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US-Wahlkampf: Romneys rüstige Rentner-Armee

Aus Florida berichten und (Video)

Im Kampf ums Weiße Haus könnten sie am Ende das Zünglein an der Waage sein - Floridas Rentner. In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung "The Villages" treffen konservative Wutbürger auf ein Häuflein Demokraten. Republikaner Romney hat dort eine gigantische Fanbasis. Kritiker werden stummgestellt.

SPIEGEL ONLINE

So richtig los geht die Party im Burger-Schnellrestaurant, als Buddy Holly mittags die Regie übernimmt. Aus den Lautsprechern dröhnt "Peggy Sue", und schon spielen Buletten, Pommes, Milchshakes keine Rolle mehr. Die Alten im Laden klatschen, sie schunkeln, was so geht. Vier Kellnerinnen tanzen zwischen all dem Edelstahl und den roten Sitzecken durch den Laden. "Oh Peggy, my Peggy Sue, u, ue."

Fünfziger-Jahre-Atmo in Amerikas Seniorenparadies "The Villages". Eine Kunststadt im Zentrum Floridas, dort, wo stets die Sonne scheint. Gut 80.000 Einwohner, zugezogen aus den kühleren Landesteilen, Mindestalter 55 - das Personal mal ausgenommen. Beliebtestes Fortbewegungsmittel ist das Golf-Mobil, manche haben den Mercedes-Stern auf der Haube angebracht, andere einfach einen Schriftzug: "Heaven can wait."

Das Leben hier ist schön. Und am schönsten ist es, wenn man Republikaner ist. Denn dann hat man ganz viele Freunde.

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Rentner in Florida: Romney im Herzen - Obama auf dem Kieker
Nur rund 600 aktive Demokraten gibt es in "The Villages", dafür aber gleich drei Republikaner-Clubs. Einen leitet Jack Sgammato. Der 76-Jährige trägt einen Romney-Anstecker und schnauft unter seiner Körperlast. Es wird jetzt spannend im Kampf um die Präsidentschaft, Mitt Romneys Krönungsparteitag auf der Convention in Tampa steht bevor. Und Sgammato hat Wut im Bauch. "Obama hassen wir nicht", sagt er, "aber wir hassen das, was er unserem Land angetan hat. Er hat es geteilt, um es zu beherrschen."

Sicher, Romney sei nicht der Superstar, den alle in Barack Obama sehen. Und er, Sgammato, sei während der republikanischen Vorwahlen ja auch noch für Newt Gingrich gewesen. Aber nun stehe er hinter Romney. Sgammato tippt auf seinen Anstecker: "Das ist ein Geschäftsmann, so einen brauchen wir im Weißen Haus."

Romney braucht die Seniorensiedlung

Romney war dieses Jahr schon vier Mal in der Stadt, vor ein paar Tagen zeigte sich Vize-Kandidat Paul Ryan den Rentnern, die eigene Mutter im Schlepptau als Beleg seines Wissens um die Bedürfnisse der Alten. Als Geldautomaten bezeichnen die Republikaner die Seniorensiedlung, 95 Prozent der Spenden von hier gehen an die Grand Old Party. Wer als Republikaner Florida gewinnen will - und Romney braucht Florida, um Präsident zu werden - der kann auf "The Villages" nicht verzichten.

Und auf Gary Morse auch nicht. Der Mann hat die Siedlung gegründet, sie hat ihn zum Multimillionär gemacht. Wer in das Republikanerreich zieht, kauft sich bei Morse ein, lässt sein Haus von Morses Bauunternehmen hochziehen, bekommt einen Kredit von Morses Bank, speist in den Restaurants von Morse, kauft in seinen Läden ein, liest seine "Daily Sun" und schaut seinen Fernsehsender. Es ist ein Megageschäft. Eine echte Stadtregierung gibt es nicht. Gary Morse entscheidet, was geht und was nicht.

