei der sie nächste Woche Mitt Romney offiziell zum Kandidaten küren werden. Parteichef Reince Priebus war eigens nach Florida gereist, um die technologisch hochgerüstete Parteitagsbühne zu "enthüllen".

Doch dann kam alles ganz anders. Keiner kümmerte sich mehr um die schöne Bühne. Stattdessen ergossen sich Häme und Kritik über die Republikaner, und die mussten schon wieder Schadensbegrenzung üben. Und zwar diesmal, um die größte und wichtigste Wählergruppe nicht zu verlieren - Frauen.

Das Drama begann als Fauxpas, der im Lauf des Tages aber zum handfesten Skandal anschwoll - und zum Mega-Problem für Romney und seinen Vizekandidaten Paul Ryan. Auslöser war ihr republikanischer Parteifreund Todd Akin. Der Abgeordnete aus Missouri kandidiert für einen Sitz im Senat und hatte auch gute Aussichten, seiner Partei damit die Mehrheit im US-Oberhaus zurückzuerobern.

Doch nun steht beides in Frage - und Romney muss ernsthaft um seine Wahlchancen bei mehr als der Hälfte der Amerikaner bangen.

Was ist geschehen? In einem TV-Interview hatte sich Akin, 65, zu seinem Lieblingsthema Abtreibung ausgelassen. Genauer gesagt: Abtreibung im Fall von Vergewaltigung - die der studierte Theologe weder für nötig noch für zulässig befand: "Wenn es sich um eine rechtmäßige Vergewaltigung handelt, hat der weibliche Körper Möglichkeiten, die ganze Sache abzustellen." Will heißen: Der psychologische Stress der Vergewaltigung wirke als biologische Empfängnisverhütung.

Lange nicht mehr hat ein US-Politikersatz so viele Unsäglichkeiten enthalten. "Rechtmäßige" Vergewaltigung? "Die ganze Sache abstellen"?

Akin ruderte zwar gleich zurück: Er habe sich "versprochen". Doch schnell überschatteten seine Worte sogar die andere aktuelle Republikaner-Affäre - die feuchtfröhliche Nacktbade-Exkursion einer US-Kongressdelegation im israelischen See Genezareth vorigen Sommer.

Panisch distanziert sich die Partei nun von Akin. Allen voran Mitt Romney, der es bei weiblichen Wählern so schon schwerer hat als sein Widersacher US-Präsident Barack Obama: Akins Worte seien "beleidigend, unentschuldbar und, ehrlich gesagt, falsch".

Akin klammert sich an seine Kandidatur

Viele führende Republikaner drängen Akin auf einmal, seine Kandidatur aufzugeben - um ihre Hoffnung auf einen Senatssieg mit einem anderen Bewerber doch noch zu retten. Das National Republican Senatorial Committee sowie die millionenschwere Spendengruppe "Crossroads GPS" entzogen Akin ihre Gelder.

Der zeigt sich bisher aber stur. "Ich bin kein Drückeberger", konterte er in der Radioshow des erzkonservativen Ex-Gouverneurs Mike Huckabee, der zu den wenigen gehört, die sich auch in der Öffentlichkeit verständnisvoll zeigen. Der Parteispitze, die Akin dagegen plötzlich verzweifelt loswerden will, läuft die Zeit weg: An diesem Dienstagnachmittag endet die Frist, bis zu der sie noch einen neuen Kandidaten nominieren könnte.

Akins Senatsgegnerin, die demokratische Senatorin Claire McCaskill, darf sich freuen: Sie hatte zuvor kaum Chancen - und ist nun buchstäblich über Nacht die Favoritin.

Doch der Aufstand der Republikaner gegen ihren Zögling Akin trieft vor Scheinheiligkeit. Denn der hat, wie ein Blick in seine Vergangenheit voller derber Bemerkungen zeigt, nicht nur aus dem eigenen Herzen gesprochen. Sondern zugleich eine Schattenseite der abtreibungsfeindlichen US-Konservativen enthüllt, von der sich auch das Vorzeigeduo Romney/Ryan nur schwer lösen kann. Akins seltsames Frauenbild, sagte die Kolumnistin Cynthia Tucker auf MSNBC, sei "die Sicht des republikanischen Mainstreams".

In der Tat wimmelt es im Zitatenarchiv der Republikaner vor ähnlich kruden Äußerungen: Manche Vergewaltigungsopfer seien ja selbst schuld, sie sollten doch lieber stillhalten, resultierende Schwangerschaften seien so selten wie "Schnee in Miami". Die Männer, die sowas von sich geben, sind zwar meist rechte Kommunalschergen, werden aber vom Establishment geduldet - wenn nicht gar befördert, etwa auf mächtige Richterposten.

Allein die Floskel "rechtmäßige Vergewaltigung", die Akin am Montag noch verschlimmbesserte: Er habe "gewaltsame Vergewaltigung" sagen wollen. Was ein bizarrer Kunstbegriff ist, den die Republikaner nur erfunden haben, um in einigen Fällen eine Abtreibung zu unterbinden.