Logisch, Morse ist Republikaner. Und was für einer. Der 75-Jährige und seine Familie haben für den Kampf gegen Obama schon rund 1,5 Millionen Dollar aufgebracht. Am 25. Juni schrieb er einen Brief an all seine Angestellten, an "unser gesamtes Villages-Team". Darin forderte er seine Leute offensiv zum Spenden für Romney auf: "Helft mir, Mitt Romney ins Weiße Haus zu bringen. Mitts Wahl wird den Kurs unseres Landes verändern." Morse unterzeichnete mit "Gary" und einen frankierten Rückumschlag für die Spendenschecks legte er auch gleich bei. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE in der Sache brachte keine Reaktion.

Zurück an die Basis. Jack Sgammato und ein paar seiner Leute treffen sich an diesem Tag im Haus von Dan Semenca zum Politisieren bei Kaffee und Keksen. Der 74-jährige Semenca war Lehrer, seit 19 Jahren lebt er nun hier. Sein Haus hat er mit Dutzenden Nussknackern aus Germany geschmückt, an der Wand hängt ein gerahmtes Titelblatt des "Time"-Magazins mit dem Porträt vonGeorge W. Bush. Man ist hier noch stolz auf Präsident Nummer 43, den Romney nicht in Tampa dabeihaben will. Sie schwärmen von Ronald Reagan und finden die rechtspopulistische Tea Party prima.

"Die haben was in Bewegung gebracht", sagt Gastgeber Semenca, "die motivieren auch die jüngeren Leute." Aber ist die Tea Party nicht so radikal, dass sie unabhängige Wähler verschrecken könnte? Nein, sagt Clubchef Sgammato, "erst mit einer gestärkten Basis können wir die Unabhängigen überzeugen".

Guter Redner? "Hitler war das auch"

Und was heiße denn bitteschön "radikal"? Das sei doch Unsinn, ein Märchen der Medien: "Es gibt keine freie Presse mehr in Amerika." Ex-Lehrer Semenca assistiert: "94 Prozent aller Leute, die im Nachrichtengeschäft arbeiten, sind registrierte Demokraten." Und Obama? Klar, der sei ein guter Redner, sagt Sgammato, "aber Adolf Hitler war das auch".

Was ist da los? Sgammato, Semenca und den anderen geht es gut, sie alle sind sehr gastfreundliche, offene Menschen. Viele hatten ein erfülltes Leben, haben Enkelkinder, sie wohnen im Seniorenparadies und drumherum liegen vier Dutzend Golfplätze. Niemand will ihnen etwas wegnehmen. Dennoch haben sie sich mit viel Wut eingerichtet auf ihrer Seite des politischen Grabens, der sich durch Amerika zieht.

Um auf die andere Seite zu kommen, muss man ans andere Ende der Siedlung fahren, zu Joseph Flynn. Eigentlich sieht es bei ihm genauso aus, allerdings hat er statt der Nussknacker eine Modelleisenbahn, Spur N. Und ein Bush-Porträt an der Wand gibt es auch nicht. Denn der 69-Jährige ist einer der wenigen bekennenden Demokraten in "The Villages". Flynn sagt: "Man lernt, mit der politischen Unterdrückung zu leben."

"Mit denen rede ich nicht über Politik"

Nicht Sgammato und Co. sind sein Problem. Sondern Bauunternehmer Morse, der Mann, dem hier alles gehört. "Er kontrolliert uns", sagt Flynn. Als neulich Romneys Vize Ryan da war, wollte Flynn eine Gegenveranstaltung der Demokraten organisieren, bat die Verwaltung um einen Veranstaltungsort. "Aber sie wollten uns keinen geben", sagt er. Vor zwei Jahren habe ein demokratischer Kandidat für den Senat eine Rede in der Siedlung halten wollen, doch man habe es ihm untersagt. Am Ende ließ Flynn den Mann in seinem Garten auftreten.

Der Übermacht der 33.000 registrierten Republikaner in "The Villages" stehen immerhin 16.000 registrierte Demokraten gegenüber, "doch die meisten hier haben Angst vor Kontroversen mit den Nachbarn", sagt Flynn. Deshalb offenbarten sich eben gerade mal die besagten 600. Es sei schwierig, mit Republikanern eine "zivile Diskussion" zu haben, seit Obama Präsident geworden sei. Natürlich, beteuert der vor sieben Jahren aus Connecticut zugezogene Flynn, habe er auch republikanische Freunde - "aber mit denen rede ich nicht mehr über Politik".

Flynn war im Rückversicherungsgeschäft, oft drüben in England. Er geht die Dinge gern analytisch an, hat Obamas Gesundheitsreform und die Kritik daran auf elf Seiten zerpflückt, hält Vorträge. Er sagt, es gebe auch "ein paar gute Dinge" im umstrittenen Haushaltsplan von Paul Ryan: "Warum können die sich nicht mal wieder alle zusammensetzen?"

Im Golf-Mobil auf Stimmenfang für Obama

Eben, warum eigentlich nicht? Tja, sagt Flynn, die Republikaner hätten Obamas Präsidentschaft eben nie akzeptiert, sie richteten ihre ganze Kraft darauf, ihm eine zweite Amtszeit zu verwehren. Das sei der Ausgangspunkt der Spaltung. Ist das tatsächlich so? Wie hatte noch Ex-Lehrer Semenca jenseits des Grabens gesagt? In der zweiten Amtszeit von Bush hätten die Demokraten alles blockiert, "sie wollten ihn dumm aussehen lassen". Das sei der Ausgangspunkt der Spaltung. So, und nun?

Demokrat Flynn sagt, die Spaltung werde noch tiefer, wenn der Abstand zwischen Mittelklasse und Top-Verdienern weiter wachse. Weil es dann immer mehr Enttäuschte gebe: "Wenn Romney gewählt wird, dann ist das ein bitterer Tag für die Mittelklasse." Aber jetzt muss er los, rüber zum Marktplatz, wo jeden Abend - außer an Weihnachten - eine Liveband spielt und die Alten tanzen.

Aber Joseph Flynn will nicht tanzen. Er will dort für Obama kämpfen. "Am Ende kommt es auf ein paar tausend Stimmen im Swing State Florida an", sagt er. Und die will er selbst im Republikanerparadies suchen. So setzt sich Flynn die blaue Mütze mit dem Obama-Anstecker auf, steigt in sein Golf-Mobil mit der US-Fahne am Heck und düst los.

Irgendwo müssen sie ja sein, die 16.000 Demokraten.