Diese Verhöhnung tauchte erstmals im Januar 2011 auf. Eines der ersten Gesetze, das die neu erstarkten Republikaner da anpackten, strich Staatsgelder für Abtreibungen, mit Ausnahme von Vergewaltigungen. Nach einem frühen, inzwischen modifizierten Gesetzestext mussten die Opfer dazu aber nachweisen, dass sie eine "gewaltsame Vergewaltigung" erlitten hätten.

Unter den Befürwortern dieser und ähnlich zynischer Maßnahmen: Akin - und Romneys Vize Ryan.

Letzterer will davon heute nichts mehr wissen: Fieberhaft dementiert das Romney-Team auf einmal jede ideologische Nähe zum einstigen Hoffnungsträger Akin, versucht einen Wall um das giftige Gedankengut zu errichten - obwohl solche Töne im immer einflussreicheren rechten Flügel der Partei ja Tradition haben.

Demokraten wittern ihre Chance

Denn Akin ist nicht der erste Republikaner, der Frauen vergrätzt. Zuletzt beschimpfte Talk-Rowdy Rush Limbaugh die Studentin Sandra Fluke ("Schlampe"). Romney selbst schwor, Planned Parenthood "loszuwerden", eine Organisation, die Sexualberatung, Krebsvorsorge oder HIV-Tests anbietet und sich für Abtreibungsrechte einsetzt. Da hilft es wenig, dass er verstärkt Gattin Ann vorschickt, um sein Frauen-Image zu pflegen.

Die Demokraten wittern eine neue Chance, Romney und Ryan als Extremisten im "Krieg gegen Frauen" zu zeichnen. Obama erschien am Montag unangekündigt im Briefing Room des Weißen Hauses, zu seiner ersten Pressekonferenz seit Monaten. Er wusste: Die erste Frage würde dem Akin-Affront gelten.

So kam es auch: Was er denn von der republikanischen Unterscheidung zwischen "gewaltsamer" und "nicht-gewaltsamer" Vergewaltigung halte? "Vergewaltigung ist Vergewaltigung", gab Obama kurzum zurück.

Ach ja: Trotz allem "enthüllte" Republikaner-Chef Priebus am Montag in Florida die tolle Parteitagsbühne. "Unsere Partei ist begeistert", erklärte er in Tampa. "Amerika ist begeistert." Zuvor hatte er die lange Liste der Festredner bekanntgegeben. Todd Akin ist nicht darunter.

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1.
ftrnw 21.08.2012
Sandra Fluke, nicht Sarah Fluke
2. Adam
Sabi 21.08.2012
Diese Partei glaubt auch an Adam und Eva als erste Menschen vor nur 6000 Jahren und an Meister Storch als Baby-Bringer !
3. verrueckt
ziegenzuechter 21.08.2012
Zitat von sysopMit einer kruden Bemerkung über Vergewaltigungen wird der Republikaner Akin zum Ballast für Romney: Der Präsidentschaftskandidat versucht panisch, sich von seinem Parteikollegen zu distanzieren. Denn es geht im Kampf gegen Präsident Obama um eine wichtige Wählergruppe: Frauen. US-Republikaner: Akin belastet Romney mit Aussagen zur Abtreibung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851115,00.html)
,krank, menschenverachtend, selbstherrlich und dumm. lieber den "friedensapostel" obama als nochmal diese republikanerhorde. 8 jahre bush waren genug fuer 100 jahre.
4. Legitime Vergewaltigungen
Emil Peisker 21.08.2012
Zitat von sysopMit einer kruden Bemerkung über Vergewaltigungen wird der Republikaner Akin zum Ballast für Romney: Der Präsidentschaftskandidat versucht panisch, sich von seinem Parteikollegen zu distanzieren. Denn es geht im Kampf gegen Präsident Obama um eine wichtige Wählergruppe: Frauen. US-Republikaner: Akin belastet Romney mit Aussagen zur Abtreibung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851115,00.html)
Ein nicht gewaltsame Vergewaltigung, also eine legitime, ist eine Rechtskonstruktion, die im Gegensatz zur gewaltsamen Vergewaltigung steht. Legitime Vergewaltigungen sind nach Ansicht dieser Konservativen, bei der Frauen durch ihre Kleidung und/oder ihrem Verhalten, Männern mit ausgeschaltetem Verstand und erigiertem Geschlechtsorgan emotional vermittelt haben, dass sie zwar NEIN sagen, aber JA meinen. Eine ähnliche Einstellung wie bei Islamisten, die deswegen ihre Frauen von Kopf bis Fuß verschleiern.
5.
jinxed 21.08.2012
Akin bewegt sich zu 100% auf dem Pfad seiner Parteibasis, die nun genau diese Politik in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen hat. First on CNN: GOP prepares tough anti-abortion platform – CNN Political Ticker - CNN.com Blogs (http://politicalticker.blogs.cnn.com/2012/08/20/first-on-cnn-gop-prepares-tough-anti-abortion-platform/) Mal sehen, welche Ausmaße die rhetorischen Verrenkungen von RR nun annehmen werden....
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