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1. Freiheit
lordas 26.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIm Kampf ums Weiße Haus könnten sie am Ende das Zünglein an der Waage sein - Floridas Rentner. In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung "The Villages" treffen konservative Wutbürger auf ein Häuflein Demokraten. Republikaner Romney hat dort eine gigantische Fan-Basis. Kritiker werden stumm gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851598,00.html
Ja das ist es, das "Land of the Free". Wo sich politisch anders Denkende nicht trauen ihre Überzeugung öffentlich zu machen. Aus Angst vor Repressalien. Wo Gleichberechtigung von politischen Lagern ein Schimpfwort ist. Wo Obama der zweite Hitler und der zweite Mao ist. Wo der Ausdruck "Alle doof, außer ich" noch gelebt wird.
2. Tod der Solidargemeinschaft
el-gato-lopez 26.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIm Kampf ums Weiße Haus könnten sie am Ende das Zünglein an der Waage sein - Floridas Rentner. In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung "The Villages" treffen konservative Wutbürger auf ein Häuflein Demokraten. Republikaner Romney hat dort eine gigantische Fan-Basis. Kritiker werden stumm gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851598,00.html
Das mag polemisch klingen, aber dort wo Besitzstandswahrer die politische Marschrichtung vorgeben, endet früher oder später der Gemeinschaftssinn. Grosse Teile der weissen US-Mittelschicht und besonders der ältere Teil davon, haben sich längst in eine schizophrene Traumwelt verabschiedet. Einerseits eine naive 50's Romantik - da "herrschte noch Ordnung"; es war klar, dass die Minorities nichts zu melden hatten und die USA objektiv betrachtet tatsächlich in puncto Wirtschaftskraft, Infrastruktur etc. führend waren. Andereseits eine geradzu groteske Gegenwarts- und Zukunftspanik. Wütende, bornierte alte Leute, ohne viel Verständnis für die globalisierte multipolare Welt, die sich vor "den Roten in Asien", "Migranten" und "Kommunisten in Washington" fürchten, hurrapatriotisch auf PC rumtippen, die längst in China und Indonesien gebaut werden - den Präsidenten beschimpfen, der ihre Gesundheitsversorgung verbessern will. Es schaunt düster aus für Amerika...
3. Alt
Izmi 26.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIm Kampf ums Weiße Haus könnten sie am Ende das Zünglein an der Waage sein - Floridas Rentner. In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung "The Villages" treffen konservative Wutbürger auf ein Häuflein Demokraten. Republikaner Romney hat dort eine gigantische Fan-Basis. Kritiker werden stumm gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851598,00.html
Ein Gespenst geht um - in den Köpfen der reichen Amerikaner. Das Gespenst, es könnte bald der Tag der Wahrheit kommen, da man doch wird teilen müssen. Weil es die Mehrheit erzwingt. Und davor glauben sie sich schützen zu können in selbstgeschaffenen Ghettos, wo Demokratie und Freiheit schon längst nicht mehr gelten, weil alles nur auf Dollarbasis abgerechnet wird. Sie tun mir aufrichtig leid, diese zum Aussterben verurteilten Dinosaurier - der Meteor ist schon unterwegs.
4. Man kann nur den Kopf schütteln....
Gluehweintrinker 26.08.2012
Leider muss ich zustimmen. Romney behauptete, dass Russland immer noch der größte Feind der USA sei. Colin Powell dazu: "Come on, Mitt... think!" Das sagt doch alles. Der Präsidentschaftskandidat muss zum Denken ausgefordert werden. Es bleibt zu hoffen, dass das arme Drittel endlich den Hintern hochkriegt und sein vornehmstes Recht wahrnimmt. Aber wir haben es ja schon bei der letzten Abstimmung in Hamburg über das Schulsystem erlebt: die Reichen organisieren sich, die Armen wissen gar nicht, dass gewählt wird. Ob man sie noch zur Wahl prügeln muss, um ihre Rechte wahrzunehmen.... ich weiß es nicht.
5.
Atheist_Crusader 26.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIm Kampf ums Weiße Haus könnten sie am Ende das Zünglein an der Waage sein - Floridas Rentner. In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung "The Villages" treffen konservative Wutbürger auf ein Häuflein Demokraten. Republikaner Romney hat dort eine gigantische Fan-Basis. Kritiker werden stumm gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851598,00.html
Kunststück. Wer 50-60 Jahre alte Werte anbietet, punktet NATÜRLICH bei denjenigen, die mit diesen Werten aufgewachsen sind. Aber der konservative Glaube, mit einer Rückbesinnung zu alten Werten wieder zu altem Wohlstand und Macht zurückkehren zu können (und "moderne" Probleme wie aufmüpfige Massen, Teenager-Schwangerschaften oder gar Rapmusik verschwinden lassen zu können), ist kein Stückchen weniger idiotisch als die Leute die hierzulande glauben, dass mit der Wiedereinführung der D-Mark die deutsche Wirtschaft auf Januar 2001 resettet werden kann. Das Rad der Zeit dreht sich weiter. Wer sich davorstellt und so tut, als wäre es noch ein paar Kilometer entfernt, der wird eben davon plattgewalzt. Was in meinem Augen nicht wirklich schlimm wäre - Dummheit gehört bestraft - nur werden nicht die Verantwortlichen wie Romney bestraft. Der wird auch nach Jahrenn nach Jahrzehnten wirtschaftlichen Abschwungs noch ein Vermögen besitzen. Treffen wird es die Massen. Auch an Rentnern. Nur auch wieder nicht die in "In Amerikas exklusivster Seniorensiedlung".
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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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